Corona in der Bundesliga

DFL-Hygienekonzept: Gewappnet für die zweite Welle?

Von Thorsten Poppe

Die steigenden Coronafälle in Bevölkerung und Bundesliga haben zu einer erneuten Diskussion um das DFL-Hygienekonzept geführt. Sportmediziner fordern Nachbesserungen, die Klubs weisen dies zurück.

Die zweite Corona-Welle hat Deutschland weiter fest im Griff. Als es im Frühjahr zum ersten Lockdown kam, lag der damalige Höchstwert für kurze Zeit nur bei etwas mehr als 6.000 Neuinfektionen pro Tag, jetzt sind es an manchen Tagen mehr als 20.000. Diese zweite Welle ist mittlerweile auch in der Bundesliga angekommen, wo sich die Fälle ebenfalls häufen.

Bundesliga: 32 Corona-Fälle in der aktuellen Saison

Laut "Bild am Sonntag" sind bis Mitte November bei den 36 deutschen Profiklubs insgesamt 89 Fälle festgestellt worden, 44 davon entfielen auf die Bundesliga, wobei es in der vergangenen Spielzeit zwölf und in der aktuellen Saison bereits 32 Fälle waren. Seitdem sind weitere dazugekommen. Neben den steigenden Infektionszahlen in der Bevölkerung haben dazu auch die internationalen Spiele beigetragen.

Allein die TSG 1899 Hoffenheim hatte seit Oktober neun positiv getestete Spieler. Sechs Fälle waren nach dem Europa-League-Hinspiel gegen den wegen zahlreicher Corona-Fälle mit einer Notelf angetretenen tschechischen Klub Slovan Liberec aufgetreten. Der Armenier Sargis Adamyan war positiv von einer Länderspielreise mit der armenischen Nationalmannschaft zurückgekehrt.

"Wir wussten, dass es zu so einer Situation kommen kann. Es gilt nun, diese Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Wir sind die erste Mannschaft, die in dieser Form in der Bundesliga davon betroffen ist. Es sind ganz besondere Zeiten. Wir sind froh, dass wir Fußball spielen dürfen", erklärte Alexander Rosen, Direktor Profifußball bei der TSG, kurz vor dem 8. Spieltag der Bundesliga. Dass eine Mannschaft gleich acht positiv auf Corona geteste Profis meldete, das hat es während der ersten Welle in der Bundesliga nicht gegeben. Damals hat das Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gut funktioniert, wie auch sportschau.de nach einer Abfrage aller Gesundheitsämter an den 36 Bundesliga-Standorten berichtete.

Hygienekonzept überholt?

Doch jetzt werden Zweifel daran laut, dass das Hygienekonzept noch ausreichend greift. Die zügig steigenden Infektionszahlen in den vergangenen Wochen hätten das Konzept ausgehebelt, meint Prof. Andreas Nieß. Für den Sportmediziner am Universitätsklinikum Tübingen ist es deshalb sinnvoll, dass externe Hygienebeauftragte das Konzept in der Bundesliga durchführen bzw. kontrollieren sollen: "Das Umsetzen eines Konzepts ist das eine, aber es ergeben sich in der Gemengelage Spitzensport und Pandemie doch auch etwas kniffligere Fragen, die es zeitnah und korrekt zu lösen gilt."

Entscheidend sei, ob die als Hygienebeauftragte eingesetzte Person auch noch weitere ärztliche Aufgaben im Team des jeweiligen Klubs innehat. Nieß ist der Meinung, dass dies zu trennen sei, um etwaige Interessenkonflikte von vorneherein zu vermeiden. "Da einen Experten im Boot zu haben, ist doch für die Vereine nur von Vorteil. Auch um unnützen Aktionismus zu vermeiden und andererseits die Situation in der sich dynamisch ändernden Pandemielage auch prospektiv richtig einschätzen zu lassen", erläutert der Sportmediziner.

Nieß hat für die deutschen Meisterschaften der Leichtathleten 2020 in Braunschweig ein eigenes Hygienekonzept entwickelt. Für die Umsetzung sorgten dort externe, unabhänige Hygiene-Experten, um solchen möglichen Interessenkonflikten von vorneherein aus dem Weg zu gehen.

Mannschaftsärzte im Zwiespalt?

Wie hält es die Bundesliga diesbezüglich? sportschau.de hat bei allen 18 Erstligisten nachgefragt, ob die Umsetzung des DFL-Hygienekonzepts in den Klubs von vereinseigenen Medizinern durchgeführt werden, oder von extern Hygienebeauftragten. Elf Klubs antworteten auf die Anfrage und betonten dabei überwiegend die Wirksamkeit des Hygienekonzepts. Auch wiesen verschiedene Vereine auf externe Hygienebeauftragte hin.

So hat sich beispielsweise Bayer 04 Leverkusen schon im Sommer im Zuge der Optimierung die Hilfe eines anerkannten, unabhängigen Experten eingeholt. Dabei handelt es sich um Prof. Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit am Universitätsklinikum Bonn. Auch sei der Mannschaftsarzt des Vereins unabhängig von Covid-19 seit langen Jahren als Pandemie-Beauftragter für den Bayer-Konzern eingesetzt. Auf diese Expertise konnte die Werkself deshalb sofort zurückgreifen.

Eintracht Frankfurt setzt bei der Umsetzung des Konzepts dauerhaft auf externe, ausgewiesene Spezialisten. Auch Hertha BSC und Mainz 05 nannten externe Ansprechpartner als Hygienebeauftragte. Allerdings handelt es sich dabei um Mannschaftsärzte, die zwar extern wirken, aber seit Jahren als Mitglieder der medizinischen Abteilung der Klubs agieren oder agiert haben. Zudem sind sie als ausgebildete Orthopäden oder Unfallchirurgen bzw. Internisten keine ausgewiesenen Hygiene-Experten.

Doch genau die fordert Prof. Nieß, um mögliche Interessenskonflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen. "Das medizinische Personal eines Teams, ob direkt beim Verein angestellt oder primär extern tätig, ist letztendlich Teil der Mannschaft. Ich vermute, dass zumindest ein Teil der Mannschaftsärzte es begrüßen würde, wenn es sich bei der Umsetzung des Hygienekonzepts auf einen externen Experten berufen könnte und von diesem dabei Unterstützung erfährt." Dass die Unabhängigkeit auch Vertrauen schaffen könnte, macht ein Blick nach Italien deutlich. Dort steht Lazio Rom aus der Serie A seit Anfang November im Verdacht, Corona-Tests seiner Starspieler manipuliert zu haben.

Empörte Reaktionen aus der Bundesliga

Auf mögliche Interessenkonflikte angesprochen, weisen manche Bundesligisten die Aussagen des Sportmediziners Nieß, teilweise brüsk, zurück. So betont beispielsweise Borussia Dortmund, dass "unsere Ärzte in allererster Linie dem hippokratischen Eid und damit jedem einzelnen Patienten sowie dessen Gesundheit verpflichtet seien". In dasselbe Horn stößt auch die Borussia aus Mönchengladbach, die außerdem noch darauf verweist, dass "bei den von uns durchgeführten Tests in den vergangenen Monaten schon drei positive Ergebnisse festgestellt und veröffentlicht wurden". Ganz aktuell sei mit Alassane Plea "einer unserer Top-Spieler betroffen".

Auch Hertha BSC verwahrt sich gegen den Vorwurf, dass es bei den Testungen durch vereinseigene Mediziner letztlich weniger unabhängig und seriös zugehen würde, als bei der Durchführung der Testungen durch externes medizinisches Personal. Wörtlich schreibt der Verein: "Denn auch die Ärzte eines Bundesligisten unterliegen dem hippokratischen Eid und die Gesundheit eines jeden Einzelnen steht auch hier im Vordergrund."

Sportmediziner Nieß kann diese Argumentation nachvollziehen, bleibt aber bei seiner Einschätzung. "Gerade um diesem Eid Nachdruck zu verleihen, also der Mannschaft eine optimale medizinische Betreuung zukommen zu lassen, wäre die Trennung der Aufgaben wichtig", sagte er. "Die Mannschaftsärzte haben ohnehin durch die Corona-Pandemie zusätzliches zu leisten. Hier wäre die primäre Zuständigkeit einer externen Person für das Hygienekonzept auch eine Entlastung."  

Anpassung des DFL-Hygienekonzepts?

Die sportschau.de-Abfrage zeigt, dass die Umsetzung des DFL-Hygienekonzepts von den Klubs unterschiedlich gehandhabt wird. Manche haben sich ausgewiesene, externe Hygiene-Experten ins Boot geholt, andere eine interne Lösung bevorzugt. Um der Diskussion um mögliche Interessenkonflikte der Mannschaftsärzte in den Klubs aus dem Weg gehen zu können, gerade vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen, könnte eine solche Vereinheitlichung jedoch sinnvoll sein.

Doch davon ist derzeit keine Rede. Auch eine generelle Anpassung des Hygienekonzepts an die gegenwärtige Situation mit hohen Infektionszahlen sehen die Bundesligisten, die auf die Anfrage geantwortet haben, übrigens mehrheitlich nicht. Auch wenn etwa Borussia Dortmund betont, man sei "selbstverständlich immer stark daran interessiert, unsere Handlungsweisen dem jeweils aktuellen und sich fortentwickelnden medizinischen Kenntnisstand anzupassen".

Karl-Heinz Rummenigge vom Meister Bayern München hatte zuletzt sogar für ein gemeinsames Vorgehen plädiert, und gefordert, dass die Klubs ihre Hygienekonzepte "gemeinsam verbessern und anpassen, um zu gewährleisten, dass der Spielbetrieb aufrechterhalten werden kann"