Christian Gross - Schalkes letzte Hoffnung

Schalke-Trainer Christian Gross bei seiner Vorstellung

Neuer Trainer in Gelsenkirchen

Christian Gross - Schalkes letzte Hoffnung

Von Jörg Strohschein

Christian Gross ist die letzte Hoffnung. Der 66-Jährige soll den FC Schalke 04 retten. Eigentlich ist Gross schon Rentner, in diesem Sommer hatte er seine Karriere für beendet erklärt. Aber: Besondere Situationen erfordern offenbar auch spezielle Personen - und dass der Schweizer Fußballlehrer kein 08/15-Coach ist, hat er bei seinen Stationen vor allem in der Schweiz, aber auch schon in Deutschland bewiesen.

Beim VfB Stuttgart war Gross einst Trainer in der Bundesliga. Im Dezember 2009 hatte er Markus Babbel bei den Schwaben abgelöst und den damaligen Tabellen-15. auf den sechsten Tabellenplatz geführt. In 19 Spielen unter Gross gelangen den Stuttgartern unter anderem 14 Siege und drei Unentschieden. Von einer solchen Erfolgsgeschichte können sie bei den chronisch erfolglosen Schalkern (29 Bundesliga-Spiele in Folge ohne Sieg) im Moment nur träumen.

Alle Versuche funktionieren nicht

Wenn dieses Mal am Ende der Klassenerhalt herausspringen würde, hätte Gross wohl schon ein kleines Wunder geschafft. Darauf scheint S04-Sportvorstand Jochen Schneider, der den glatzköpfigen Schweizer einst während seiner Zeit beim VfB kennen lernte, zu hoffen. Gross ist in seiner ganz speziellen Art die letzte Option, die Schneider noch wählen konnte, um den stolzen Ruhrgebietsklub vor dem Totalabsturz zu bewahren.

Gross tritt Retter-Mission an: "Mit viel Zuversicht an die Aufgabe" Sportschau 28.12.2020 00:42 Min. Verfügbar bis 28.12.2021 Das Erste

Die Schalker hatten zuletzt ja viel probiert. Nach David Wagner, der mit seinen Spielern kaum einmal redete, versuchte es Manuel Baum mit einem pädagogischen und kommunikativen Ansatz. Baum verordnete aber deutlich zu viel Taktik und hoffte auf das Verständnis der Spieler. Leidenschaft und Erfolgswillen spielten eine eher untergeordnete Rolle. Das alles hat überhaupt nicht funktioniert.

Christian Gross: Der Schweizer Serienmeister und Weltenbummler Sportschau 28.12.2020 01:02 Min. Verfügbar bis 28.12.2021 Das Erste

Höflich aber unnahbar

Nun soll Christian Gross das fast schon untergegangene Schiff wieder über die Wasserfläche heben. Der Polizistensohn aus Zürich-Höngg hat eine hervorstechende Eigenschaft in seiner Funktion als Trainer: Er ordnet dem Erfolg alles unter.

Das ist zwar eine im Fußball häufig gebrauchte Phrase - im Fall von Gross sollten sich die Schalker Profis allerdings darauf einstellen, dass nun ausschließlich das Leistungsprinzip das Kriterium für eine Berücksichtigung im Kader und in der Startelf gilt. "Ich verlange von den Spielern immer volle Leidenschaft", sagt Gross immer wieder über seine Erwartungen. Wer das einlöst, bekommt keine Probleme mit dem Schweizer. Wer nicht, wird nicht mehr berücksichtigt.

Keine Diskussionen mit dem Coach

Diskussionen wird es mit dem Coach nicht geben. Seine Sprache ist klar, seine Anweisungen sind eindeutig. Gross ist ein grundsätzlich höflicher Mann, der seine Unnahbarkeit allerdings kultiviert hat. Er "siezt" vom Platzwart bis zum Spieler über die Führungsriege ausnahmslos alle. So macht er sich unabhängig und gerät nicht in den Verdacht einer möglichen Kumpanei.

Gross' Ansprachen an die Spieler sind überaus direkt, was manch einen Schalker Profi zunächst einmal erschrecken dürfte. "Die Spieler müssen mich nicht lieben, aber sie sollen mich mögen", sagte er einmal über seinen Führungsstil. Auf den ersten Blick ein autoritärer, früher häufiger gebrauchter Führungsstil, der im modernen Fußball kaum noch zu finden ist. Allerdings hat Gross sich stets weitergebildet und keinen Trainerlehrgang ausgelassen.

Vertrauen vor allem in sich selbst

Mit dieser direkten Art arbeitete Gross einst auch in der Schweiz. Von den Grasshoppers Zürich, mit denen er zwei Meisterschaften erringen konnte, und nach einem kurzen Gastspiel bei Tottenham Hotspur, wechselte Gross zum FC Basel. In zehn Jahren führte er den Klub zu vier Meisterschaften und ebenso vielen Pokalsiegen und begründete die hervorgehobene Rolle des Klubs in der Schweiz.

Wie er das gemacht hat? Gross vertraut vor allem erst einmal sich selbst, nicht nur im Zweifel trifft er alle Entscheidungen. Einer seiner Co-Trainer beendete einst seine Mitarbeit, weil er nicht nur Handlanger seines Chefs sein wollte. Gross stellt häufig selbst die Hütchen bei den Trainingseinheiten auf. Sein Fußball soll schnell und gradlinig sein. So wie er auch.

Assauers Versuche

Als Rudi Assauer noch Manager auf Schalke war, hatte er nach eigenem Bekunden mehrfach Kontakt mit Gross aufgenommen, weil er die Art des Schweizers schätzte und er der Auffassung war, dass Gross gut zu Mannschaft, Klub und Umfeld passen würde. Zu einer Unterschrift kam es aber nie.

In den vergangenen Jahren war es in Europa ruhig um Gross geworden. Er trainierte mehrfach den saudi-arabischen Klub Al Ahli und den ägyptischen Klub Zamalek SC. Vermutlich hatte sich Gross schon auf viele Touren mit seinem Motorrad durch die Schweiz eingestellt. Bis Jochen Schneider für viele Seiten überraschend seine Nummer wählte. Am 2. Januar kommt es für Gross und sein neues Team bereits zur ersten Prüfung bei Hertha BSC.

Stand: 27.12.2020, 10:00

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