Der Australier Nick Kyrgios bejubelt seinen Sieg gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas.

Tennis in Wimbledon Nick Kyrgios - der Unvorhersehbare

Stand: 04.07.2022 11:17 Uhr

Nick Kyrgios ist ins Achtelfinale von Wimbledon eingezogen. Wegen seiner emotionalen Ausbrüche hat der Tennis-Profi aber auch schon einige Geldstrafen kassiert.

Von Jörg Strohschein

Wieder einmal war es das ganz große Drama mit und um Nick Kyrgios: Beleidigungen, Strafen, Diskussionen. Wo Kyrgios auf dem Tennisplatz aufaucht, da ist Ärger nicht weit. Auch im Drittrundenmatch in Wimbledon gegen Stefanos Tsitsipas, das Kyrgios mit 6:7 (2:7), 6:4, 6:3, 7:6 (9:7) für sich entschied und damit ins Achtelfinale einzog, eskalierte der Australier wieder einmal. Er forderte sogar den Ausschluss des griechischen Kontrahenten, weil dieser einen Ball in Richtung Zuschauer drosch.

"Das hat sich angefühlt wie im Zirkus", sagte Tsitsipas später: "Es gab noch kein Match, in dem er sich so verhalten hat. Er piesackt die Leute ununterbrochen. Wahrscheinlich wurde er als Kind auch gepiesackt." Kyrgios' Verhalten sei nicht zu akzeptieren, so Tsitsipas: "Irgendwer muss sich mit ihm hinsetzen und reden."

Tsitsipas ebenfalls ein Grenzgänger

Es folgten weitere verbale Schlagabtäusche zwischen den beiden Kontrahenten - bis irgendwann auch mal wieder Tennis gespielt wurde und das Match zugunsten Kyrgios' endete. Nun ist Tsitsipas wohl nicht gerade derjenige, der sich über Grenzübertritte auf dem Court beschweren dürfte. Gemeinsam mit seinem Vater Apostolos setzt er sich nahezu in jedem Match über das auf der ATP-Tour verbotene Coaching hinweg.

Zudem wurden wegen des Griechen kürzlich erst die Regeln geändert, weil Tsitsipas nach einem beendeten Satz stets den Court verließ und sich viel zu lange Pausen von regelmäßig mehr als zehn Minuten gönnte. Besonders geliebt wird Tsitsipas dafür von seinen Gegnern auch nicht gerade.

Geldstrafen für Kyrgios und Tsitsipas

Nick Kyrgios und Stefanos Tsitsipas müssen nach dem jüngsten Vorfall allerdings beide auch eine Geldstrafe zahlen. Sieger Kyrgios wurde zu 4.000 US-Dollar (rund 3.840 Euro) wegen unflätiger Ausdrucksweise verurteilt, Tsitsipas erhielt eine Strafe von 10.000 US-Dollar (rund 9.590 Euro) wegen unsportlichen Verhaltens. Das teilten die Veranstalter am Sonntagabend mit.

Kyrgios ist mit insgesamt 14.000 US-Dollar der bislang am höchsten bestrafte Spieler dieses Turniers, verliert ohnehin viel zu häufig die Contenace, benimmt sich (zu) häufig wie ein ungezogener Straßenjunge, der seinen Emotionen freien Lauf lässt.

Überfordert mit dem Stress als Tennis-Profi?

Offenbar ist er mit dem Stress, den das Profi-Tennis erzeugt, in vielen Fällen mental überfordert. In der 1. Runde etwa, bei der Partie gegen Paul Jubb, spuckte er in Richtung eines Fans, weil dieser ihm - wie Kyrgios fand - keinen Respekt zollte.

Die Liste solcher Reaktionen des Australiers, der im Februar dieses Jahres angab, unter Depressionen zu leiden ("Ich war einsam, depressiv, negativ, missbrauchte Alkohol, Drogen, stieß Familie und Freunde weg. Ich hatte das Gefühl, mit niemandem sprechen oder vertrauen zu können."), ist schier unendlich lang und zieht sich über seine Jahre als Tennisprofi.

Überbordendes Talent

Der 27-Jährige fühlt sich häufig ungerecht behandelt, rechtfertigt seine Aktionen mit den Verfehlungen der anderen. Ein Regulativ außerhalb des Tennisplatzes scheint er nicht zu haben. "Manche Leute lieben es, mich zu zerreißen. Das ist einfach nicht mehr möglich. Ich weiß, was ich für den Sport bringe. Ich bin eine der wichtigsten Personen in diesem Sport", sagte er nach seinen Zweitrunden-Sieg gegen gegen Filip Krajinovic.

Unzweifelhaft ist dagegen das überbordende Talent Kyrgios'. Der Australier verfügt über so viele naturgegebene Fähigkeiten auf dem Tennisplatz, dass er es sich über lange Zeit leistet, ohne Trainer - und ohne intensives Training auszukommen.

Training mit der Freundin

Er spiele ein- bis zweimal pro Woche mit seiner Freundin Costeen Hatzi Tennis, einer Freizeitspielerin, sagte er jüngst beim Turnier in Halle/Westfalen. Nicht auszudenken welche Erfolge Kyrgios hätte erzielen können, wenn er seinen Job auch nur annähernd so ernsthaft wie Rafael Nadal, Novak Djokovic oder Alexander Zverev ausüben würde.

Am Montag tritt Nick Kyrgios gegen den Amerikaner Brandon Nakashima im Wimbledon-Achtelfinale an. Die Zuschauer werden wieder mit großer Vorfreude auf bemerkenswerte Schläge und unvorhersehbare Emotionen zu diesem Match strömen. Man darf auf die Reaktionen von Kyrgios gespannt sein.