DFB-Teamarzt Meyer: "Fakten für den Sommer kennen wir noch gar nicht"

Archivfoto: DFB-Mannschaftsarzt Prof. Dr. Tim Meyer

Coronavirus

DFB-Teamarzt Meyer: "Fakten für den Sommer kennen wir noch gar nicht"

Prof. Dr. Tim Meyer ist der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit Oktober 2008 besetzt er die W3-Professur für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes und gehört seit 2001 zum Ärzteteam der A-Nationalmannschaft. Im Interview mit sportschau.de schätzt der Mediziner die Situation im Zusammenhang mit dem Coronavirus ein und warnt vor Aktionismus.

sportschau.de: Das Coronavirus greift ins weltweite Sportgeschehen ein. Sie hatten am Donnerstag (27.02.2020) dazu den ersten Austausch, der auch den deutschen Fußball betraf.

Prof. Dr. Tim Meyer: Dabei handelte es sich um eine Koordinierungsgruppe, die sich von nun an für den Deutschen Fußball-Bund werktäglich abstimmt. Im Prinzip ging es nach einer Bewertung der medizinischen Lage erst einmal um die anstehenden DFB-Aktivitäten: etwa um Auslandsreisen der Mannschaften oder Mitarbeiter.

sportschau.de: Daraufhin ist bereits die Reise der U20-Nationalmannschaft der Frauen nach Japan abgesagt worden. Warum?

Meyer: Japan zählt zu den fünf Ländern, die vom Krisenstab der Bundesregierung als stark betroffen genannt worden sind und in denen es zahlenmäßig die meisten Corona-Fälle gab. Dort fände für unser Team ja keine Weltmeisterschaft statt, sondern ein Freundschaftsspiel. Daher ist abzuwägen, ob wir die Fußballerinnen da wirklich hinschicken. Auch wenn das individuelle Risiko womöglich noch überschaubar ist, wollen wir verhindern, dass das Team beispielsweise nachher in Quarantäne kommt oder anderen Beschränkungen unterliegt. Niemand kann ja präzise sagen, wie die Lage in anderthalb Wochen bei der Rückkehr aussieht - weder in Deutschland noch in Japan. Angesichts dieses Hintergrunds halte ich die Absage dieser Reise für sehr gerechtfertigt. Sie erfolgte im Einvernehmen mit dem japanischen Verband.

Fußballspiele ohne Zuschauer möglicherweise gerechtfertigt

sportschau.de: Am Donnerstag (27.02.2020) hat das Heimspiel von Inter Mailand in der Europa League vor leeren Rängen stattgefunden. Am Freitag sagte die Schweiz sogar alle Sport-Großveranstaltungen für mehr als 1.000 Zuschauer ab und setzte die Spiele der Schweizer Super League aus. Sind das angemessene Reaktionen? 

Meyer: Ich kenne die Situation in Norditalien und in der angrenzenden Schweiz nicht präzise, aber ich halte das für eine unter den dortigen Bedingungen möglicherweise gerechtfertigte Reaktion. Es geht bei solch einer Bewertung auch um die Gesamtlage für ein Land, zumal bei einem Spiel der Europa League auch Auswärtsfans anreisen. Italien ist bei Einreise nach Deutschland inzwischen immerhin ein Land, aus dem sich Passagiere registrieren lassen müssen. Eine gemeinsame Grenze zu Italien, wie die Schweiz sie besitzt, kann durchaus bedeutsam sein für eine behördliche Entscheidung.

Gesundheitsbehörden müssen über "Geisterspiele" entscheiden

sportschau.de: Sie sitzen in der medizinischen Kommission des Deutschen Fußball-Bundes und stehen auch mit der Deutschen Fußball Liga in Kontakt. Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis auch im deutschen Fußball die ersten Spiele vor leeren Rängen ausgetragen werden?

Meyer: Das ist zumindest in den Medien bereits diskutiert worden und wir tauschen uns in verschiedenen Konstellationen regelmäßig über den aktuellen Stand der Dinge aus. Derartige Entscheidungen können aber nur die Gesundheitsbehörden treffen, die über die entsprechende Expertise, die Informationen und die Übersicht verfügen. Natürlich steht der Fußball mit den Informationen zur Verfügung, die für eine Entscheidung erforderlich sind. Entsprechende Kanäle dürften auf lokaler Ebene längst etabliert sein.

sportschau.de: Die Frauen-Nationalmannschaft reist am Montag zum Algarve-Cup nach Portugal. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sagte, sie sei froh, einen Charter nutzen zu können. Außerdem finden dort die Spiele vor wenigen Hundert Zuschauern statt. Ist dieses Turnier also unbedenklich?

Meyer: Mit einer solchen Schwarz-Weiß-Formulierung wäre ich vorsichtig. Es geht um eine Risikoabschätzung, und das Risiko scheint aktuell äußerst gering. In Portugal gibt es nach der Website des RKI null Fälle (Stand 02.03.2020, 08.00 Uhr, Quelle: statista), so dass man vielleicht eher die Portugiesen fragen müsste, ob sie in der Einreise der deutschen Mannschaft ein Risiko sehen. Natürlich ist es vorstellbar, dass zu diesem Zeitpunkt in Portugal der Coronavirus angekommen ist. Genau solche Bewertungen sind Gegenstand unserer Koordinierungsgruppe: Dieses Frauen-Turnier ist momentan sicherlich kein Vergleich zu der Japan-Reise der U20.

sportschau.de: Was ist mit dem Länderspiel der deutschen Männer-Nationalmannschaft am 26. März in Madrid gegen Spanien und anschließend am 31. März in Nürnberg gegen Italien? Ist darüber schon gesprochen worden?

Meyer: Noch nicht, und das halte ich auch für sachgerecht. Vor einer Woche haben wir die Lage noch völlig anders eingeschätzt als heute, der Stand ändert sich ja fast täglich. So weit vorauszuschauen, wäre im Moment nicht seriös. Die Frage müsste eher lauten, wie früh aus organisatorischen Gründen eine Entscheidung getroffen werden muss. Das kann ich jetzt nicht überschauen. 

sportschau.de: Überall wird jetzt darauf hingewiesen, wie wichtig richtiges Händewaschen ist. Welche Hygieneregeln gelten gemeinhin bei Zusammenkünften der Mannschaft?

Meyer: Nehmen wir als Beispiel die WM 2014 in Brasilien. Dort ist die Infektionssituation eine andere als in Deutschland, weil der Körper mit neuen Erregern in Berührung kommt und die Hygienebedingungen auch nicht überall dem deutschen Standard entsprechen. Also haben wir die Spieler darauf hingewiesen, sich mehrfach am Tag gründlich mit Seife die Hände zu waschen. Und wir haben Desinfektionsmittel verteilt, um ein sichtbares Zeichen zu setzen. Aber es gibt natürlich Regeln wie die, eine Armlänge Abstand zu halten, die in einer Fußballmannschaft zumindest nicht über 24 Stunden umzusetzen sind.

Forderung nach Absage der EURO oder von Olympia "sehr forsch"

sportschau.de: Prof. Hans-Georg Predel als Leiter des Sportmedizinischen Instituts der Sporthochschule Köln hat unter gewissen Umständen für eine Absage der EM 2020 und der Olympischen Spiele plädiert.

Meyer: Ich finde eine solche Einschätzung zum jetzigen Zeitpunkt sehr forsch. Sie trägt nicht zur sachlichen Beurteilung der Situation bei, sondern ist eher angetan, die Menschen zu verunsichern. Natürlich muss das zu gegebener Zeit diskutiert werden, aber was zwingt uns, jetzt bereits solche weitreichenden Voraussagen zu machen? Solche Entscheidungen könnten beispielsweise davon abhängen, wann die Kurve der Neuansteckungen in den betroffenen Ländern wieder fällt. Ich könnte mir vorstellen, dass Japan da eine gute Chance hat, dass sie zu dem Zeitpunkt sagen können: Die Zahl der Neuerkrankungen ist eindeutig auf dem absteigenden Ast oder gar auf einem hinreichend niedrigen Niveau. Da könnten auch jahreszeitliche Einflüsse helfen, nicht umsonst ist eine normale Grippe eher im Herbst und Winter problematisch. Das könnte ich mir auch für Europa vorstellen. Wir müssen das meines Erachtens nicht Ende Februar, Anfang März entscheiden.

Fußball-EM: "Fakten für den Sommer kennen wir doch noch gar nicht"

sportschau.de: Bei der Fußball-EM kommt aber hinzu, dass Tausende von Fans quer durch Europa reisen. Von Budapest nach Bilbao, von Rom nach St. Petersburg, von Dublin nach Baku. 

Meyer: Das ist natürlich kein Szenario, das man sich als Epidemiologe wünscht, wenn eine Infektion grassiert. Aber wir wissen einfach nicht, inwieweit die aktuelle Konstellation dann noch besteht. Es gibt so viele nicht abschätzbare Faktoren und Rahmenbedingungen - auch solche, die wir noch gar nicht kennen -, dass wir kaum seriöse Prognosen anstellen können. Die Fakten für den Sommer kennen wir doch noch gar nicht.

sportschau.de: Bestehen denn im Sommer berechtigte Hoffnungen, dass der ganze Spuk mit diesem Virus vorbei ist?

Meyer: Das kann man kaum definitiv sagen, weil es wirklich wenig Erkenntnisse gibt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass bis dahin gar keine Infektionen mehr auftreten. Letztlich ist es eine Frage, die Infektiologen besser beantworten können. Vermutlich wird die Art der Infektionsbekämpfung bis dahin aber in eine andere Phase getreten sein. Coronavirus-Erkrankungen sind zwar nicht gänzlich neu in der Medizin, aber sie stellen in unseren Breiten eben keine klassische Erkrankung dar, vor allem in diesem Ausmaße nicht. Über diesen konkreten Erreger COVID-19 sammeln wir erst seit zweieinhalb Monaten Erkenntnisse. Wenn man vorsichtige Ableitungen aus Erfahrungen mit der Grippe und Erkältungskrankheiten vornimmt, verschlechtern wärmere Witterungsbedingungen die Übertragungen solcher Krankheiten. Frühjahr und Sommer müssten daher günstiger für die Bekämpfung und Eindämmung sein. Aber da dieser Infekt in den Jahreszeiten noch nicht aufgetreten und die Südhalbkugel - wo ja Sommer ist - aktuell weniger betroffen ist, ist auch das Spekulation.

sportschau.de: Ist Ihnen zu viel Panikmache im Umlauf?

Meyer: Manche (soziale) Medien tragen sicherlich in einer medizinisch nicht gerechtfertigten Weise zur Verunsicherung bei. Natürlich ist der Coronavirus eine ernstzunehmende Infektion, aber es hilft gar nicht, ausschließlich Worst-Case-Szenarien an die Wand zu malen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten werden. Dass ein Krisenstab sich damit auseinandersetzen muss, ist etwas anderes.

sportschau.de: Sind Sportler und Sportlerinnen eigentlich generell weniger anfällig, weil sie in der Regel ein intaktes Immunsystem besitzen?

Meyer: Wahrscheinlich sind sie im Durchschnitt ein klein bisschen weniger anfällig, wenn man wissenschaftliche Daten zugrunde legt. Zumindest gilt das für diejenigen Sportler, die nicht die ganz großen Trainingsumfänge fahren. Bei Triathleten im Leistungssport, die sechs Stunden am Tag trainieren, gibt es für bestimmte Zeiträume einen das Immunsystem schwächenden Effekt. Das gilt jedoch kaum für Fußballer, Handballer oder Tischtennisspieler. Aber ob robuste Sportler weniger anfällig für das Coronavirus sind – auch das lässt sich nicht sagen. Ich sehe bei Sportlern insgesamt keinen relevanten Einfluss auf die Anfälligkeit für Corona, wenn man von den in Training und Wettkampf unvermeidlichen engen Kontakten mit anderen Sportlern absieht.

Das Coronavirus aus Sicht der Athleten Sportschau 01.03.2020 02:18 Min. Verfügbar bis 01.03.2021 Das Erste

Das Interview führte Frank Hellmann.

Stand: 02.03.2020, 17:06

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