Politik will Wiederaufnahme der Bundesliga zustimmen

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder

Entscheidung am Mittwoch

Politik will Wiederaufnahme der Bundesliga zustimmen

Das Hygienekonzept der DFL scheint die Politik überzeugt zu haben, in der Beschlussvorlage zur Bund-Länder-Konferenz ist eine Zustimmung zur Wiederaufnahme der Bundesliga mit Geisterspielen vorgesehen. Doch es bleiben Fragen offen, etwa die nach dem Verantwortungsbewusstsein der Spieler.

Bundeskanzlerin Angela Merkel berät per Videoschalte in der für Mittwochmittag (06.05.2020) angesetzten Bund-Länder-Konferenz mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Bundesländer über das weitere Vorgehen, dabei soll auch der Profifußball Thema sein. Eine Einigung zur Fortsetzung der Bundesliga und der 2. Bundesliga steht bevor.

Zweiwöchige Quarantäne gestrichen

"Die Bundeskanzlerin und die Regierungschefinnen und -chefs der Länder halten die Fortsetzung des Spielbetriebes (...) für vertretbar", heißt es wörtlich in der Beschlussvorlage der Konferenz.

Das Dokument wurde nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur am Mittwochmorgen aktualisiert - und zwar an einer wichtigen Stelle. "Dem Beginn des Spielbetriebs muss, wie in dem geprüften Konzept vorgesehen, eine Quarantänemaßnahme, gegebenenfalls in Form eines Trainingslagers, vorweggehen", heißt es nun. In einer ersten Fassung lautete die Formulierung: "Dem Beginn des Spielbetriebs muss eine zweiwöchige Quarantänemaßnahme, gegebenenfalls in Form eines Trainingslagers, vorweggehen." Mit der Streichung des Hinweises auf die "zweiwöchige" Quarantäne erhält die DFL möglicherweise die Gelegenheit, ihren Wunschtermin 15. Mai umzusetzen. Bislang waren der 15. oder der 22. Mai im Gespräch.

Für Diskussionen um eine Sonderstellung des Fußballs versuchen sich die Entscheidungsträger abzusichern: "Im Falle eventuell notwendiger Testungen für den Spielbetrieb ist sicherzustellen, dass aus dem Gesundheitswesen angemeldete Testbedarfe jederzeit mit Priorität behandelt werden."

Weiterhin deutliche Kritik an DFL-Plänen

Schon in der vergangenen Woche war mit einer Entscheidung für die Wiederaufnahme der Bundesliga gerechnet worden, doch im Fußball mussten sie sich zunächst gedulden. Einige führende Länderpolitiker, darunter Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet und sein bayerischer Amtskollege Markus Söder, hatten sich da bereits recht deutlich für Geisterspiele in der Bundesliga ausgesprochen. Nun wird mit einer Entscheidung in Sachen Fußball gerechnet. Und es wäre schon eine Überraschung, sollte die Politik gegen eine Fortsetzung des Spielbetriebs im deutschen Profifußball entscheiden - wenngleich es weiterhin auch deutliche Kritik an den Plänen der DFL gibt.

Am Montag (03.05.2020) hat Steffen Augsberg, Mitglied des Deutschen Ethikrats, der "Neuen Osnabrücker Zeitung" ein Interview gegeben und sich darin negativ über die schnellen Wiederaufnahmepläne des Fußballs geäußert. "Mich wundert, dass wir auf die Bundesliga-Debatte so viel Energie verwenden. Sie ist ein Beispiel für geschicktes Lobbying. Geisterspiele gaukeln nicht einmal Normalität vor, sondern verdeutlichen vor allem, wie unnormal die Zustände sind", sagte Augsberg.

Zwei Politiker, zwei Meinungen: Laschet vs. Lauterbach

Es wird dem DFL-Chef Christian Seifert vor diesem Hintergrund nicht gefallen haben, was er in den letzten Tagen über die Bundesliga lesen, hören und sehen musste. Begonnen hatte alles am Freitagabend (01.05.2020), als der 1. FC Köln bekannt gab, dass zwei Spieler und ein Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet wurden. Am Tag darauf sagte Kölns Mittelfeldspieler Birger Verstraete in einem Interview mit dem flämischen Fernsehsender "VTM", er habe zu zwei der Infizierten direkten Kontakt gehabt und mache sich nun große Sorgen, auch weil seine Freundin zu einer Risikogruppe gehöre. Ihm stehe gerade "der Sinn nicht nach Fußball", sagte Verstraete.

Beim FC fanden sie das gar nicht lustig. Es dauerte nicht lange, bis der Klub ein Statement veröffentlichte, in dem Verstraete mit Sätzen wie diesem zitiert wurde: "Es lag nicht in meiner Absicht, den zuständigen Behörden oder dem 1. FC Köln Vorwürfe zu machen." Mittlerweile haben die Kölner einen zweiten Test durchgeführt, alle Getesteten sind negativ. Allerdings gibt es im deutschen Profifußball weitere positive Fälle, zehn haben die DFL oder die beteiligten Vereine bestätigt. Zwei infizierte Personen meldete etwa Borussia Mönchengladbach und auch bei Erzgebirge Aue gibt es eine positive Corona-Diagnose - Profis, Trainer- und Betreuerstab wurden in häusliche Quarantäne geschickt.

Die Frage ist nun die, wie man die Ergebnisse deutet. Man kann das so tun, wie es die DFL tut oder Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Laschet. Im Interview mit dem ARD-Morgenmagazin sagte Laschet, die Fälle seien ja gerade "ein Beleg dafür, dass das ganze System funktioniert." Ganz anders sieht das Karl Lauterbach, Gesundheitspolitiker der SPD und ein erklärter Gegner einer Wiederaufnahme der Bundesliga. Die Zahl der Infektionen sei hoch und die Gefahr für die Spieler nicht ausreichend untersucht, sagte Lauterbach im Interview mit der ARD: "Für mich ist es das einfach nicht wert."

Lauterbach: Das Risiko für die Spieler ist zu hoch Sportschau 05.05.2020 01:21 Min. Verfügbar bis 05.05.2021 Das Erste

Auftritt Kalou und der bange Blick Richtung Politik

Am Montag schließlich dürfte die Aktion von Salomon Kalou die Stimmung bei der DFL nicht unbedingt verbessert haben. Kalou filmte sich dabei, wie er auf dem Gelände seines Arbeitsgebers Hertha BSC Vereinsmitarbeiter und Mitspieler fröhlich per Handschlag begrüßte. Hygieneregeln? Welche Hygieneregeln? Man sieht in dem Video auch noch, wie ein Physiotherapeut einen Coronatest bei einem Mitspieler machte. "Sala, lösch das bitte", sagte der Physiotherapeut noch, doch da war es schon zu spät.

Nach Kalous Video: Diskussion über Sicherheit des DFL-Konzepts Sportschau 05.05.2020 05:38 Min. Verfügbar bis 05.05.2021 Das Erste

Kalou, das sollte man an dieser Stelle wissen, entschuldigte sich später. Im Interview mit dem "Spiegel" sagte er: "Das Video hätte ich niemals machen dürfen. Es war respektlos, und dafür möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Aber ich bin mehr als diese fünf schlechten Minuten, die man dort von mir in der Kabine sieht." Nur wird Kalou auch Reue nicht helfen: Die Hertha hatte ihn sehr schnell suspendiert. Ende Juni läuft sein Vertrag aus, womöglich wird der Abschied des Ivorers nach fünf erfolgreichen Jahren ein unrühmlicher. Sogar die DFL twitterte erbost.

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Und doch dürfte sich so mancher Beobachter beim Anblick des Videos noch ganz andere Fragen gestellt haben: Wie kann es sein, dass mehrere Spieler und ein Mitarbeiter des Vereins Kalou nicht etwa zurück- und anschließend zurechtweisen? "Es ist aus meiner Sicht schlichtweg ein Skandal, dass niemand eingreift, wenn die simpelsten Regeln missachtet werden. Das wirft für mich natürlich erneut Fragen nach der Durchsetzung auf", sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, der "Rheinischen Post". Die Vorsitzende der Sportministerkonferenz (SMK) sieht das Vertrauen in den Profi-Fußball erschüttert: Das Video habe der Liga einen Bärendienst erwiesen, sagte Bremens Sportsenatorin Anja Stahmann am Mittwoch im Inforadio vom rbb. Auf dem Papier seien das gute Regeln, die sich die DFL gegeben habe, aber sie müssten auch gelebt werden.

Tests auch im privaten Umfeld der Spieler

Der Verband hat schon Mitte April einen ausführlichen Plan vorgelegt, wie auch in Zeiten von Covid-19 Fußball gespielt werden kann. Weil es neben viel Lob auch kritische Anmerkungen aus der Politik gab, hat die DFL noch einmal nachgebessert. Die Mannschaften sollen "mindestens die letzten 7 Tage vor Saisonbeginn als Trainingslager in Quarantäne" verbringen, heißt es in der überarbeiteten Version.

Außerdem plant die Liga auch freiwillige Testungen aller Personen im engeren privaten Umfeld der Spieler - "einmal zu Beginn und einmal nach etwa der Häfte der verbleibenden Spielzeit", heißt es im DFL-Papier. Wer da nicht mitmachen möchte, soll wenigstens Buch führen: Kontakte zur Außenwelt sollen schriftlich dokumentiert werden.

tbe/nch/dpa/sid | Stand: 06.05.2020, 10:28

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