Christian Seiferts schwieriges Manöver

Christian Seifert, Geschäftsführer der DFL.

Der Krisenmanager der Bundesliga

Christian Seiferts schwieriges Manöver

Von Frank Hellmann

Christian Seifert muss als Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga gegen existenzbedrohende Szenarien ankämpfen, eine Flotte voller leck geschlagener Schiffe manövrieren. 36 Profiklubs schauen auch auf ihn. Ein Porträt.

Das Dankeschön an die deutsche Politik schien Christian Seifert wichtig. Am Montag (16.03.2020) saß er in einem Hotel am Frankfurter Flughafen in gehörigem Sicherheitsabstand zu seinem Mediendirektor Christian Pfennig auf dem Podium, als er explizit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für seine ständige Erreichbarkeit dankte. Das sei nicht selbstverständlich in Tagen, in denen das Coronavirus ein ganzes Land in den Krisenmodus stürzt.

Vom Chefvermarkter zum Krisenmanager

Auch der DFL-Boss, der vor 15 Jahren als junger Medienmanager zur Liga-Organisation kam, befindet sich in der schwierigsten Phase seines beruflichen Wirkens. Aus dem Chefvermarkter ist der Krisenmanager geworden. Als der 50-Jährige nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Livestream vor acht ausgesuchten Journalisten die dramatische Lage des deutschen Profifußballs mit einer eindringlichen Beschreibung ("Es geht ums Überleben") zusammenfasste, blieb nicht nur diese Botschaft hängen.

Seifert konnte glaubwürdig vermitteln, wie sich auch seine Prioritäten verschoben haben. Noch am 3. März hatte die DFL zu einem Pressegespräch in die Zentrale in Frankfurt geladen. Seifert stellte die nächste Medienrechte-Ausschreibung vor. Er sprach von der "anspruchsvollsten, kompliziertesten und wertvollsten Rechtevergabe seit Erfindung des Fernsehens". Alle vier Jahre fokussiert sich seine Tätigkeit auf diesen Termin.

Seifert: "Wie im Science-Fiction-Film"

Normalerweise würde er sich Ende April an einen geheimen Ort in Frankfurt zurückziehen, um möglichst den besten Abschluss auszuhandeln. Aber Seifert gestand nun: "Die Frage ist ehrlich gesagt nicht meine drängendste." Denn auch er wähnt sich inzwischen "wie im Science-Fiction-Film“. Jeden Klub hat die DFL aufgefordert, "Extremstszenarien" durchzuspielen, was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit angeht. Er weiß, dass viele Erst- und Zweitligisten am Tropf der Medienerlöse hängen, die im Schnitt ein Drittel der Einnahmen ausmachen.

Verantwortung für 56.000 Arbeitsplätze

Deshalb soll die Saison zu Ende gespielt werden. Irgendwie. Irgendwann. Die Kritik, dass die DFL kürzlich noch einen Spieltag unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchziehen wollte, nahm er an - und begründete dies mit seiner Verantwortung für 56.000 Arbeitsplätze: "Es wird nicht die letzte Entscheidung sein, die wir in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten zu revidieren haben." Für ihn ist es ein Zeichen von Verantwortung, seine Beschlüsse den Gegebenheiten anzupassen.

Der zweifache Familienvater, der am Wochenende gerne in kurzen Hosen für einen Fernsehabend mit seinen Töchtern die Pizzen holt, ist pragmatischer als viele denken. Fußballerisch geprägt haben ihn eher provinzielle Erfahrungen in den Jugendmannschaften des FV Ottersdorf und des FC Rastatt 04 - aber nur äußerst selten erzählt er noch davon.

Verblüffte Kommilitonen

Kommilitonen von der Universität Essen, wo Seifert einst Kommunikationswissenschaften, Marketing und Soziologie studierte, waren schon damals ob seiner Auffassungsgabe und seinem Scharfsinn verblüfft. Seifert verfügt über eine glänzende Rhetorik. Ironie, Spitzfindigkeiten oder Wortwitz zählen zum Standardrepertoire, um seinen Ausführungen Nachhall zu verleihen.

Sein Abitur hatte er an einem technischen Gymnasium gemacht, Hauptfächer Physik und Technik. Die Themengebiete lagen ihm. "Ich denke auch noch heute sehr stark in Prozessen und Strukturen, was mir hilft, in komplexen Situationen den Überblick zu bewahren", sagte er einmal.

Massenphänomene sind sein Ding

Bevor Seifert zum "Mr. Bundesliga" wurde, arbeitete er für die MGM Media Gruppe, war Marketingdirektor des Musiksenders MTV und Vorstandsvorsitzender der Karstadt-Quelle New Media AG: "Wenn ich es rückblickend betrachte, war ich erst in der Werbung, dann beim Fernsehen und jetzt im Fußball: alles Massenphänomene." Nur ist die Bundesliga wohl das größte von allen - und für viele Menschen das wichtigste.

Die Akzeptanz war nicht einfach

Sein strategisches Denken sollte nach seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahrzehnten bald wertvoll werden, um die Bundesliga unternehmerisch besser zu positionieren. Vor seiner Zeit lag die Auslandsvermarktung völlig brach, viele Vereine lebten von der Hand in den Mund. Borussia Dortmund stand beispielsweise nahe am Abgrund. Dass der deutsche Profifußball zuletzt einen Gesamtumsatz von 4,8 Milliarden Euro auswies und die meisten Klubs schwarze Zahlen schrieben, ist auch sein Verdienst. Als er 2013 und 2017 neue Fernsehverträge aushandelte, betrugen die Steigerungsraten 50 beziehungsweise 80 Prozent.

Einer, der sich nicht treiben lässt

Doch es hat gedauert, bis der Mann der klaren Worte wirklich in der bisweilen eigenartigen Welt der Fußball-Funktionäre angekommen war. Inzwischen gibt es keinen mehr, der ihn maßregelt: Karl-Heinz Rummenigge, Fredi Bobic oder Max Eberl - sie sind alle angetan von seinen Fähigkeiten. Seifert outet sich aus Jugendzeiten als Fan von Borussia Mönchengladbach. Das Bekenntnis ist unverfänglich, weil er keiner ist, der sich von Emotionen, von Fans und erst recht nicht von Medien treiben lässt.

Wie andere Führungskräfte hat er einen natürlichen Machtanspruch: Der Posten von Liga-Präsident Reinhard Rauball wurde nicht neu besetzt, mit dem Kritiker und Praktiker Andreas Rettig kam er nicht klar. Dafür hat Seifert die wichtigsten Bundesliga-Entscheider ins Boot geholt, als er nach dem WM-Desaster Handlungsbedarf sah.

Kooperieren statt maßregeln

Er erkannte, dass er nicht immer nur den Deutschen Fußball-Bund (DFB) maßregeln kann, sondern ihn sich besser als Partner nimmt: Symbolisch holte er jüngst beim Neujahrsempfang den von ihm über eine Findungskommission mit ausgesuchten DFB-Präsidenten Fritz Keller auf die Bühne.

Seifert zu Geisterspielen: "Sie sind die einzige Überlebenschance für viele Klubs" Sportschau 16.03.2020 00:28 Min. Verfügbar bis 16.03.2021 Das Erste

International ist er bestens vernetzt

DFL und DFB ziehen längst an einem Strang, um den deutschen Fußball irgendwann zurück in die Weltspitze zu hieven. Dazu sagte er beim Neujahrstreff: "Wir dürfen bei der Zukunftsfrage nicht den Fehler machen, der in Deutschland bei vielen großen Themen gemacht wird. Dass wir nämlich vieles angeblich besser wissen, aber objektiv nur noch wenig wirklich besser machen."

Seifert hat mit der DFL eine Institution geprägt, die international vielleicht sogar noch höher angesehen ist als national:  UEFA-Boss Aleksander Ceferin oder FIFA-Chef Gianni Infantino gehen ans Handy, wenn der Bundesliga-CEO anruft. Auf der außerordentlichen Liga-Versammlung konnte er nach Meinung fast aller Teilnehmer punkten. "Es mag vor dem Treffen unterschiedliche Sichtweisen gegeben haben", sagte Seifert danach, "ich gehe davon aus, dass es jetzt nur noch eine ist."

Flotte voller leck geschlagener Schiffe

Skeptikern von "Geisterspielen" schrieb er jetzt ins Stammbuch, dass diejenigen auch damit klarkommen müssten, dass es dann keine 18 Bundesligisten mehr gebe. Er wird die nächsten Wochen Stehvermögen wie Wandlungsfähigkeit beweisen müssen. Viel deutet darauf hin, dass er bei einer langen Spielpause bald eine Flotte voller leck geschlagener Schiffe durch tosende See steuern muss.

Es könnte auf dem Kurs viele Richtungsänderungen brauchen, und auch ein Kentern droht einzelnen Booten. Aber es gibt kaum Zweifel, dass er für den Profifußball der richtige Steuermann ist. Auch wenn er noch nicht weiß, wann bei dieser Pandemie das rettende Ufer erreicht werden kann.

Seifert: "Spiele ohne Zuschauer sind die einzige realistische Option" Tagesthemen 16.03.2020 04:17 Min. Verfügbar bis 16.03.2021 Das Erste

Stand: 20.03.2020, 07:00

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