90. Geburtstag ohne Fans: Kitzbühel und der "Geisterweltcup"

Abfahrt Kitzbühel: Rennfahrer beim Training

Ski-alpin-Weltcup

90. Geburtstag ohne Fans: Kitzbühel und der "Geisterweltcup"

Von Bernd Eberwein

Kitzbühel bereitet sich auf die ruhigsten Hahnenkammrennen der Geschichte vor. Wegen des Coronavirus fehlen erstmals in 90 Jahren die Zuschauer. Keine Fans, keine Promis, keine Partys - alles anders in diesem Jahr? Zumindest sportlich bleibt's gewohnt herausfordernd.

Es sind die über Jahrzehnte gewachsenen Rituale, die aus einem "normalen" Skirennen ein außergewöhnliches machen. Bei den seit 1931 ausgetragenen Hahnenkammrennen, die in diesem Jahr zum 81. Mal stattfinden, findet man solche Rituale nicht nur im sportlichen Bereich.

Logisch: Die Abfahrtssieger, die Mausefalle, Steilhang und Seidlalm am schnellsten meistern, werden als Skihelden verehrt. Ihr Name wird bis in alle Ewigkeit auf einer Seilbahn-Gondel verewigt. Glückt einem dieser modernen Matadoren gleich drei Mal ein Kitzbühel-Sieg, gibt es als Auszeichnung die "Hahnenkammnadel" in Gold, mit Brillanten besetzt. In Kitzbühel ist eben alles etwas edler.

Fast 100.000 Besucher in Kitzbühel

Aber: In Kitzbühel geht es auch - und vor allem - darum, eine große Party im Schnee und den diversen Feier-Locations zu zelebrieren. Rund 20.000 Zuschauer zählen die Organisatoren Jahr für Jahr bei den Rennen. Insgesamt pilgert an den Tagen rund um die Hahnenkammrennen fast die fünffache Zahl in die Tiroler 8.500-Einwohner-Gemeinde. 98.000 zählten die Organisatoren 2017, im bisherigen Rekordjahr.

Darunter natürlich auch Prominenz in allen Varianten - von A, B, C und D bis Z. Und die gibt normalerweise alles, um die Show und den Glamourfaktor rund um die Hahnenkammrennen hochzuhalten.

30 Jahre Weißwurstparty - das Jubiläum muss warten

Fester Bestandteil seit 30 Jahren ist die "Weißwurstparty" vor dem Rennwochenende im "Stanglwirt" im nahen Going. Was einst als gemütliches Beisammensein des österreichischen Skiteams 1991 begann, ist längst das Event schlechthin mit 2.500 Gästen.

Für Außenstehende mutet vieles skurril an. Wenn der Wirt mit dem Ausruf "Weiß Wurscht is!" das große Gelage mit der 400 Jahre alten Stanglwirt-Glocke einläutet etwa. Oder Arnold Schwarzenegger, Schauspieler von Welt und ehemaliger Kalifornien-Gouverneur, aber eben auch Österreicher, einen langen Holzlöffel mit aufgereihten Weißwürsten in die Kameras hält.

Arnold Schwarzenegger und Tocher Christina im "Stanglwirt" 2020

Arnold Schwarzenegger und Tocher Christina im "Stanglwirt" 2020

Keine "Äktschn" ohne Arnold

Der geplante 30. Geburtstag der "Weißwurstparty" wurde wegen Corona auf 2022 verschoben. Bitter, nicht nur für Boulevardfans. Denn es sind in Kitzbühel eben auch die Bilder jenseits des Sports, die zum Gesamtkunstwerk Hahnenkammrennen gehören. In Sachen sportlicher Expertise können die Promis ansonsten natürlich wenig beitragen.

Zwar ist es durchaus unterhaltsam, wenn ein Arnold Schwarzenegger in seinem ulkigen USA-Österreich-Slang vom "gefährlichsten Downhill-Race" oder dem "gigantischsten Rennen" spricht oder in seiner Rennanalyse sagt: "Es war fantastisch und spannend, wie ein Äktschnfilm, spannend!" Aber einen sportlichen Mehrwert bringen die Promis eben nicht nach Tirol. Doch darum geht es auch gar nicht in und um Kitzbühel.

Skistars im Rampenlicht

Wolfgang Maier, Alpinchef des Deutschen Skiverbands (DSV), brachte es vor dem 80. Jubiläum im vergangenen Winter am Beispiel seines Topfahrers Thomas Dreßen, Gewinner 2018, treffend auf den Punkt. "Er braucht kein Kinder-Ponyreiten, er muss seinen Mann stehen. Die Show, das Rampenlicht - das will er schon", sagte er. Und ergänzte: "Das wollen alle." Bei keinem anderen Skirennen der Welt werden die Abfahrer so gefeiert wie auf der "Streif".

Die Herausforderung bleibt - auch ohne Fans

Die Show, das Rampenlicht - es wird also auch den Sportlern etwas fehlen an diesem Wochenende ohne Fans, ohne Promis. Aber die sportliche Herausforderung bleibt und ist auch ohne die Zuschauer im Zielraum enorm.

Die "Streif" sorgt für Respekt

"Als ich das erste Mal am Start stand, hätte ich das Starthaus am liebsten wieder nach hinten verlassen. Aber ich wollte auch nicht derjenige sein, der mit der Gondel ins Tal fährt", sagte einst der fünfmalige Abfahrtssieger Didier Cuche ehrfurchtsvoll.

Fritz Strobl, in einem Après-Ski-Hit als "Mozart der Mausefalle" gefeiert und seit 1997 Inhaber des Streckenrekords, erklärte nach seinem ersten Start in Kitzbühel pragmatisch: "Ich hatte die Hosen voll."

Der Norweger Aksel Lund Svindal, der nie in Kitzbühel gewinnen konnte, brachte die sportliche Bedeutung des Rennens wohl am treffendsten auf den Punkt: "Bei Olympia kann es auch einen Zufallssieger geben, auf der Streif gewinnen immer die Besten." Nur, dass die diesmal eben nicht von Arnold Schwarzenegger und 20.000 weiteren Fans im Zielraum gefeiert werden.

Rückblick: Die Abfahrt 2020 in voller Länge

Stand: 19.01.2021, 14:11

Darstellung: