"Die Mentalität ist oft der entscheidende Faktor"

Dr. René Paasch

Interview mit Sportpsychologe Dr. René Paasch

"Die Mentalität ist oft der entscheidende Faktor"

Warum schaffen tolle Jugendfußballer trotz ihres großen Talents oft nicht den Durchbruch zum Profifußball? Sportpsychologe Dr. René Paasch erklärt im Interview die wichtigsten Eigenschaften, die ein junger Fußballer mitbringen muss.

Dr. René Paasch ist Sportpsychologe. Er bietet Beratung und Betreuung im Breiten- und Spitzensport sowie Coaching im betrieblichen Umfeld und Gesundheitsförderung an. Mit seiner UEFA B-Lizenz, mehrjähriger Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Profi- und Amateurvereinen und zahlreichen Betreuungen von Spielern ist er einer der Fußballexperten im Netzwerk "Die Sportpsychologen".

Herr Paasch, immer jünger, immer besser: Man hat den Eindruck, in der heutigen Spielergeneration werden die Talente viel schneller ins Profigeschehen integriert als früher. Wird die Bundesliga tatsächlich stetig jünger?

Dr. René Paasch: Nein, ganz im Gegenteil. Der Fussball, den wir heute erleben, befindet sich schon seit vielen Jahren in einem besorgniserregenden Wandel. Die Deutsche Fußball Liga hat in ihrem aktuellen Sportreport einen klaren Negativtrend ausgemacht. So sind in der Bundesliga-Hinrunde der Saison 19/20 lediglich 9,2 Prozent der eingesetzten Profis U21-Spieler gewesen. In der Saison 2017/2018 waren es noch 17,1 Prozent. Die Quote einheimischer U21-Talente sei in diesem Zeitraum von 7,8 auf nur noch 3,0 Prozent gefallen. Ein konkreter Blick auf die Einsatzzeiten in der Hinrunde und an den beiden Rückrunden-Spieltagen zeigt allerdings, dass das Problem sogar noch größer ist. Die 18 Vereine setzten bisher insgesamt 440 Spieler ein, davon waren zum jetzigen Zeitpunkt gerade mal 20 Profis 20 Jahre alt oder jünger und wurden regelmäßig bei ihren Teams eingesetzt - das sind gerade mal 4,5 Prozent.

Wenn man sich beispielsweise die Kader der deutschen U15 und U16-Nationalteams der letzten 20 Jahre ansieht, fällt auf, dass nur ein ganz geringer Teil der dort vertretenen Jugendspieler später auch Bundesligaspieler wurden. Woran liegt's?

Paasch: Für meine Begriffe fehlt es im deutschen Nachwuchsfußball vor allem an einer Schlüsselposition: Es fehlt unseren Talenten an Mentoren statt Trainern. Die Beziehungen zu Mentoren sind eine der wirkungsstärksten Erfahrungen im Aufwachsen junger Spieler. Mentoren laden ein, ermutigen und inspirieren ihre Spieler, Herausforderungen anzupacken. Sie begleiten und leiten sie durch diese und zukünftige Fußballwelt, stehen ihnen bei Schwierigkeiten zur Seite, feiern ihre Erfolge und helfen ihnen, mit dem Misserfolg umzugehen.

Provokant gefragt: Sind Jugendtrainer nicht gut genug?

Paasch: Dass die gefühlte Beschleunigung im Fußball immer heftiger wird und dass unsere Jugend-Nationaltrainer alle immer weniger Zeit haben für eine ganzheitliche Talententwicklung zu sorgen, ist ein Teil des Leistungssports. Wenn es gelänge, klassische Fehler zu vermeiden, die wir aufgrund von festgefahrenen Nachwuchsleistungszentren verinnerlichten Konzepte gehen, wäre die Talentwicklung jetzt schon viel weiter. Die Trainer, nicht selten junge Uni-Absolventen, sind dort häufig unterbezahlt. Es herrscht ein großer Wettbewerb, häufig ein Kampf um den nächsten Karriereschritt. Der U13-Coach will U14-Trainer werden und so weiter. Um solche Ziele zu erreichen, gehören unvergütete Überstunden zum Alltag. Für "kleine" Anliegen der Nachwuchskicker ist dabei kaum Zeit.

Wann kann man erkennen, ob ein Talent später das Zeug zum Bundesligaspieler hat?

Paasch: Die meisten Spieler, die früh in ein Leistungszentrum kommen, also zum Beispiel mit zehn oder zwölf Jahren oder noch jünger, sind mit höchster Wahrscheinlichkeit schon nach drei Jahren nicht mehr dabei. Das liegt daran, dass das System in erster Linie ein Selektionssystem ist. Einige Spieler bewähren sich, die anderen nicht. Für diese werden dann neue Spieler geholt. Die Wahrscheinlichkeit, die ersten drei Jahre dort zu überdauern, liegt unter 50 Prozent, die ersten fünf Jahre sogar unter 30 Prozent. Die meisten Spieler erreichen im Leistungszentrum noch nicht einmal das Jugendalter.

Welches sind die wichtigsten Eigenschaften, die man als junger Fußballer mitbringen muss, um später Fußballprofi werden zu können?

Paasch: Neben den physischen Eigenschaften eines talentierten Fußballers wie Intelligenz, Geschicklichkeit, Schnelligkeit, Reaktionsvermögen und Ausdauer ist auch die Mentalität sehr maßgeblich für eine zukünftige Profikarriere. Die Spieler leben rund um die Uhr für den Traum. Auch wenn das oft bedeutet, andere Lebensbereiche zu vernachlässigen. Wer nicht bereit ist, Zeit und Geduld aufzubringen, hat wenige Chancen im Leistungsfussball zu bestehen.

Häufig erleben wir, dass gerade die absoluten Überflieger der Jugend-Nationalteams den Sprung später nicht schaffen. Ist es für die Entwicklung nachteilig, wenn ein Spieler früh in der Jugendkarriere so viel besser war als die Gleichaltrigen?

Paasch: Der Weg zum Profi ist steinig und schwer und verlangt neben Disziplin und Durchsetzungsvermögen vor allem die Bereitschaft auf vieles zu verzichten. Zweifelsohne ist hierbei auch Glück in gewisser Form unabdinglich. Denn sogar dann, wenn man tatsächlich die ersten Spiele im Profibereich absolviert hat, kann die Karriere durch Nuancen abrupt beendet werden. Leistungseinbrüche, schwere Verletzungen, egozentrische Berater, immenser Leistungsdruck oder der plötzliche Ruhm - es gibt genügend Gründe für eine gescheiterte Karriere.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die professionellen Berater der Spieler?

Paasch: Viele behaupten, dass Erfolg und Karriereschritte maßgeblich von einem guten Management abhängen. Berater vertreten junge Talente und sind unter anderem für Vertragsverhandlungen, Vereinswechsel und jegliche Organisationen abseits des Platzes zuständig. Außerdem verschaffen Sie wichtige Kontakte zu Sponsoren und Werbepartnern. Aus diesem Grund ist es von großer Bedeutung, als junger Spieler seriöses und ein gutes Management an seiner Seite zu haben.

Wie kann optimale elterliche Unterstützung die Karriere eines Jugendfußballers beeinflussen?

Paasch: Wonach wir im Leistungssport mit den Eltern gemeinsam suchen sollten, ist ein innerer Kompass, den jeder Spieler im Laufe seiner Karriere entwickelt. Er hilft sich in den von außen an den Spieler herangetragenen Anforderungen und Angeboten orientieren zu können. Dazu zählen nicht nur die vielen finanziellen Verlockungen und Konsumgüter, die ihm von Spielerberatern oder Vereinen angeboten werden. Und: Kinder und Jugendliche sind keine Leistungsmaschinen. Sie dürfen nicht zurechtgestutzt und nach Belieben verbogen werden, damit sie möglichst viel Ertrag und Leistung bringen.

Also sollte man als Eltern die heranwachsenden Talente eher "in Ruhe lassen"?

Paasch: Eltern haben grundsätzlich einen wichtigen Einfluss auf die Karriereentwicklung Ihrer Kinder. Sie sind dem Vereinsleben ihres Kindes verbunden und somit emotional an den Erfolg oder Misserfolg beteiligt und fordern bei den Trainern eine realistische Einschätzung über dessen Erfolgschancen ein. Die Kindheit ist der entscheidendste und prägendste Abschnitt der körperlichen, seelischen und geistigen Reife eines Menschen. Eltern sollten dies im Hinterkopf behalten, wenn Sie beim nächsten Spiel emotional entgleisen sollten oder Ihre Jungen versuchen fremdsteuern.

Heute ist das Spielerumfeld durch Eltern, Berater, Freunde und Kontakte in den Sozialen Medien sehr groß, entsprechend werden die Spieler von außen stark beeinflusst. Kann ein Trainer angesichts dieser Bedingungen noch eine persönliche Bindung und ein Vertrauensverhältnis zum Spieler aufbauen?

Paasch: Faktoren wie elterliche Unterstützung, Trainer-Spieler-Beziehung, Disziplin, Systematik oder der richtige Umgang mit Kritik und Misserfolg sind es, die letztlich den Unterschied ausmachen können. Im Nachwuchsfussball ist der Trainer neben dem Spieler die zentrale Person. Seine Kompetenz und seine Arbeitsweise sind entscheidend für Erfolg oder Misserfolg.

Lässt sich pauschal sagen, welche Trainereigenschaften für Nachwuchsspieler die wichtigsten sind?

Paasch: Spieler haben ein gutes Gespür für die Fähigkeiten ihres Trainers, die Angemessenheit seiner Handlungen und ob er über einen Sinn für Abläufe, Menschen und Umstände sowie über Einfühlungsvermögen verfügt. Deshalb ist aus meiner Sicht die Empathie eine essenzielle Voraussetzung, damit die Handlungen eines Trainers von Erfolg gekrönt sind. Sportlern muss von Seiten des Trainers ein Gefühl der Zuwendung, des Verstanden werdens auf mentaler und emotionaler Ebene und der Aufmerksamkeit gegenüber ihren Bedürfnissen vermittelt werden.

Wie wichtig sind Disziplin und Selbstreflexion für einen jungen Spieler? Sind sich selbst hinterfragende Jugendspieler erfolgreicher? Oder ist derjenige Spieler mit dem größten Ego und Selbstbewusstsein im Konkurrenzkampf eines Nachwuchsleistungszentrums erfolgreicher?

Paasch: Das Selbstvertrauen und die Reflexionsfähigkeit ist bei Jugendspielern die zentrale Größe. Jugendspieler mit wenig Selbstvertrauen und schwacher Selbstreflexion beschäftigen sich eher mit ihren Schwächen, anstatt sich auf ihre Stärken zu besinnen. Sie denken häufig über die Konsequenzen des Sports nach - was denken andere über mich, ich kann das nicht und vieles mehr - und leisten nur den vorgegebenen Durchschnitt. Die Handlungsfähigkeit und -orientierung wird dadurch gestört und die individuellen Fehler steigen.

Wie baut man als Jugendspieler das nötige Selbstvertrauen auf?

Paasch: Um ein optimales Selbstvertrauen aufzubauen, braucht man eine gute Eigen- und Fremdwahrnehmung. Außerdem Erfahrungen, handlungsförderliche Selbstgespräche, konditionelle Fähigkeiten, regelmäßige Rückmeldungen des Trainers und den nötigen Respekt vor jeder gegnerischen Mannschaft.

Einige Experten haben während der Recherche zum Thema angemerkt, dass sehr viele erfolgreiche Profifußballer aus ländlichen Gebieten stammen. Ist das Leben in einer Großstadt mit all seinen äußeren Einflüssen eher negativ für die Konzentration auf eine Fußballkarriere?

Paasch: Das kann man so pauschal nicht sagen. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Das Wichtigste für ein Talent ist, dass es viele Gleichaltrige um sich hat. Fehlen sie, macht es keinen großen Unterschied, ob es in einer schmucklosen Hochhaussiedlung oder in einem abgelegenen Häuschen am Waldrand aufwächst. Kinder und Jugendliche erwerben soziale Kompetenzen am besten, wenn keine Hierarchieunterschiede bestehen. Anfangs sagen ihnen die Eltern noch, wie sie sich verhalten sollen - später werden Mannschaftskollegen und Freunde aber immer wichtiger.

Das Gespräch führte Olaf Jansen.

Stand: 13.08.2020, 09:32

Darstellung: