Existenzsorgen In der Energiekrise - Vereine fordern Hilfe

Stand: 21.09.2022 09:23 Uhr

Die explodierenden Energiekosten stellen Breitensportvereine wie den Eimsbütteler TV vor existenzielle Probleme. Sparmaßnahmen, die Erhöhung der Mitgliedsbeiträge und sogar Selbstversorger-Pläne: Der drittgrößte Hamburger Verein macht viel. Allein, es wird nicht reichen.

Von Matthias Heidrich, Sina Braun und Nele Hüpper

Die Rufe nach Hilfe aus der Politik werden lauter, doch auch im jüngsten Entlastungspaket der Bundesregierung ist der Sport nicht berücksichtigt. Alle wissen, dass der Gas- und Strompreis-Hammer kommen wird, aber wie heftig er am Ende einschlägt, kann zurzeit noch keiner genau beziffern. Auch Frank Fechner tut sich mit einer Prognose für das kommende Jahr schwer, da die Anbieter Vereinen wie dem ETV zum Teil gar keine Angebote mehr machen wollen. Er ringt sich dann aber doch zu einer Schätzung durch.

"Wir brauchen jetzt mehr als Solidaritätsbekundungen."
— Frank Fechner, Vorsitzender des ETV

"Für den Haushalt 2023 müssen wir davon ausgehen, dass wir 500.000 Euro an zusätzlichen Energiekosten haben werden", sagt der Vorsitzende des Eimsbütteler Turnverbandes im NDR Interview. "Das ist kaum vorstellbar, wie das gedeckt werden soll."

Der ETV ist mit seinen rund 16.500 Mitgliedern einer der größten Vereine der Hansestadt und steht exemplarisch für die Probleme der Big Player im Breitensport, die ihre vereinseigenen Sportanlagen selbst refinanzieren müssen.

"Dann ist der Verein insolvent"

"Wir werden im kommenden Jahr Eigenkapital verbrauchen. Das wird man sich einige, wenige Jahre leisten können und dann ist der Verein insolvent", erklärt Fechner und stellt klare Forderungen an die Politik: "Ich erwarte, dass die Entlastungspakete endlich auch mal den Sport einschließen und den Sportvereinen und Sporttreibenden die Sicherheit geben, dass sie den Betrieb über den Winter weiterführen können."

Grote verspricht Hilfe für "existenziell betroffene Vereine"

"Wir arbeiten auf Hamburger Ebene schon daran, dass wir einen Härtefallmechanismus in Kraft setzen, mit dem wir wie in der Corona-Krise schnell und unkompliziert Vereinen helfen können, die wirklich unmittelbar, existenziell stark betroffen sind", sagte Hamburgs Sportsenator Andy Grote (SPD) dem NDR. Die Hansestadt will einen 125 Millionen Euro schweren Notfallfonds für alle Betroffenen der Energiekrise auflegen, bei denen die Hilfe des Bundes nicht ausreicht.

Sportsenator Grote: "Vereinen helfen, die existenziell betroffen sind"

Kein Sport im Entlastungspaket der Bundesregierung

Für den Sport kann es bislang gar nicht ausreichen, weil er auch im jüngsten Entlastungspaket der Bundesregierung über 65 Milliarden Euro nicht berücksichtigt wurde.

"Wir sind im Gespräch mit dem Bund und haben klare Erwartungen", sagt Hamburgs Finanzsenator Dr. Andreas Dressel (SPD), der die "Grundthemen" in der Verantwortung des Bundes sieht. "Es gibt im Entlastungspaket einen kleinen Punkt für Kultur. Es wäre auch schön, wenn es einen kleinen Punkt für die Sportvereine gäbe."

DFB und DOSB setzen Bund unter Druck

Auch die Proteste und Warnungen der Spitzen- und Dachverbände wie vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) werden lauter, doch die Bundesregierung verweist auf die grundsätzliche Zuständigkeit der Länder und Kommunen.

"Ob daneben und über die von der Bundesregierung bereits beschlossenen Entlastungspakete hinaus weitere Maßnahmen notwendig werden, bleibt abzuwarten", teilte ein Sprecher des Innenministeriums auf eine Anfrage der "Welt" mit und verwies darauf, dass die Federführung für Maßnahmen des Bundes zur Bewältigung der Energiekrise beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz liege.

Reduziertes Flutlicht und Durchlaufbegrenzer in den Duschen

Frank Fechner hilft das Hin- und Hergeschiebe der Zuständigkeiten wenig beim Blick in die ungewisse Zukunft. Der Verein muss sich wie alle anderen zunächst einmal selbst helfen - und tut das auch. "Im neuen Sportzentrum Hoheluft läuft im Moment nur eine von zwei Saunen. Wir fordern die Fußballer auf, das Flutlicht nur auf 60 Prozent zu schalten und wir haben in den Duschen Durchlaufbegrenzer eingebaut, damit da nicht mehr so viel warmes Wasser durchläuft", erklärt der Vereins-Vorsitzende. Die Temperaturen in den Hallen und Kursräumen werde man auch absenken, wenn wieder geheizt wird.

"Ich glaube, dass die 20 Prozent Energieeinsparung, die der DOSB von den Vereinen einfordert, machbar sind. Aber darüber hinaus haben wir im Moment kaum Möglichkeiten, mehr einzusparen."

Beitragserhöhung für die ETV-Mitglieder

Der ETV kommt wie viele andere Vereine auch nicht drumherum, einen Teil der gestiegenen Kosten an die Mitglieder weiterzureichen. Nach vier Jahren auf stabilem Niveau sieht sich der Verein zu einer empfindlichen Beitragserhöhung von durchschnittlich 14 Prozent gezwungen. Erwachsene müssen ab dem 1. Oktober 28 Euro zahlen anstatt 24,50. "Es ist mir fast unangenehm, dass wir nach der Corona-Pandemie die Beiträge so stark erhöhen müssen, aber wir können die Kosten sonst nicht mehr decken", so Fechner.

"Mein größter Wunsch ist, dass die Mitglieder solidarisch mit ihrem Verein bleiben, weiterhin kommen und Verständnis dafür haben, dass wir die Beiträge erhöhen müssen."
— Frank Fechner

"Wir wollen weiterhin die Kinder bewegen und Gesundheit fördern. Das ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben", betont Fechner und sieht die Lösung des Energiekostenproblems auf lange Sicht eher darin, "die Energie selbst zu erzeugen, indem wir zum Beispiel Photovoltaikanlagen auf die Dächer bringen, oder andere Wärmeanlagen bauen, sodass wir uns ein bisschen von der Fernwärme unabhängig machen." Dann würde der Strom- und Gaspreis-Hammer beim ETV ins Leere schwingen.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 25.09.2022 | 22:50 Uhr