Typisch Rebensburg

Viktoria Rebensburg

Rücktritt der Olympiasiegerin

Typisch Rebensburg

Von Bernd Schmelzer

Der Rücktritt der Riesenslalom Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg kommt überraschend. Ist aber nachvollziehbar. Eine persönliche Einschätzung von ARD-Ski-alpin-Kommentator Bernd Schmelzer, der Viktoria Rebensburg über 13 Jahre im Weltcup begleitet hat.

Ob ich überrascht bin? Na klar. Erstaunt? Auch. Logisch. Aber ist es unerklärlich? Gar nicht nachvollziehbar? Mitnichten. Wer Viktoria Rebensburg in den vergangenen 13 Jahren so ein wenig kennengelernt hat, der kann ihren Entschluss nachvollziehen. Weil er irgendwie logisch ist. Und damit typisch Rebensburg.

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Prinzipiell rechnet man an einem 1. September ja mit vielem. Mit einem neuen Bußgeld-Katalog, Steuererhöhungen, in Corona-Zeiten mit Maskenpflicht oder anderen Hygiene-Regeln, die verschärft oder abgeschwächt werden. Mit dem Rücktritt von Deutschlands bester aktiver Skifahrerin sicher nicht. Aber es ging halt nicht mehr bei ihr. Das Knie. Jenes Knie, an dem sie sich am  9. Februar in Garmisch schwer verletzt hatte. Beim Super G. Dem letzten Rennen ihrer Karriere. Ich durfte es kommentieren.

Unvergessenes Wochenende im Februar

Viktoria Rebensburg verabschiedet sich mit einem unvergessenen Wochenende. Denn einen Tag vor dem Sturz gewinnt sie die Abfahrt auf der grimmig eisigen Kandahar. Die erste Abfahrt ihrer Karriere. Der 19. Weltcup-Sieg, gleichzeitig ihr letzter. Was für ein Anachronismus. Man hätte sie noch viel intensiver feiern müssen, wenn man es damals schon gewusst hätte.

Bescheidenheit als Charaktersache

Genau 13 Jahre zuvor, es ist ein kalter Februar im schwedischen Are: Viktoria Rebensburg begeistert die Ski-Welt bei ihrer ersten Weltmeisterschaft. Sie wird Achte im Riesenslalom. Mit einem fulminantem zweiten Lauf. Bei den Interviews im Zielraum bleibt sie extrem bescheiden. Wie angenehm. Offenbar Charaktersache.

Und genau das zeichnet sie auch in den folgenden Jahren aus. Unaufgeregt den Mitmenschen gegenüber. Und auf der Piste ihren eigenen Stil entwickelnd. Sie fährt immer eine andere Linie als die anderen. Direkter auf die Tore zu im Riesenslalom. Mit tieferem Körperschwerpunkt als die Konkurrentinnen. Der "Bode-Style" macht schnell die Runde. Weil diese Art, sich zwischen den Toren zu bewegen, ein wenig an Bode Miller, den verrückten US-Amerikaner, erinnert. Einziger Unterschied: Bei Viktoria Rebensburg sieht es so leicht aus, so spielerisch - und es ist gleichzeitig so riskant und schnell. Bei ihr fiebert man noch mehr mit am Mikrofon. Jeder Schwung kann schließlich der letzte sein.

Viktoria Rebensburg - eine der besten deutschen Skiläuferinnen hört auf Sportschau 01.09.2020 02:42 Min. Verfügbar bis 01.09.2021 Das Erste

Nie die Bodenhaftung verloren

Was mich immer fasziniert hat: Viktoria Rebensburg produziert keine negativen Schlagzeilen. Skandale sowieso nicht. Wird sie mal nach möglichen team-internen Querelen befragt, antwortet sie stets salomonisch ausgleichend. Weder überschwänglich, noch zutiefst deprimiert in ihren Aussagen. Egal ob Olympia-Sieg oder bittere Niederlage. Immer freundlich. Immer ein kleiner Plausch. Über den Tegernsee, ihr Studium, Material-Tüftelei. Kein Ausflug auf den Boulevard. Kein Abstecher zur Yellow Press. Die Bodenhaftung nie verlieren, das Motto für die Skipisten, hat sie zu ihrer Lebenseinstellung gemacht.

Interessant ist zudem der immer stärker werdende Hang zur Perfektion dieser Ausnahme-Sportlerin. Optimales Material, optimaler Schwung, optimales Team. Und dann zwischendurch wieder so ein erster Lauf, der von alledem nichts hat. Unerklärlich. Für sie. Für den Rest der Ski-Welt. Gerne mal auf diesem ominösen Gletscher oberhalb von Sölden. Einem ihrer Lieblings-Rennen. Lang, steil, anspruchsvoll, genau ihr Ding. Das sie ihren ersten Weltcup genau dort gewann, wen wundert´s.

Vicky, Vicky noch einmal, es war so wunderschön!

Und jetzt? Jetzt haben wir Ski-Fans ein Problem. Ihre wilden, furiosen Läufe werden uns fehlen. Ihre coolen Interviews. Ihr Pokerface, zumeist hinter einer schmucken Sonnenbrille versteckt. Ihr Erfolgshunger und ihre bodenständige Art. Doch genau hier erklärt sich dieser Rücktritt. Eine körperlich nicht konkurrenzfähige Rebensburg, nicht vorstellbar für sie selbst. Schon gar nicht bei ihren Ansprüchen. Der Bauchmensch, wie sie sich gerne bezeichnete, hat entschieden. Keine 100 Prozent mehr möglich - keine Rebensburg mehr möglich. Für diese Gleichung brauchst du keinen Taschenrechner.

Deshalb: So erstaunt ich im ersten Moment über diese Meldung war, so nachvollziehbar ist ihre Entscheidung. "Vicky, Vicky, noch einmal, es war so wunderschön" - diese Gesänge wird es im Ski-Weltcup nicht mehr geben. Ich werde sie vermissen. Es war mir eine Ehre.

Stand: 01.09.2020, 21:15

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