Manuel Fischer - zu ungeduldig für die VfB-Profis

Manuel Fischer

Haarscharf vorbei - der verpasste Traum vom Fußballprofi

Manuel Fischer - zu ungeduldig für die VfB-Profis

Von Olaf Jansen

Manuel Fischer begeisterte einst beim VfB Stuttgart als großer Stürmertalent. Für die große Karriere hatte der Torjäger zu wenig Geduld - mit sich selbst.

Der sattgrüne Rasenplatz des TSV Weilimdorf ist in warme Frühlingssonnne getaucht, als Manuel Fischer sein Geländefahrzeug auf den Parkplatz lenkt. Gut sieht der 30-Jährige aus: Schmal und durchtrainiert kommt er daher, ein modischer Sommerhut soll vermutlich zeigen: Das einstige Vorzeigetalent des VfB Stuttgart geht’s heute lässig an.

Fischer demonstriert eine Lockerheit, die ihm in jüngeren Jahren sicher manchmal gefehlt hat. Bei dem kleinen Vorortverein der schwäbischen Metropole hat Fischer eine neue sportliche Heimat gefunden. Er spielt dort zum Hobby noch Futsal - Hallenfußball. Den Rasenplatz des Vereins betritt er allenfalls noch, um seinen kleinen Sohn und dessen Kollegen in der Bambini-Mannschaft zu trainieren.

Champions League im Camp Nou

Fischer galt mit seinem Torinstinkt und seiner Power als eines der größten Versprechen des schwäbischen Fußballs. 2007, nachdem der VfB gerade deutscher Meister geworden war, drängte Fischer mit 18 Jahren und jeder Menge Wucht in Richtung Startelf der Schwaben. Schnelligkeit, Spielverständnis und ein erstaunlich kaltblütiger Torabschluss waren Trümpfe des gebürtigen Aaleners, mit denen er den etablierten Stars des VfB Feuer unterm Hintern machte. Und sogar das legendäre Stadion Camp Nou von innen kennenlernen durfte.

Manuel Fischer - VfB Stuttgart Sportschau 21.07.2020 00:54 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste

Als das Team von Trainer Armin Veh im Herbst 2007 in der Champions League beim FC Barcelona antrat, durfte sich der junge Himmelsstürmer in den letzten 20 Minuten der Partie mit Charles Puyol, Rafael Marquez und Gabriel Milito, den Verteidigern der Katalanen, messen. Das ist lange her und eine schöne Erinnerung. Mehr nicht. Aus der angedachten - und von fast allen Experten erwarteten - großen Bundesligakarriere des Manuel Fischer ist nichts geworden.

"Die Menschlichkeit kommt im Profifußball zu kurz"

Nach zahlreichen sportlichen Enttäuschungen, einigen Verletzungen und viel zu vielen Vereinswechseln hat Fischer die Stollen-Fußballschuhe schon längst an den Nagel gehängt. "Man verdient im Profifußball eine Menge Geld und es braucht sich keiner beschweren, der Teil dieses Systems ist. Aber die Menschlichkeit kommt in diesem Geschäft eindeutig zu kurz", sagt er. Fischer wirkt ruhig und reflektiert, wenn er dies sagt. Aus dem einstigen ungeduldigen Jungstar scheint ein ausgeglichen daherkommender Erwachsener geworden zu sein. Dass Fischer den Sprung nach ganz oben nicht geschafft hat, ist vor allem für ihn selbst bis heute ein Mysterium. Zumal er schon früh gelernt hat, mit Rückschlägen zurechtzukommen.

Denn der pfeilschnelle Stürmer, der bis zu seinem 12. Lebensjahr bei seinem kleinen Heimatverein SV Ebnat spielt, ehe ihn die Eltern zwei Jahre lang zu Training und Spielen des SSV Ulm chauffieren, erleidet schon in der U14 - mittlerweile beim VfB Stuttgart - eine der schlimmsten Verletzungen, die einen Fußballer erwischen kann: Kreuzbandriss. Weil die Wachstumsfugen bei dem jungen Fußballer noch nicht geschlossen sind, wird eine zunächst angedachte Operation verworfen.

Beidfüßig nach Verletzung

Fischer heilt die Verletzung konservativ aus und steht schon nach nur drei Monaten wieder auf dem Platz. Und weil er das "starke" rechte Bein noch nicht wieder vollständig belasten will, schießt und passt er nun vornehmlich mit dem anderen Fuß. "Das Gute an der Verletzung war, dass ich dadurch in der Folge beidfüßig war. Denn ich habe mich in dieser Zeit sozusagen von einem Rechts- zu einem Linksfuß umgeschult."

Schon damals lernt Fischer allerdings die Härte des Geschäfts kennen - beim VfB ist für ihn nach der Verletzung zunächst einmal kein Platz mehr. Er geht zurück zum SSV Ulm, wo er einen Neuanfang startet. Und der gelingt: In den ersten acht Saisonspielen in der Ulmer U16 gelingen ihm 16 Tore, beim Länderpokal mit der württembergischen Auswahl beeindruckt er unter anderem Jugend-Nationaltrainer Bernd Stöber, der ihn gleich zum nächsten Lehrgang der U16-Nationalmannschaft einlädt.

Tore am Fließband - Angebote aus ganz Europa

Für den jungen Torjäger geht es nun bergauf. Nachdem er auch in der Jugend-Nationalmannschaft Treffer wie am Fließband erzielt, stehen die interessierten Klubs Schlange. Angebote aus England, Spanien und Italien flattern herein, zudem will ihn eigentlich jeder deutsche Klub mit ambitionierter Jugendabteilung verpflichten. Fischer entscheidet sich ein weiteres Mal für die Heimatlösung und wechselt zurück zum VfB Stuttgart.

Er unterschreibt einen Dreijahresvertrag mit Profi-Perspektive, entwickelt sich in den folgenden Monaten aber zu einer Art "Chamäleon" des VfB. Denn er pendelt nun ständig zwischen Jugend-, Amateur- und Profiteam. "Sehr schwierig. Das war zwar alles sehr ambitioniert. Ich trainierte auf höchstem Niveau, gehörte aber in keinem Team wirklich dazu. Ich konnte kaum Mannschaftsgeist entwickeln, mir fehlte schlichtweg die emotionale Verbindung zu meinen Mitspielern", urteilt er heute.

Ungeduldig, schlecht gelaunt, übermotiviert

Manuel Fischer (l.) beim Kopfballduell

Manuel Fischer (l.) beim Kopfballduell - im Trikot der Stuttgarter Kickers

Fischers Umfeld ist intakt. Die Eltern, die Familie sind als Ansprechpartner und Ratgeber da, geben einen guten Rückhalt. Was sie aber nicht beeinflussen können, ist das teils unrealistische Anspruchsdenken des jungen Himmelsstürmers. Fischer ist ungeduldig. Er will nun spielen. Und zwar bei den Profis. "Ich kam in eine funktionierende Mannschaft, die gerade Meister geworden war. Eigentlich klar, dass ich mich mit meinen 18 Jahren erst einmal hinten anstellen musste. Aber anstatt die Füße still zu halten und geduldig auf meine Chance zu warten, habe ich Alarm gemacht", berichtet Fischer.

Er macht ein langes Gesicht, wenn er auf der Ersatzbank Platz nehmen muss, verbreitet schlechte Laune, grätscht im Training völlig übermotiviert die älteren Spieler ab. "Ich habe mich benommen wie ein Rabauke", findet er. Logisch, dass er sich im Mannschaftskreis mit seinem Verhalten nicht nur Freunde macht. Und auch den Vereinsverantwortlichen bleibt Fischers Unzufriedenheit nicht verborgen. Der junge Stürmer entwickelt sich augenscheinlich zum Pulverfass auf der Reservebank.

Flucht ins Rheinland - Auftakt zu vielen Wechseln

So legt man ihm beim VfB keine Steine in den Weg, als Fischer nach 18 Monaten und nur drei Bundesligaeinsätzen weg will. Uwe Rapolder, Trainer des damaligen Zweitligisten TuS Koblenz, zeigt Interesse an dem jungen Angreifer - Fischer lässt sich in der Winterpause 2008/09 ausleihen. Es ist der Auftakt zu einer wahren Odyssee: Nach Koblenz folgen Wacker Burghausen, noch einmal der VfB Stuttgart, Bayern München II, die SpVgg Unterhaching, SG Großaspach, FC Homburg, SSV Reutlingen, Tennis Borussia Berlin. Das Muster ist immer das Gleiche: Er beginnt bei seinem neuen Verein mit großen Hoffnungen. Und immer, wenn diese sich nicht erfüllen, wechselt er erneut.

Irgendwann ist Fischer in der vierten Liga angekommen und erkennt: Es wird nichts mehr mit der ganz großen Fußballkarriere. Schon in Großaspach hat er eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann begonnen, nun steht ein duales Studium an. Es beschließt, mit dem Fußball aufzuhören. Mit 28.

Keine Lust mehr auf das Leben aus dem Koffer

Die ständigen Vereinswechsel, das Leben aus dem Koffer, in den Hotels oder Vereinsappartements - Fischer hat es einfach satt: "Mir fehlte endgültig das Heimatgefühl. Ich wollte nach Hause", sagt er. Das Thema Fußball war für ihn gelaufen und die Erkenntnis hatte sich durchgesetzt: Er wird seinen Traum vom Profifußball nicht mehr erfüllen können. "Ich liebe das Spiel. Aber ich musste irgendwie begreifen, dass es professionell zu betreiben für mich keinen Sinn mehr macht."

Woran ist Fischer wirklich gescheitert? Die Verletzungen haben sicher ihren Teil dazu beigetragen, sein Jugend-Nationaltrainer Stöber sieht aber auch andere Gründe: "Ich denke, dass sich Manuel auftauchenden Widerständen im Laufe seiner Karriere nicht genügend gestellt hat. Man sieht es ja ganz einfach an seinen unzähligen Stationen: Wenn es mal nicht so gut lief, hat er oft und viel zu schnell die Flucht ergriffen und den Verein gewechselt."

Bernd Stöber: "Manu war der torgefährlichste Spieler seiner Altersklasse" Sportschau 13.07.2020 01:29 Min. Verfügbar bis 13.07.2021 Das Erste

Die ewige Flucht vor Problemen

Flucht vor Problemen - für Stöber einer der häufigsten Gründe, warum es mit der Karriere außergewöhnlich talentierter Spieler nichts wird: "Eine der wichtigsten Charaktereigenschaften für später erfolgreiche Profis ist die Fähigkeit, sich gegen Widerstände durchzusetzen. Selbstkritisch mit sich umzugehen und an seinen Schwächen zu arbeiten. Gerade in der heutigen Zeit aber werden talentierte junge Spieler von ihrem Umfeld stark beeinflusst werden und bekommen den ganzen Tag gesagt, wie toll sie doch sind. Was häufig unrealistisch ist. Und dazu führt, dass die Spieler die Schuld gern bei anderen suchen, wenn's nicht so läuft."

Fischer hat jetzt Familie. Ab Herbst 2020 beginnt er eine Ausbildung zum Erzieher. Nebenbei hat er begonnen, Fußball in der Halle zu spielen - Futsal. Über einen alten Freund kam er zum TSV Weilimdorf, ganz in der Nähe gelegen zu seinem Wohnort. Mit dem neuen Torjäger in den eigenen Reihen schaffte der TSV 2019 gleich den Gewinn der deutschen Meisterschaft. Und es ist kaum überraschend: Auch dort hat Manuel Fischer schon wieder rasch der Ehrgeiz gepackt. Nur wenige Wochen nach seinem Futsal-Debüt wurde er bereits für die deutsche Nationalmannschaft nominiert.

Manuel Fischer: "Nicht jeder Fußballer ist ein guter Futsaler" Sportschau 13.07.2020 01:26 Min. Verfügbar bis 13.07.2021 Das Erste

Grundsätzlich geht es Fischer aber nicht mehr darum, im Fußball am großen Rad zu drehen. Für ihn soll Futsal Hobby bleiben. "Ich habe in diesem Sport meine Liebe zum Fußball wiedergefunden", sagt Fischer. Ihn begeistern Schnelligkeit und Geschicklichkeit der Spieler und die vielen Torszenen. Außerdem findet er, dass Futsal in Deutschland viel stärker entwickelt werden müsste. Auch im Sinne der Qualität auf dem Großfeld. "Ich kann Futsal nur wärmstens empfehlen. Auch und gerade für Jugendspieler. Denn man verbessert dort auf jeden Fall seine Passqualitäten und lernt geschicktes Verhalten auf engstem Raum. Wichtige Fertigkeiten, die Fußballern auch auf dem Großfeld zugute kommen."

Was dem einstigen Top-Talent beim Futsal aber noch viel wichtiger ist: "Hier geht es nicht ums Geld. Ich spiele hier endlich in einem echten Team und es geht ausschließlich um das gemeinsame Erlebnis und den gemeinsamen Erfolg. Das ist eine Erfahrung, die ich im Profifußball selten gemacht habe."

Stand: 13.08.2020, 09:32

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