Felix Neureuther: "Kein Wintersport wäre eine Katastrophe"

Felix Neureuther

Interview

Felix Neureuther: "Kein Wintersport wäre eine Katastrophe"

In die Vorfreude auf die Wintersportsaison mischen sich bei Felix Neureuther auch Sorgen. Der Sportschau-Experte spricht über Wettbewerbe ohne Zuschauer, die deutschen Athleten und die Favoriten bei den Alpinen.

Sportschau: Felix Neureuther, im Biathlon finden an einigen Orten an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden Weltcups statt, um in der "Blase" zu bleiben und Reiseaktivitäten einzuschränken. Wäre das auch ein Modell für andere Sportarten?

Felix Neureuther: In der jetzigen Situation ist das sicher die richtige Entscheidung. Auf Dauer gesehen kann es nicht die Lösung sein. Aber jetzt muss man schauen, dass der Sport stattfindet. Die Skirennen, Biathlon, das Skispringen, Langlauf und der ganze Wintersport müssen stattfinden. Sonst wird es für die Verbände und auch die Veranstalter eine Katastrophe. Dann ist auch die Frage in den nächsten Jahren, ob die Orte noch die gleichen bleiben werden - traditionsreiche Orten wie Wengen, Adelboden und so weiter. Wenn dort keine Rennen mehr stattfinden, schaut es sehr, sehr schwierig aus.

Neureuther: "Der ganze Wintersport muss stattfinden" Sportschau 15.10.2020 00:33 Min. Verfügbar bis 15.10.2021 Das Erste

Sportschau: In Sölden sind am Wochenende keine Zuschauer zugelassen. In Kitzbühel wird man normalerweise von 50.000 Zuschauern gefeiert. Wie bitter ist es, in einem leeren Zielraum abzuschwingen?

Neureuther: Extrem bitter. Ich war ein Athlet, der von den Zuschauern gelebt hat. Ich habe es geliebt, diese Emotionen zu spüren. Und wenn das weg ist! Du musst dich einfach anders darauf einstellen, das können die Sportler natürlich. Für den einen oder anderen wird es sogar ein Vorteil sein, weil der Druck einfach nicht so extrem da ist. Deswegen können die relativ befreit auffahren. Es hat so etwas wie im Training. Aber es ist definitiv nicht die Emotion da wie bei einem Rennen mit Zuschauern.

Neureuther: "Für Kinder ist es wichtig, dass Sport im Fernsehen stattfindet" Sportschau 15.10.2020 00:35 Min. Verfügbar bis 15.10.2021 Das Erste

Sportschau: Ist die Botschaft trotzdem: Hauptsache, es gibt Rennen, auch ohne Zuschauer?

Neureuther: Klar, der Skisport muss stattfinden. Da hängen ja nicht nur Existenzängste der Verbände dran, sondern auch die der Athleten, wenn da ein Jahr lang nichts stattfindet. Ich trainiere, aber für was? Das wäre natürlich schon dramatisch. Auch was die Kinder und Jugendlichen betrifft, wenn die den Sport nicht im Fernsehen sehen können. Die Vorbildwirkung des Sportlers ist einfach enorm, und Kinder müssen sich heutzutage bewegen. Deswegen ist es entscheidend, dass Sport im Fernsehen stattfindet.

Sportschau: Bei Dir in Garmisch findet das traditionelle Neujahrsskispringen statt. Kannst Du Dir vorstellen, wie das für dich als Zuschauer sein wird?

Neureuther: Es ist schwer vorstellbar, wenn die Athleten da runterspringen und dieses "Ziiiiieh" oder beim Biathlon dieses "Hey" nicht dabei sind. Das überträgt sich ja auch auf den Fernsehzuschauer. Wir werden sehen, wie sich das dann anfühlt. Beim Fußball hat es recht gut funktioniert, das ist auch übergangsweise in Ordnung. Aber es kann nicht auf Dauer sein.

Sportschau: Wie wirken sich die umfangreichen Hygienemaßnahmen und Auflagen für die Sportler im Trainingsalltag aus?

Neureuther: Für den Sportler glaube ich, dass es sich nicht so extrem auswirkt, weil es für alle gleich ist. Es darf keiner nach Chile zum Training fliegen oder nach Amerika. Es bündelt sich halt alles in den Regionen, wo die Sportler zu Hause sind.

Sportschau: Das Frauenteam hat die erfolgreichste Athletin verloren. Wer kann in die Fußstapfen von Viktoria Rebensburg treten?

Neureuther: Die Vicky fehlt uns natürlich schon enorm. In diese Fußstapfen zu treten, wird fast ein Ding der Unmöglichkeit. Am ehesten ist es Kira Weidle in den Speed-Disziplinen, die da wirklich ein Wörtchen mitreden kann. In den technischen Disziplinen sieht es leider Gottes nicht ganz so gut aus. Aber wir lassen uns überraschen.

Sportschau: Höhepunkt für die Skifahrer ist die alpine WM im Februar in Cortina. Was traust Du dem DSV-Team zu?

Neureuther: Medaillenkandidaten sind in erster Linie unsere Männer. Thomas Dreßen natürlich, der sicher einer der ganz großen Favoriten auf eine Medaille sein wird. Dann haben wir noch Beppi Ferstl, der schon Weltcuprennen gewonnen hat. Und Andreas Sander, der immer für eine Überraschung gut ist in den technischen Disziplinen. Der Stefan Luitz, der wirklich extrem gut drauf ist im Riesenslalom. Auch Linus Straßer kann, wenn er konstant bleibt, im Slalom für eine Überraschung sorgen.

Sportschau: Was traust Du Stefan Luitz in Sölden zu?

Neureuther: Ich traue ihm einiges zu, weil er aus der letzten Saison viel gelernt hat. Und er geht dieses Jahr voll auf Attacke. Ich habe ihn im Training gesehen und denke, dass er es aufs Podium schaffen kann.

Sportschau: Wer gewinnt in Sölden?

Neureuther: Der ganz große Favorit ist sicher Alexis Pinturault. Ich hab ihn selbst beim Training gesehen, er ist in einer Bombenverfassung. Der fährt so schön geschmeidig und bringt die Routine mit. Er hat in den vergangenen Jahre bewiesen, dass das auch sein Hang ist.

Stand: 15.10.2020, 15:00

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