Carlos Alcaraz und Holger Rune kämpfen um den Einzug ins Halbfinale.

Viertelfinale in Wimbledon Alcaraz gegen Rune - ein Tennis-Fest der Gefühle

Stand: 11.07.2023 20:21 Uhr

Im Viertelfinale des Tennisturniers in Wimbledon kommt es am Mittwoch (15.45 Uhr im Sportschau.de-Liveticker) zum Duell der beiden Wunderkinder Carlos Alcaraz und Holger Rune. Beide sind berüchtigt für ihre Emotionen - die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Es ist immer wieder die Rede davon, dass Tennis zu den Sportarten gehört, in denen die Spiele ganz besonders im Kopf entschieden werden. Entsprechend fokussiert sind die Profis auf dem Platz, bejubeln aufgrund der Anspannung in gewissen Phasen jeden einzelnen Punkt. Da fällt es dann enorm auf, wenn ein Spieler ganz anders als seine Kollegen reagiert, wenn er kurz vor einem in seiner Karriere noch nie da gewesenen Erfolg steht.

Ein Lächeln der Vorfreude

Vor seinem dritten Matchball gegen den Italiener Matteo Berrettini lächelte Carlos Alcaraz im Antlitz des Jubels des Centre Courts in Wimbledon, nachdem er den vorherigen Punkt gewonnen hatte. Es wirkte, als sei der letzte Schritt, der Punkt, der das Match beenden sollte, keinerlei Last, sondern einfach nur ein Vorhaben, auf das er sich freut. Zweifel gab es in diesem Moment in Alcaraz offenbar nicht, es sprühte nur Freude aus ihm, weil er anscheinend schon wusste, dass er in wenigen Sekunden zum ersten Mal das Viertelfinale beim größten Rasenturnier der Welt erreichen wird. Und so geschah es dann auch.

Das Spiel von Alcaraz besticht durch enorme Spielfreude - während der Ballwechsel und dazwischen. Auch in den wichtigsten Momenten verliert er auf dem Tenniscourt nicht den Spaß an seinem Job. Doch das musste sich der 20-Jährige erst wieder erarbeiten. Als die Erwartungen an das Wunderkind im vergangenen Jahr ins Endlose gingen, "habe ich ich ein wenig die Freude verloren, ich habe den Druck gespürt", sagte Alcaraz vor etwa zehn Monaten. "Ich konnte auf dem Platz nicht lachen, was ich sonst in jedem Match bei jedem Turnier mache."

Alcaraz will doch nur spielen

Er hatte zuvor schmerzhafte Niederlagen einstecken müssen, reiste dann zu den US Open - fand sein Lächeln zurück und gewann sein erstes Grand-Slam-Turnier. "Ich bin einfach hierhin gekommen, um Spaß und Freude daran zu haben, Tennis zu spielen. Ich liebe Tennis. Wenn ich lächle, habe ich da draußen Spaß, dann zeige ich mein bestes Level, mein bestes Tennis", sagte Alcaraz.

So ist es nun auch in Wimbledon. Seine ersten vier Partien gewann der Spanier sehr überlegen, er gab erst zwei Sätze ab. Zuvor hatte Alcaraz in Queens zum ersten Mal ein Rasenturnier in seiner Karriere gewonnen, der Weltranglistenerste ging entsprechend neben Novak Djokovic als großer Favorit in den englischen Klassiker. Und spätestens nach seinem Sieg gegen Berrettini geht es Alcaraz nur um eins: den Wimbledon-Triumph. "Ich bin hungrig, ich will mehr", sagte er.

Explosionsgefahr bei Rune

Einen ähnlichen Satz könnte auch sein nächster Gegner sagen. Wobei man da einen anderen Klang erwarten könnte, einen eher aggressiven. Während Alcaraz seine Ziele mit Leichtigkeit und Freude angeht, geht Holger Rune einen anderen Weg. Der junge Däne ist der Vulkan unter den Tennisspielern, nicht nur spielerisch, sondern auch in seinem Verhalten absolut unberechenbar. Wobei: So unberechenbar nun auch nicht, denn Rune bricht regelmäßig aus sich heraus.

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Es gibt viele Beispiele. Und oft kommt das gar nicht gut an bei den Fans. Bei den Turnieren in Madrid und Monte Carlo wurde Rune in diesem Jahr ausgebuht, weil er seine Emotionen nicht im Griff hatte. Ist er mit etwas - sei es eine Entscheidung des Schiedsrichters, seine Leistung, die Spielart des Gegners oder was auch immer - nicht einverstanden, überkommt es ihn. Im Oktober 2022 wurde er in Basel fast disqualifiziert, nachdem ein flackernder LED-Screen ihn so sehr geärgert hatte, dass er einen Punkt abschenkte und den Schiedsrichter verbal anging.

Die "rote Zone" als Erfolgskonzept

"Oft ist es einfach nur Frustration. Es kocht dann über", erklärte Rune selbst dem "Spiegel". Aber es gehöre eben zu seinem Spiel, daraus ziehe er auch seine Stärke. Die "rote Zone", wie der 20-Jährige sagt, sei wie eine Sucht. Es ist auch der Moment, in dem er voll fokussiert sei. "Dann schalte ich in einen anderen Gang. Dann verändert sich das Benzin in meinem Tank. Ich brauche diese Energie, um einen besonderen Schlag hervorzubringen", sagte Rune. "Wenn ich dieses Gemisch nicht in meinem Blut hätte, würde ich in diesen Situationen nicht bestehen können."

Weil ihm das gelingt, hat er es aber schon auf Platz sechs der ATP-Weltrangliste geschafft. Sollte er Alcaraz besiegen, geht es sogar noch weiter nach oben. Die beiden sind die jüngsten Spieler unter den Top 50, und genau dieses jugendlicher Feuer - so unterschiedlich ausgeprägt es bei den beiden auch ist - sorgt dafür, dass dieses Duell zum Tennis-Fest der Gefühle werden könnte. Die Frage ist, ob am Ende das lächelnde Wunderkind oder das explosive Wunderkind jubeln darf.