George Russell im Mercedes – Kronprinz der Formel 1

Der Formel-1-Fahrer George Russell mit entschlossenem Blick

GP von Sakhir

George Russell im Mercedes – Kronprinz der Formel 1

Von Marco Schyns

Nach dem positiven Corona-Test von Lewis Hamilton übernimmt George Russell das Mercedes-Cockpit des Weltmeisters beim zweiten Rennen in Bahrain. Der Brite gilt als hochtalentiert – und kann sich nun erstmals in einem konkurrenzfähigen Auto beweisen.

Es ist keine drei Monate her, dass George Russell fast die Punkteränge erreicht hätte. Beim Großen Preis der Toskana Mitte September fuhr der Brite den sportlich völlig unterlegenen Williams auf Platz elf – mit nur 2,5 Sekunden Rückstand auf Sebastian Vettel im Ferrari. Vor wenigen Tagen, beim ersten Rennen in Bahrain, reichte es immerhin für Platz zwölf. Im Williams durchaus beachtlich.

Vor dem kommenden Großen Preis von Sakhir am Sonntag (06.12.20) ist Russell das große Thema im Fahrerlager. Und dabei geht es nicht um die Frage, ob er in die Punkte fahren kann, sondern vielmehr darum, ob dem 22-Jährigen sogar sein erster Rennsieg gelingt?

Russell ersetzt Hamilton, Aitken fährt im Williams

Russell übernimmt das Mercedes-Cockpit von Lewis Hamilton, der nach einem positiven Corona-Test aussetzen muss. Der Weltmeister will beim letzten Saisonrennen in Abu Dhabi (13.12.) wieder dabei sein.

Beim zweiten Rennen in Bahrain aber werden alle Augen auf Russell gerichtet sein. Ein sympathischer und bescheidener Brite, der von Mercedes die Chance seines Lebens erhält. Williams, die trotz eines Mercedes-Motors nicht konkurrenzfähig sind in der umkämpften Formel 1, erteilte seinem Schützling die Freigabe. Russells Cockpit übernimmt für ein Rennen der 25-jährige Ersatzfahrer Jack Aitken.

"Ich möchte mich bei Williams bedanken, dass sie mir diese Gelegenheit gegeben haben", sagte ein sichtlich glücklicher Russell nach der Bekanntgabe der Entscheidung vor wenigen Tagen: "Ich betrachte dies als eine großartige Chance, vom besten Team zu lernen."

Verstappen und Bottas als große Konkurrenten

Tatsächlich könnte der Zeitpunkt aus Sicht von Russell kaum besser sein. Das Auto ist der Konkurrenz deutlich überlegen und Mercedes-Pilot Valtteri Bottas schwächelte zuletzt. Auch deshalb sehen Experten und Buchmacher die Chancen der beiden auf den Rennsieg mindestens gleich gut. Von außen betrachtet ein Affront gegen den erfahrenen Finnen – oder eine Adelung des Kronprinzen Russell?

Der wahrscheinlich einzige Mercedes-Konkurrent im Kampf um den Sieg ist Max Verstappen im Red Bull. Der Niederländer hält viel von Russell – und glaubt an dessen Chance. "Vielleicht gesteht er das jetzt nicht ein, aber das ist eine super Chance für ihn, zu zeigen, wie gut er ist – im Vergleich zu Valtteri, aber auch im Vergleich zu Hamilton", sagte Verstappen: "Der Rennsieg ist sicher möglich, selbst wenn er drei oder vier Zehntel hinter seinem Teamkollegen liegt, wird er ja immer noch Zweiter."

2018: Russell wird Formel-2-Champion vor Norris und Albon

Lando Norris, der Russell bereits seit seiner Jugend kennt, traut seinem Landsmann einiges zu. "Ich glaube, dass er auf Pole fahren kann", sagte Norris: "Ich glaube auch, dass er gewinnen kann." 2018, vor seinem Wechsel in die Formel 1, wurde Russell Formel-2-Champion – vor Norris und dem heutigen Red-Bull-Pilot Alexander Albon. Alle drei fahren seither in der Königsklasse.

Der Erfolg in der Formel 2 war umso beeindruckender, weil er nicht nur deutlich ausfiel (68 Punkte Vorsprung), sondern auch, weil es Russells Debütsaison in der Formel 2 war. Noch 2017 fuhr der Brite in der Formel 3 – und wurde auch dort Champion.

36 Rennen ohne Punktgewinn

Er weiß also durchaus, wie es sich anfühlt, Rennen anzuführen und zu gewinnen. Nur eben nicht in der Formel 1. Auch wenn er sein Talent schon einige Male unter Beweis stellen konnte: Im Williams sind keine besseren Rennergebnisse möglich als zuletzt in Bahrain oder im September in Monza. 36 Grand Prix ist Russell bisher gefahren – ohne einmal die Punkteränge zu erreichen. Nur Luca Badoer (51) und Charles Pic (39) haben mehr Rennen bestritten, ohne einen Punkt zu gewinnen.

Dass das nichts mit seiner wahren Stärke zu tun hat, kann Russell im mit Abstand besten Boliden nun beweisen. Sollte ihm das gelingen – und am Ende möglicherweise sogar der Rennsieg dabei herauskommen – würde er Mercedes gewissermaßen in ein Dilemma stürzen: Wie soll es 2021 mit einem der talentiertesten Fahrer im Feld weitergehen, in dem viele perspektivisch den Nachfolger von Hamilton sehen? Russell hat es jetzt in der Hand, den Verantwortlichen Kopfzerbrechen zu bereiten in der anstehenden Winterpause.

Stand: 04.12.2020, 12:40

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