"Sport muss im Alltag eine größere Rolle spielen"

Prof. Dr. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln

Interview mit Prof. Christoph Breuer

"Sport muss im Alltag eine größere Rolle spielen"

Laut Studie bewegen sich Kinder und Jugendliche in Deutschland viel zu wenig. Sportwissenschaftler Christoph Breuer fordert im Interview ein Umdenken von Politik und Gesellschaft. Mehr Bewegung müsse in den Alltag.

Professor Christoph Breuer arbeitet an der Sporthochschule Köln am Institut für Sportökonomie und Sportmanagement. Breuer befasst sich in seiner Forschungstätigkeit unter anderem mit den Themengebieten Sportentwicklung und beleuchtet dabei die Lage der Sportvereine.

Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem 4. Kinder- und Jugendsportbericht?

Prof. Christoph Breuer: Sport und Bewegung von Kindern ist weniger eine Frage des Wollens oder Könnens sondern eher eine Frage der elterlichen Erziehung und Prägung, aber auch der Wohnumgebung. 80 Prozent der Jugendlichen bewegen sich weniger als von der WHO empfohlen. Besonders betroffen sind Mädchen. Das sind Erkenntnisse, die Handlung erfordern.

Was schlagen Sie vor, um diesem Missstand zu begegnen?

Breuer: Sport und Bewegung muss wieder vermehrt eine Rolle im Alltag der Kinder und Jugendlichen spielen. Sport zu treiben darf keine besondere Herausforderung im Alltag sein, sondern muss niederschwellig ermöglicht werden. Also sozusagen: mehr Bewegung, ohne es überhaupt groß zu bemerken. Der Sport muss sich gewissermaßen auf die Kinder zubewegen.

Wie kann man so etwas hinbekommen?

Breuer: Man muss die Hürden aus dem Weg räumen. Das beginnt schon damit, dass Wege von Kindern und Jugendlichen zu Schulen und Freizeiteinrichtungen so entwickelt werden müssen, das sie diese sicher und einfach körperlich und aktiv zurücklegen können. Das hat also auch mit Stadtplanung und -entwicklung zu tun. Zumal auch unsere Sportanlagen attraktiver gestaltet werden und breit zugänglich gemacht werden müssen.

Wie können die Sportvereine dabei mithelfen, die Kids wieder vermehrt in Bewegung zu bringen?

Breuer: Grundsätzlich darf Sport für die Kids nicht zu teuer werden. Heißt: Man muss auch die Eltern davon überzeugen, dass es nicht zu teuer ist, wenn sie ihr Kind in einem Sportverein anmelden. Das hat viel mit Informationspolitik zu tun. Man muss zum einen die Eltern verstärkt vom Sinn des Sports für ihr Kind überzeugen. Und dann muss man Sportangebote so subventionieren, dass Vereine sich ihre Aktivitäten und Angebote überhaupt weiter leisten können. Trainer müssen ausgebildet werden, Turnierteilnahmen und Wettbewerbe finanziert werden.

Den Vereinen ist also kaum ein Vorwurf zu machen?

Breuer: Es ist ja klar: Auch für die Vereine wird das Anbieten von Sport immer teurer. Und wenn es da keinen finanziellen Ausgleich für die Vereine gibt, wird es für die schwer die Qualität weiter zu steigern. Schon heute ist es so, dass es zwar nach wie vor viele Vereine in Deutschland gibt. Aber es gibt auf der anderen Seite immer weniger Vereine, die sich das Angebot von Leistungssport leisten können. Weil der zunehmend kostenintensiv ist.

Ist Breitensport nicht wichtiger als Leistungssport?

Breuer: Es wird heute viel darüber diskutiert, auf den Leistungsgedanken zu verzichten, aber es gilt: Leistung muss einen festen Bestandteil im Kinder- und Jugendsport behalten, weil so Potenziale bei den Heranwachsenden freigesetzt werden können. Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft setzt bei den Kids erhebliche Power frei. Und: Sport verliert ohne Wettbewerb seine Existenzberechtigung als spezifisches Kulturgut. Das gilt für den Vereinssport ebenso wie für den Schulsport.

Sportvereine mit Leistungssportabteilung als wichtiges Kulturgut?

Breuer: Leistungssport befähigt Kinder und Jugendliche nicht nur, eine Sportart mit Höchstleistung zu beherrschen. Studien haben gezeigt, dass auch das Sozialverhalten enorm geschult wird. Stichwort: Fair-Play-Gedanke. Sportvereine tragen also wesentlich zur sozialen Entwicklung bei. Um potenzielle Gefahren des Leistungssports, wie zum Beispiel sexualisierte Gewalt oder Doping zu verhindern, müssen vor allem die Trainer gezielt sensibilisiert und qualifiziert werden.

Nachdem es im Frühjahr bereits einen mehrwöchigen Corona-Lockdown gab, dürfen die Kinder und Jugendlichen auch jetzt wieder vier Wochen nicht in ihren Vereinen und Gruppen aktiv sein...

Breuer: Der Lockdown, der uns jetzt bevorsteht, wird noch einmal viel härter werden als der im Frühjahr. Denn damals hatten wir gutes Wetter. Viel Licht, Sonne, angenehme Temperaturen. Jetzt stehen wir vor grauen, nassen, kalten Wochen im November. Da wird jetzt wahrscheinlich gar kein Sport mehr betrieben.

Was wird das für Folgen haben?

Breuer: Die bekannten und bereits beschriebenen. Kinder gewinnen durch Sport Motivation, finden dort Selbstbestätigung und Zufriedenheit. Zudem ist Sport ja höchst gesund. All das wird nun wegfallen oder stark eingeschränkt sein.

In Berlin hat man sich kurzerhand - zumindest im Fußball - dazu durchgerungen, das Sportverbot für Kinder bis zwölf Jahren aufzuheben. Ist das ein Modell für ganz Deutschland?

Breuer: Ja, es ist wichtig, den Kinder- und Jugendsport nicht nur als Infektionsrisiko zu betrachten. Er ist vielmehr eine Entwicklungs- und Gesundheitsressource für Kinder und Jugendliche, die nicht zu kompensieren ist. Und zudem wurden ja bislang keine Fälle bekannt, bei denen es nachweislich Ansteckungen im Kinder- und Jugendsport gab.

Das Gespräch führte Olaf Jansen.

Stand: 30.10.2020, 12:20

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