Coronatests in der Bundesliga: Machbarkeit und Moral

Ein Test für einen Speichelabstrich

Coronavirus

Coronatests in der Bundesliga: Machbarkeit und Moral

Von Chaled Nahar

Fanvertreter rufen den Profifußball auf, sich bei Coronatests hinten anzustellen. Die DFL sagt, dass sie auch in einem möglichen Geisterspielbetrieb keinen Test einer systemrelevanten Person verhindern wird. Experten bestätigen das - doch die Debatte um eine Sonderbehandlung wird unausweichlich.

Zwei Tests pro Woche auf das Coronavirus bei jedem Spieler gelten als Grundvoraussetzung für Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die sogenannten Geisterspiele sollen der Rettungsanker für das Milliardengeschäft Profifußball sein. Die Deutsche Fußball-Liga mit der Bundesliga und der 2. Bundesliga will sich so die letzte Rate des Fernsehgeldes in dieser Saison sichern.

Im deutschen Profifußball, wenn man pro Klub für die Durchführung eines Spiels etwa 50 Personen testen müsste, wären pro Woche rund 3.600 Tests nötig. Fans kritisieren das.

Fans fordern: "Keine Lex Bundesliga!"

Die Interessengemeinschaft "Fanszenen Deutschlands" erteilte "Geisterspielen" am Donnerstag (16.04.2020) eine deutliche Absage. Nicht, weil keine Fans zugelassen wären. Sondern weil der Fußball beim Zugang zu Coronatests eine Sonderbehandlung erhalten könnte. "Wir vertreten die klare Position, dass es keine Lex Bundesliga geben darf. Fußball hat in Deutschland eine herausgehobene Bedeutung, systemrelevant ist er jedoch ganz sicher nicht", heißt es in der Erklärung, die von zahlreichen Gruppen verbreitet wurde.

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DFL-Chef Christian Seifert hatte in einem Interview mit der "New York Times" betont, dass die Wiederaufnahme des Spielbetriebs nicht zu Lasten der Tests systemrelevanter Berufsgruppen erfolgen werde. "Es wird nicht der Fall sein, dass auch nur eine Ärztin, ein Arzt, eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger, die für das System wirklich relevant sind, nicht getestet werden kann, weil Fußballspieler getestet werden müssen", sagte Seifert. Doch lässt sich dieses Versprechen halten?

Fußball würde Testkapazität nur geringfügig belasten

Prinzipiell sei das möglich, sagt Ulrich Grünewald, der beim WDR-Wissenschaftsmagazin "Quarks" arbeitet. Die Testkapazitäten in Deutschland seien deutlich gestiegen. "Laut Robert-Koch-Institut waren in der zehnten Kalenderwoche noch 7000 Tests pro Tag möglich, in der 15. Kalenderwoche waren es 123.000 täglich", sagt Grünewald: "Wir haben in Deutschland mehr Kapazitäten als getestet wird."

Der Bundesverband "Akkreditierte Labore in der Medizin" kommt auf ähnliche Zahlen und beklagte in dieser Woche, dass die Testkapazitäten nicht ausgeschöpft würden. Das muss zwar nicht am geringen Interesse an Tests liegen, die Belastung dieser Kapazität durch den Fußball wäre aber zumindest aus jetziger Sicht eher gering. Diese Feststellung ist den Bundesligisten so wichtig, dass mancher Pressesprecher sie in Fanforen verbreitet. Der Fußball wirbt um Rückhalt.

Wenn von Tests gesprochen wird, ist der sogenannte PCR-Test (Polymerasekettenreaktion) gemeint. Dabei werden Abstriche im hinteren Rachenraum und in der Nase entnommen, nach bestenfalls rund vier Stunden liegt das Ergebnis vor. Für den Fußball wäre das im Vorfeld eines Anpfiffs also ein praktikabler Weg. "Der Test gibt allerdings immer nur den aktuellen Ist-Zustand wieder", sagt Grünewald, "einen Tag später kann eine negativ getestete Person durchaus ansteckend sein." Deshalb fehle es auch beispielsweise Pflegepersonal nicht an Testkapazitäten, da sich diese angesichts des Aufwands nicht täglich testen ließen. Doch das Coronavirus sorgt für die viel zitierte dynamische Lage, was ein Problem auch für den Fußball werden kann.

Frage der Ungleichbehandlung könnte später kommen

Denn wenn die Infektionszahlen steigen, kann sowohl der Bedarf in systemrelevanten Berufsgruppen als auch der Wunsch in der Bevölkerung nach Testkapazitäten steigen. Erzieherinnen und Erzieher oder Lehrkräfte könnten fragen, warum sie nicht in ähnlicher Dichte getestet werden. Wenn so etwas nicht gewährleistet ist, gleichzeitig durch Tests aber eine Bundesliga-Partie ermöglicht wird, kommt eine Debatte über eine Ungleichbehandlung wohl unweigerlich auf. Und die könnte den mühselig wieder aufgenommenen Spielbetrieb erneut dahinraffen.

Die Fanvertreter fordern, dass der Plan mit den "Geisterspielen" nicht umgesetzt werden dürfe: "In einer Situation, in der sich der Fußball auf diese Weise so dermaßen vom Rest der Gesellschaft entkoppeln würde, darf das nicht passieren."

"Das System steht innerhalb eines Monats vor dem Kollaps"

Die DFL macht allerdings deutlich, dass sie keine Alternativen sieht. DFL-Chef Seifert berichtet in verlässlicher Wiederkehr über die Gefahr für die Arbeitsplätze im Profifußball und eine nahende Insolvenzgefahr für zahlreiche Klubs. Bei Schalke 04 geht es derzeit schon ums Überleben, auch weil neben Einnahmen aus Sponsoring und Eintrittskartenverkauf eine Rate TV-Geld in Höhe von knapp 16 Millionen Euro aussteht. Ein Betrag, den dieser Klub in ähnlicher Höhe im Sommer 2018 für die Ablöse von Sebastian Rudy oder im Sommer 2019 für die von Ozan Kabak ausgab.

Seifert zu Geisterspielen: "Sie sind die einzige Überlebenschance für viele Klubs" Sportschau 16.03.2020 00:28 Min. Verfügbar bis 16.03.2021 Das Erste

Für die "Fanszenen Deutschland" ist das der größte Kritikpunkt. "Ein System, in das in den vergangenen Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sind, steht innerhalb eines Monats vor dem Kollaps", heißt es: "Die Frage, weshalb es trotz aller Millionen keinerlei Nachhaltigkeit im Profifußball zu geben scheint, wie die Strukturen und Vereine in Zukunft robuster und krisensicherer gemacht werden können, wurde zumindest öffentlich noch von keinem Funktionär gestellt."

Am 23. April kommen die Funktionäre der DFL-Klubs in einer Videokonferenz virtuell zusammen, um über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit zahlreichen Coronatests und leeren Tribünen zu beratschlagen.

Bundesliga: Solidarität in Zeiten der Krise? Sportschau 28.03.2020 04:17 Min. Verfügbar bis 28.03.2021 Das Erste

Stand: 17.04.2020, 16:01

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