DFB-Akademieleiter Tobias Haupt – Mahner und Treiber

Tobias Haupt

Reformbedarf im deutschen Fußball

DFB-Akademieleiter Tobias Haupt – Mahner und Treiber

Von Frank Hellmann

Der deutsche Fußball muss sich auf eine Talsohle einstellen. In der Talentförderung und Trainerausbildung läuft zu viel falsch. Akademieleiter Tobias Haupt kommt bei den Reformen eine Schlüsselrolle zu. Wer ist dieser junge Professor?

Es ist wahrlich nicht zu behaupten, dass die führenden Köpfe aus dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) am Dienstag (18.02.2020) im zweiten Stock des Dortmunder Fußballmuseums ein leuchtendes Bild des deutschen Fußballs gezeichnet haben. Im Gegenteil: Beinahe erbarmungslos legte die Direktion Nationalmannschaften und Akademie den Finger in die offene Wunde.

Gerade noch bis zur EURO 2024 würden die Jahrgänge 1995 bis 1999 für gehobenes Niveau ausreichen, dahinter komme eine Delle, erklärte DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der von "warnenden Tendenzen" sprach. "Es gibt  klare Anzeichen, dass wir uns massiv bewegen müssen. Wir müssen die Weichen stellen, dass wir auch in zehn, 15 Jahren eine erfolgreiche Nationalmannschaft haben."

Alarmierende Zahlen im Nachwuchs

Aktuell  würde ein Gespräch mit Bundestrainer Joachim Löw nicht mal die Länge eines Espresso haben, wenn es um den Austausch von Spielern gehe, unterstrich U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz. Denn: "Außer Kai Havertz ist da niemand mehr." Von seinen Jungs könne er keinen ausmachen, der aktuell ans Tor zu A-Nationalmannschaft klopfe. Bestes Beispiel: Sein Kapitän Johannes Eggestein ist trotz der Schaffenskrise bei Werder Bremen aus Leistungsgründen schon im Verein außen vor.

Der jüngste Sportreport der Deutschen Fußball Liga (DFL) belegte, dass in der Hinrunde der Bundesliga nur noch drei Prozent deutsche U21-Spieler zum Einsatz kamen – weniger als die Hälfte gegenüber der Vorsaison. Diese Zahl sei "alarmierend", bestätigte der sportliche Leiter Joti Chatzialexiou. "Wir sehen, dass England, Frankreich, Spanien oder die Niederlande teilweise das Fünffache an guten Spielern ausbilden."

Die Akademie soll den Weg weisen

Einig sind sich alle, dass es grundsätzliche "Anpassungen im System" geben muss. Und an diesem Punkt kommt Tobias Haupt ins Spiel. Der 36-Jährige hat beim Medientalk am Dienstag mit Bierhoff, Kuntz, Chatzialexiou und Britta Carlson (Assistenztrainer der Frauen-Nationalmannschaft) mit am Tisch gesessen. Denn er ist es, der mit seiner Institution die Werkzeugkiste in der Hand hält, obwohl er selbst lieber sagt, er liefere "das Performance Center". Bei ihm laufen die Drähte zusammen, um die Bereiche Belastungssteuerung, Ernährung, Medizin, Psychologie, Spielanalyse oder Neuro-Athletik mit Inhalt zu füllen.

Zwei Kernpunkte gilt es aus seiner Sicht zu reformieren: die Talentförderung und Trainerausbildung. "Wir müssen definitiv wieder das Talent in den Fokus stellen. Und wir müssen unsere Trainer ganz individuell entwickeln", erklärt Haupt gegenüber sportschau.de. Das viel gepriesene System der Nachwuchsleistungszentren habe in den vergangenen 20 Jahren einige Schwachstellen aufgebaut. "Wir bilden zu wenig altersspezifisch aus, wir setzen zu wenig auf Persönlichkeitsentwicklung." Bierhoff formulierte die Versäumnisse sogar noch deutlicher: "Wir waren zu technokratisch, haben nur an Taktiken und Systeme gedacht. Persönlichkeit, Menschenführung, Charakter sind verloren gegangen." Mit teilweise dramatischen Folgen.

Haupt sagt ganz offen: "Wir haben an der einen oder anderen Stelle den Anschluss verloren." Ihm ist aufgefallen, dass vielen Jungs in den U-Teams "der ursprüngliche Spaß am Spiel fehlt, sie zeigen im Training und im Spiel kaum noch Emotionen." Der Spieler selbst müsse wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Sein Credo: "Entwickeln statt selektieren“. Zudem müsse parallel darauf geachtet werden, dass sich die zuständigen Trainer besser als bisher weiterbilden. Der englische Verband FA und die Klubs der Premier League seien auch hier mit 100 eigenen Trainerentwicklern schon weiter, erläutert Haupt.

Immer offen für Neues

Der 1,95-Meter-Mann  gilt als einer der klügsten Köpfe für das beim DFB-Bundestag verabschiedete und von DFL und DFB gemeinsam angestoßene "Projekt Zukunft". Ein empathischer Überzeugungstäter, der ohne besserwisserische Attitüde antritt. Deshalb war für ihn auch die USA-Reise Anfang Dezember mit einer Reihe von Bundesliga-Managern, darunter Bayerns Sportchef Hasan Salihamidzic, Gladbachs Sportdirektor Markus Eberl oder Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic, so wichtig: Bei den Stippvisiten der großen US-Sportmarken und High-Tech-Unternehmen ließ sich eine Vertrauensbasis auf persönlicher Ebene schaffen.

Tobias Haupt über DFB-Akademie: "Absolut positive Entwicklung"

Sportschau 19.02.2020 00:57 Min. Verfügbar bis 19.02.2021 ARD

Sein Leitsatz: "Du muss als Leader immer offen für Neues sein, und du musst bereit sein, Menschen um dich zu versammeln, die besser sind als du selbst." Zuletzt hat er beispielsweise Ralf Rangnick, den Fußball-Chef für das Red-Bull-Konstrukt, sowie die ehemaligen Bundesligatrainer Roger Schmidt und Sandro Schwarz zum Gedankenaustausch mit den angehenden Fußballlehrern zusammengebracht. Solche Zusammenkünfte zu organisieren und moderieren sieht Haupt als wichtige Dienstleistung seiner Akademie an. Stichwort: Gegenseitig voneinander lernen.

Promoviert mit 29 Jahren

Derzeit ist die dynamische Bierhoff-Direktion mit mehr als 100 Mitarbeitern in offenen Büros in der Goldsteinstraße im Frankfurter Stadtteil Niederrad beherbergt. Wenn dann irgendwann 2021 der 150 Millionen Euro teure Neubau  auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn bezugsfertig ist, kann der Akademieleiter Haupt so richtig loslegen. Als unverbrauchte Führungskraft, die mit den früher arg verkrusteten DFB-Strukturen nichts zu tun hatte.

Angefangen hat Haupt beim Verband nämlich erst am 1. Oktober 2018. Zuvor leitete er das Internationalen Fußballinstitut in München, hatte bereits mit 29 Jahren seine Professur in der Tasche. Seine Promotion machte er zum Thema "Social Media Marketing und Kapitalisierungsmöglichkeiten im Spitzensport". Er zeigt sich immer noch vom DFB beeindruckt, sagt er sportschau.de, "so viele hochmotivierte Menschen zu treffen, die sich rund um die Uhr mit Fußball beschäftigen, die ihn weiterentwickeln wollen und gleichzeitig die Nationalmannschaften, Spieler und Trainer auf ein Topniveau bringen wollen."

Aumann und Kahn waren seine Vorbilder

Aber dazu bedarf es neuer Wege. Den Automatismus, dass jedes Talent möglichst früh zu den großen Vereinen wechselt, will Haupt nicht gänzlich aufgeben, aber zumindest überdenken.  Einerseits sei er froh, dass es die Nachwuchsleistungszentren gibt, andererseits "müssen wir das Netz dichter spannen, dass Spieler es auch über den zweiten Weg schaffen können." Er plädiert dafür, die Jungs nicht zu früh aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen.

Als Gegenbeispiel dient ihm der erst über verschlungene  Umwege in die Bundesliga gekommene Florian Niederlechner vom FC Augsburg: Gegen den Torjäger und Spätstarter hat Haupt selbst noch  gespielt hat. Auch er wollte nämlich mal Profi werden und träumte von einer Torwartkarriere wie Raimond Aumann oder Oliver Kahn beim FC Bayern. "Von dem einen hatte ich das erste Poster im Zimmer, der andere hat mich mit seinem Willen und seiner Leidenschaft beeindruckt.“  Immerhin bis zur Bayernliga, bei der SpVgg Landshut und SC Fürstenfeldbruck, stand er zwischen den Pfosten.

Noch immer ist die Verbundenheit zur bayrischen Heimat groß: Seine Verlobte arbeitet als Kinderärztin in München. Haupt sieht sie nur noch selten, weil er sich ein kleines Apartment im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen genommen  hat, von dem der Weg zum Arbeitsplatz nicht weit ist. Mit dem Fahrrad eine Viertelstunde. Die Hessen, speziell die Mainmetropole, hat er übrigens als tolerant kennengelernt, "dass sie einen Migranten aus Bayern wie mich so herzlich aufgenommen haben", scherzt er.

Stand: 19.02.2020, 17:54

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