Kevin-Prince Boateng: "Hertha ist der größte Verein in Berlin"

Sportschau 19.01.2022 02:42 Min. Verfügbar bis 19.01.2023 Das Erste

Fußball | DFB-Pokal

Herthas Boateng: "Es gibt nur eine Nummer eins in Berlin"

Stand: 19.01.2022, 12:58 Uhr

Im Achtelfinale des DFB-Pokals kommt es heute zum Berlin-Duell zwischen Hertha BSC und Union. Kevin-Prince Boateng macht im Interview klar, dass die Herthaner noch immer das Nonplusultra in der Stadt seien.

Von Dietmar Teige

rbb|24: Herr Boateng, am Mittwoch steht das Achtelfinale im DFB-Pokal an. In der Heimatstadt, im Olympiastadion, gegen den Stadtrivalen: Was macht das mit Ihnen?

Kevin-Prince Boateng: Man freut sich drauf! Die ganze Stadt ist heiß darauf. Es ist ein super Los für beide Seiten und wird auf jeden Fall spaßig. Ich denke, dass es ein ganz, ganz heißer Fight wird.

Hat so ein Stadtderby für Sie persönlich, der schon so viel erlebt hat im Fußball, noch besondere Reize oder ist es ein Spiel wie jedes andere?

Kevin-Prince Boateng zeigt mit die Richtung an (Foto: imago images / Kessler-Sportfotografie)

Kevin-Prince Boateng: Natürlich ist es kein Spiel wie jedes andere. Es ist für mich ein spezielles Spiel, weil ich gute Erinnerungen an den DFB-Pokal habe (Anm: Boateng wurde 2018 mit Eintracht Frankfurt Pokalsieger). Es ist ein Ziel für Hertha, endlich einmal im eigenen Stadion im Pokalfinale zu stehen. Diesen Traum habe ich, seit ich als 16-Jähriger hier als Profi angefangen habe. Ich hoffe, dass wir das dieses Jahr verwirklichen können. So speziell dieses Spiel auch sein wird – schön wird es nur, wenn wir gewinnen.

Wie haben Sie den Pokalsieg 2018 erlebt?

Kevin-Prince Boateng: Das war ganz einfach. Ich habe vor dem ersten Spiel gesagt, dass wir den Pokal gewinnen werden und so ist es dann auch gekommen (lacht). Im Pokal ist es ja so, dass du immer nur ein Spiel hast. Und in so einem Spiel kann man vielleicht auch mal eine Übermannschaft schlagen. Union ist zwar keine Übermannschaft, aber trotzdem sehr stark. Es wird ein ausgeglichenes Spiel. Wie immer gilt: Wer weniger Fehler macht, gewinnt.

Sie sind seit einem halben Jahr zurück bei Hertha BSC. Welche Rolle nehmen Sie aus Ihrer Sicht ein?

Kevin-Prince Boateng: Ich bin so ein bisschen der Papa, der den Jungs hilft, wo er kann und auch mal dazwischenhaut. Ich liebe es, in die Kabine zu kommen. Dort ist der beidseitige Respekt da. Sie stellen viele Fragen und wollen, dass ich ihnen helfe. Ich habe dem Trainer gesagt, dass ich bereit bin, wann und wie auch immer er mich braucht. Tayfun Korkut und ich haben eine sehr gute Beziehung und wir gehen sehr offen miteinander um.

Wie groß ist denn Ihre Sehnsucht nach noch einem Titel?

Kevin-Prince Boateng: Ich habe ja ein paar Sachen gewonnen, aber für mich war es auch nie so wichtig, Titel zu holen. Wenn man viele Titel gewinnen will, muss man permanent bei Vereinen wie Real Madrid oder dem FC Barcelona spielen. Das habe ich aber leider nicht geschafft. Ich habe aber Erfahrungen mitgenommen. Mit einem Titel kann ich im Restaurant nicht bezahlen. Als Typ und für die Leistungen auf und neben dem Platz wahrgenommen zu werden, ist wichtiger, als 30 Pokale im Schrank zu haben und auf der Straße weiß keiner, wer du bist.

Als Stadtmeister wird man auf der Straße erkannt …

Kevin-Prince Boateng: … das ist ein Standing und das ist wichtig. Dafür müssen wir kämpfen. Dieses Standing haben wir in der Bundesliga verloren. Das war brutal und hässlich und man musste sich eine Woche lang einschließen, weil man sich schämt. Weil wir die Leistung nicht abgerufen haben, weil sie an diesem Tag viel besser waren. Das muss man eingestehen, aber es wird nie wieder passieren. Wir wollen mit breiter Brust sagen können: 'Jetzt haben wir es ihnen gezeigt und es ist wieder unsere Stadt.'

Das heißt, Berliner Nummer eins ist derzeit Union?

Kevin-Prince Boateng: Nein, das werden sie auch nicht sein, wenn sie mal Meister werden. Hertha BSC ist der größte Verein in Berlin und ein großer Verein in Deutschland. Ganz einfach.

Seit Unions Aufstieg 2019 hat der Klub in der Bundesliga 24 Punkte mehr gesammelt und steht auch jetzt in der Tabelle vor Hertha. Warum erkennen Sie nicht an, dass Union derzeit die Nummer eins der Stadt ist?

Kevin-Prince Boateng: Weil das nur ein kurzer Zeitraum ist. Hertha ist seit Jahren in der Bundesliga und eine gestandene Mannschaft. Okay, wir sind mal abgestiegen, aber direkt wieder aufgestiegen. Das schafft auch nicht jeder. Union ist gerade hochgekommen und man muss anerkennen, dass sie alles gut machen. Sie spielen guten und aggressiven Fußball, haben gute Publicity und die Fans im Rücken. Aber sie haben keine negativen Serien erlebt, dass ihnen die Fans mal den Rücken kehren.
Dass Union in die Bundesliga gekommen ist, ist super für die Stadt. Aber Hertha ist viel größer, viel länger im Business. Rechnen wir mal die Punkte zusammen, die Hertha und Union jeweils insgesamt in der Bundesliga geholt haben. Das ist ein riesiger Unterschied. Es gibt nur eine Nummer eins in Berlin – und das wissen wir.

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Wie beurteilen Sie Herthas Entwicklung, seit Union in der Bundesliga spielt?

Kevin-Prince Boateng: Zunächst ein großes Kompliment an alle, die erkannt haben, dass man Fehler gemacht und zu weit gegriffen hat. Es kam ein Investor mit viel Geld und es hieß: Hertha muss Champions League spielen! Das ist allerdings nicht so einfach. Dafür braucht es Zeit, Geduld und die richtigen Leute.
Man merkt, dass bei Hertha etwas wächst und nicht einfach große Namen geholt werden. Es muss von innen wachsen und das fängt langsam an. Deswegen schwankt es auch wie in einer Beziehung. Das baut man langsam auf, man streitet sich an dem einen Tag, an einem anderen ist man auf Wolke sieben. Gegen Dortmund waren wir auf Wolke sieben und haben gezeigt, was wir sein können, wenn von A bis Z alles funktioniert. Wenn nicht mal von A bis D alles klappt, verliert man zu Hause gegen Köln.
Der Verein braucht Zeit, ohne draufzuhauen oder zu viel zu loben. Deswegen bin ich hier, um Ruhe reinzubringen. Wir brauchen einen Zusammenhalt und das wächst hier gerade zusammen. Jeden Tag mehr.

Kommen wir zum 1. FC Union - was macht die Köpenicker so stark?

Kevin-Prince Boateng: Euphorie! Wenn Dinge mal nicht gut laufen, kann man mit Euphorie viel abfangen. Mit guten Resultaten, mit Spielern wie Taiwo Awoniyi, der es mit seinen Toren gut macht, wenn die Abwehr mal schläft.
Sie haben eine gute Balance zwischen Euphorie, Hype und familiärem Umgang. Man merkt, dass sie alle cool miteinander sind und viel miteinander lachen. Das ist ein guter Mix. Aber sie haben eben noch keine Negativserie erlebt und irgendwann wird das große Schloss auch kaputtgehen. Und dann muss man neu aufbauen. Das passiert bei jedem Verein. Man muss sie loben, sie machen es einfach gut - wir sind trotzdem die Nummer eins. Das wird sich auch niemals für mich ändern, weil ich Hertha BSC im Herzen habe.

Was erwartet der "Papa" am Mittwoch von seinen Jungs?

Kevin-Prince Boateng: Dass wir alles geben und das auf den Platz bringen, was wir gegen Dortmund auf den Platz gebracht haben. Wir müssen kompakt sein und 100 Prozent geben. Dann kann man auch verlieren, aber wenigstens in den Spiegel schauen und sagen: 'Ich habe alles gegeben, aber die waren heute besser und das nächste Spiel gewinnen wieder wir.' Wir müssen probieren, diesen Vibe, dieses Familiengefühl mitzunehmen und den Zusammenhalt weiter druchziehen.

Quelle: rbb

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