Brittney Griner von den Phoenix Mercury in Aktion

Basketball | WNBA Basketballstar Griner - Gefangen in Putins Schachspiel

Stand: 06.05.2022 12:00 Uhr

US-Basketballerin Brittney Griner sitzt auch zum Start der Saison in der WNBA weiter in Russland in Haft. Die US-Regierung spricht inzwischen von einer politisch motivierten Anklage.

Von Christian Mixa

Am Freitagabend (06.05.2022) startet die neue Saison in der Frauen-Profiliga WNBA gleich mit dem Spiel eines der Titelfavoriten: Die Phoenix Mercury sind in der vergangenen Saison erst im Finale gestoppt worden.

In diesem Jahr will Phoenix den nächsten Schritt gehen und hat sich dafür ein neues Super-Team zusammengestellt: Unter anderem kam Tina Charles, mit 23,4 Punkten im Schnitt Topscorerin der vergangenen Saison. Dicht gefolgt von Mercury-Center Brittney Griner (20,3 Punkte), die nun gemeinsam in Phoenix den besten Frontcourt der Liga bilden.

Mutmaßlicher Drogenbesitz - WNBA-Star Griner in Russland in Haft

Dies war zumindest der Plan - bis Anfang März die Nachricht aus Russland kam, dass Griner, einer der größten Stars im Frauen-Basketball, auf einem Moskauer Flughafen festgenommen wurde. Sie soll Kartuschen mit Haschisch-Öl in ihrem Gepäck mitgeführt haben, so der Vorwurf russischer Behörden.

Griner stand zu diesem Zeitpunkt beim russischen Spitzenklub UMMC Jekaterinburg unter Vertrag, wie eine ganze Reihe von US-Basketballerinnen, die während der Spielpause der WNBA in Europa spielen. Der 31-Jährigen US-Amerikanerin, die mit Jekaterinburg zweimal die Euroleague gewann, droht in Russland nun eine Haftstrafe von fünf bis zehn Jahren.

Gleich nach Bekanntwerden der Festnahme gab es aus den USA erste Verdächtigungen, die Star-Basketballerin werde von russischer Seite politisch instrumentalisiert. Um ein mögliches Druckmittel in der Hand zu haben gegen die von den USA gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen nach dem Angriff auf die Ukraine.

Nach Meldungen russischer Agenturen soll es bislang keine konkrete Verhandlung in Griners Fall gegeben haben, stattdessen wurde die Untersuchungshaft für Griner nach gerichtlicher Anordnung bis zum 19. Mai verlängert. Auch dies verstärkt den Eindruck, dass die russische Seite erst einmal auf Zeit spielt.

US-Regierung: "Zu Unrecht von russischer Föderation inhaftiert"

Der demokratische Senator Tim Kaine hatte in einem US-Polittalk der russischen Regierung vorgeworfen, Griner als "Geisel für ihr politisches Schachspiel" zu halten. Offizielle US-Regierungsstellen hatten sich in den vergangenen Wochen mit konkreten Anschuldigungen zurückgehalten und auf diskrete Verhandlungen mit der russischen Seite gesetzt, vor allem aus Sorge um die Sicherheit und das Wohlergehen der Spielerin.

Inzwischen hat aber auch die US-Regierung den Ton verschärft: Das US-Außenministerum sprach in einer Mitteilung nun erstmals davon, dass Griner "von der russischen Föderation zu Unrecht inhaftiert" worden sei - und rückte ihren Status damit in die Nähe einer politischen Gefangenen. Die US-Regierung werde weiter alle Anstrengungen unternehmen und Griner die notwendige Unterstützung anbieten, hieß es in der Mitteilung aus dem State Department. Über mögliche neue Erkenntnisse, die die Regierung zu ihrer Strategieänderung bewegt haben könnte, wurde nichts bekannt.

Sonderbotschafter im Fall Griner eingesetzt

In US-Medien wird die offizielle Erklärung aus Washington so interpretiert, dass die Regierung nicht länger darauf warten möchte, dass die Anklage gegen Griner in Russland vor Gericht kommt. Sondern stattdessen nun direkt mit Moskau über eine Freigabe und Rückkehr der Spielerin in die USA verhandeln wird.

Nach einem Bericht von "ESPN" hat das State Department eine Kommission aus Experten eingesetzt, die sich sonst mit Geiselnahmen von US-Bürgern im Ausland befassen. Beauftragt mit den konkreten Verhandlungen im Fall Griner wurde Bill Richardson, ein ehemaliger UN-Botschafter und erfahrener Diplomat. Richardson hatte vor kurzem als Unterhändler die Freilassung eines US-Marines erreicht, der drei Jahre lang in Russland inhaftiert war, ebenfalls wegen umstrittener Anschuldigungen.

Die WNBA nannte die verstärkten diplomatischen Bemühungen um eine Freilassung Griners "eine positive Entwicklung". Man arbeite weiter eng mit der Regierung zusammen, um die Spielerin "sicher und so bald wie möglich nach Hause zu holen", hieß es in der Mitteilung.

Deutlich höhere Gehälter in Russland - WNBA unter Zugzwang

Griners Fall hat aber einmal mehr auch das Gehaltsgefüge der US-Profiliga in den Fokus gerückt: Das Maximalgehalt wurde zwar nach den jüngsten Tarifverhandlungen zwischen Liga und Spielerinnengewerkschaft angehoben, auf 230.000 Dollar. Top-Stars wie Griner, zweifache Olympiasiegerin, können im Ausland aber nach wie vor deutlich mehr verdienen, bei russischen Topklubs wie Jekaterinburg sogar angeblich mehr als eine Million Dollar.

Dass sie dabei auch Gefahr laufen, zwischen die politischen Fronten zu geraten, bringt nun auch die WNBA unter Zugzwang: Die Liga hat bereits angekündigt, die Auslands-Engagements von Spielerinnen künftig stärker einschränken zu wollen. Und zugleich Bereitschaft signalisiert, die Gehälter anzuheben, um ein Auslandsengagement für die Spielerinnen weniger lukrativ erscheinen zu lassen.

Solidaritätsbekundungen für Griner in den WNBA-Arenen

Zum Saisonstart überwiegt innerhalb der Liga die Sorge um eine der besten Spielerinnen, nicht nur in Phoenix: In allen Arenen wird ihre Rückennummer 42 auf dem Spielfeld eingraviert sein, zusammen mit ihren Initialien "BG", aus Solidarität mit der inhaftierten Griner.

"Wir denken jeden Tag an sie, wir lieben sie", sagte ihre Teamkollegin Skylar Diggins-Smith. "Wir werden für sie spielen, ihren Platz übernehmen und ihre Stimme auf dem Feld sein. Bis sie wieder bei uns ist."