Transfermarkt 2020 - kleinere Kader, mehr Arbeitslose

Jadon Sancho

Wechselperiode in Zeiten von Corona

Transfermarkt 2020 - kleinere Kader, mehr Arbeitslose

Von Marcus Bark

Das Transferfenster in Deutschland ist nun geöffnet. Experten erwarten zwei Phasen und zwei Märkte. Da wegen der gesunkenen Einnahmen in Zeiten von Corona weniger Geld im Kreislauf ist, erwarten sie vor allem im Oktober mehr arbeitslose Profis.

Besonders gefragt auf dem Transfermarkt sind Gerüchte. Die immer gleichen Diskussionen mit lediglich anderen Namen und Summen erhalten im Sommer 2020 allerdings eine neue Komponente: Corona. Die Pandemie sorgt dafür, dass es nun sogar Gerüchte darüber gibt, wann das Transferfenster öffnet. So heißt es etwa, dass die englische Premier League ihre Saison gewiss erst am 26. Juli beenden wird, bevor es so weit sein wird. Auch das Ende ist noch offen. Andere Topligen wie die französische Ligue1 haben auch noch keine Öffnungszeiten bekanntgegeben.

Der europäische Fußballverband UEFA empfiehlt seinen Verbänden, einheitlich am 5. Oktober das Fenster zu schließen, da spätestens einen Tag später die Kader für die Europapokale gemeldet werden müssen.

83 Tage lang ist das Fenster in Deutschland offen

Der deutsche Fußball hält sich daran. Seit Mittwoch (15.07.20) ist das Fenster wieder geöffnet, nachdem am 1. Juli für einen Tag die Möglichkeit bestand, bereits getätigte Transfers registrieren zu lassen.

Bis zum 5. Oktober bleiben somit 83 Tage Zeit für einen Transfermarkt, der "ein irres Glücksspiel werden kann", wie Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic sagte. Manfred Schulte erwartet vor allem mehr Arbeit als in den Jahren zuvor. "Das wird ein Klinkenputzen bis zum Abwinken", sagte der erfahrene Spielerberater im Gespräch mit der Sportschau. Schulte vergleicht die Situation, die durch Corona hervorgerufen wird, mit der sogenannten Kirch-Krise Anfang des neues Jahrtausends. Damals fehlte viel Geld im Kreislauf des Fußballs, weil ein Medienrechteinhaber nicht mehr zahlen konnte.

Damals wie heute sanken die Einnahmen der Vereine drastisch. "Die Klubs müssen ihre Ausgaben brutal nach unten schrauben", so Schulte. Er erwartet daher eine erste Phase des Transfermarktes, in dem die Klubs ihre Kader massiv verkleinern: "Die Bundesligisten vielleicht von 35 auf 26 Spieler, in der 2. Liga sind es dann noch 22 Spieler."

Besondere Transferperiode in Corona-Zeiten

Sportschau 15.07.2020 02:05 Min. Verfügbar bis 15.07.2021 ARD Von Anne van Eickels

"Viele arbeitslose Spieler"

Seine logische Folgerung: "Nach Schließung des Transferfensters wird es viele arbeitslose Spieler geben, viel mehr als in den Jahren zuvor."

"Da stimme ich dem Kollegen hundertprozentig zu", sagt Ingo Haspel. Der Spielerberater ist sich mit Schulte auch einig, dass es zwei Phasen des aktuellen Transferfensters gibt: eine erste, in der die Klubs ihre Kader abbauen und gleichzeitig die Entwicklung der Preise beobachten bei voraussichtlich viel weniger Wechseln, bei denen Geld fließen wird. In einer zweiten Phase würde dann versucht, das schmalere Budget für dringend notwendige Verbesserungen des Kaders einzusetzen.

Flaute trifft auch die Großen

Die Flaute am Transfermarkt trifft auch die Großen der Branche. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kündigte an: "Es wird auch beim BVB nicht so viele Transfers in die eine oder andere Richtung geben wie in den Jahren zuvor."

Bislang steht nur Thomas Meunier als Zugang fest. Der Belgier kommt ablösefrei von Paris Saint-Germain. Dass Jude Bellingham künftig für den BVB spielen wird, ist wahrscheinlich, aber noch nicht als perfekt vermeldet worden. Das könnte mit einer weiteren Besonderheit des Transfermarktes zusammenhängen. Bellingham ist mit seinem Klub Birmingham City noch bis zum 22. Juli in der 2. englischen Liga beschäftigt. Das Transferfenster in der Premier League öffnet am 27. Juli und schließt am 5. Oktober. Logisch wäre also, wenn der Vertrag mit dem BVB ab dem 1. August geschlossen würde. Da in vielen Ligen Europas noch gespielt wird und die kommenden Spielzeiten in Deutschland auch erst im September beginnen, erwarten Berater bei vielen Verträgen eine Gültigkeit ab August. Das habe auch den Effekt, dass sich die Klubs ein Monatsgehalt sparen würden, denn an der üblichen Laufzeit bis zum 30. Juni eines Jahres dürfte sich nichts ändern.

Zwei Phasen, zwei Märkte 

Außer den unterschiedlichen Phasen, die sich auch durch die noch im August auszuspielenden Europapokale ergeben, sehen die Protagonisten auch zwei Märkte. Der eine ist der, den es auch in Krisenzeiten gibt, den für Spieler wie Leroy Sane, Timo Werner und den als außergewöhnlich talentiert geltenden Bellingham, der angeblich mehr als 20 Millionen Pfund kosten wird. "Es mag den ein oder anderen Mega-Deal geben - aber mit einem durchschnittlichen Spieler wird man nicht mehr diese Preise erzielen wie zuvor. Wir werden eine Korrektur erleben", sagte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl dem Magazin "Stern".

Mischung aus Vorsicht und Vernunft

Es ist eine Mischung aus Vorsicht und Vernunft, die viele Vereine dazu treibt, vor allem auf ablösefreie Spieler und Leihgeschäfte zu setzen.

Das Beratungsunternehmen "Deloitte" untersucht seit vielen Jahren die Geldströme im Fußball. Stefan Ludwig als Leiter "Sport Business" sagte der Sportschau, dass auch mittelfristig - also über Corona hinaus - gedacht werden müsse. Der Verkauf der Medienrechte, über den sich die Topligen hauptsächlich finanzieren, bringe "eher eine Stagnation als Zugewinne, vielleicht sogar einen Rückgang."

Stefan Ludwig: "Keine Zugewinne, eher Stagnation" Sportschau 14.07.2020 01:47 Min. Verfügbar bis 14.07.2021 Das Erste Von Marcus Bark

Die Vereinigung ECA, ein Zusammenschluss vieler europäischer Vereine inklusive Topklubs, erwartet einschließlich der kommenden Saison Einnahmeverluste von 3,6 Millionen Euro - bezogen auf zehn europäische Ligen inklusive der Top 5 in England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich. Charlie Marshall, Boss der ECA, sagte der Sportschau: "Deshalb werden wir zwar einige sehr große Deals sehen, aber insgesamt ist ein Wachstum auf dem Markt extrem unwahrscheinlich. Herausfordernd wird es vor allem im mittleren Segment."

Die Einschätzung, dass die Klubs ihre Kader massiv verkleinern, teilt Marshall nur bedingt: "Es wird aufgrund des Terminkalenders hohe Belastungen für die Spieler geben. Daher werden sich die Trainer weiter für größere Kader aussprechen." Auch dieser Aspekt prägt den Transfermarkt im Sommer 2020, wenn auch nicht so sehr wie die Fragen, ob und wohin Jadon Sancho und Kai Havertz wechseln werden.

Stand: 15.07.2020, 11:00

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