Leere Halle - dem Hallensport stehen neue Geisterspiele bevor

Hallensport | Corona

Corona-Lage: Mit Geisterspielen kommt die Existenzangst

Stand: 22.12.2021, 14:04 Uhr

Die bevorstehenden Geisterspiele sorgen für Frust bei den Profi-Hallensportarten: Die Verantwortlichen von Klubs im Eishockey, Basketball und Handball verstehen die Corona-Welt nicht mehr.

Von Olaf Jansen

Die deutsche Politik hat auf die Corona-Lage und die Variante Omikron reagiert. Großveranstaltungen sollen ohne Zuschauer stattfinden. Die so genannten Geisterspiele treffen die Profi-Teams in Handball, Basketball und Eishockey massiv.

Eike Korsens Stimme ist der Frust anzuhören. "Das, was wir hier machen, ist Profi-Handball, mit dem wir die wichtige gesellschaftliche Funktion des Sports weit über unsere Hallen hinaus erfüllen wollen. Das kann auf Dauer nur mit Zuschauern in der Halle funktionieren", sagt der Geschäftsführer des Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf.

Basketball-Manager Marco Baldi schlägt ebenso die Hände über dem Kopf zusammen. Der Chef des Erstliga-Vorzeigeklubs Alba Berlin sagt: "Wir haben die Saison mit 50 Prozent der normalen Zuschauereinnahmen kalkuliert. Die hatten wir schon nicht erreicht. Und jetzt wieder ganz ohne Zuschauer?"

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Eishockey: 55 Prozent des Etats fallen weg

Und auch im Eishockey sind die Verantwortlichen hörbar nahe an der Verzweiflung: "Bei uns kommen mehr als circa 55 Prozent des Etats aus den Zuschauereinnahmen. Wenn diese wegfallen, kann man sich vorstellen, was dies für unseren Standort bedeutet", sagt Matthias Binder, Geschäftsführer der Adler Mannheim.

Drei Stimmen aus der höchsten Etage des deutschen Profi-Hallensports, die beispielhaft stehen für das Entsetzen, das der erneute - von der Politik beschlossene - Zuschauerausschluss bei den Vereinen auslöst.

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Geisterspiele: "Kann nicht die Lösung sein"

"Wir sind jetzt seit zwei Jahren von Beihilfen abhängig und jetzt können wir trotz maximaler Anwendung aller Schutzmaßnahmen wieder nicht planen, wie es im neuen Jahr weitergeht. Wir verlieren gerade nicht nur unsere Zuschauereinnahmen, sondern trotz aller Kreativität im Umgang auch die Bindung zu den Menschen und unseren Partnern, wenn sich der On-off-Modus zu einem nicht nur vorübergehenden Zustand entwickelt", sagt Eike Korsen.

Der Handball-Chef aus Hannover moniert: "Wir hatten zuletzt ein 2G+-Konzept mit zusätzlicher Maskenpflicht, Abstandsregeln und erheblichen Kapazitätsbeschränkungen, die eine durchschnittliche Auslastung von unter 20 Prozent im weiten Rund ergeben hat. Alles ist eng mit den Fachleuten des örtlichen Gesundheitsamts abgestimmt und wird fortwährend auf Einhaltung und Verlässlichkeit überprüft. Und wir hatten sowieso nur noch einen Schnitt von 2.000 Zuschauern pro Spiel. Und die sollen jetzt auch nicht mehr kommen dürfen? Unter diesen Bedingungen kann ein Total-Ausschluss nicht die Lösung sein!"

Korsen sieht Konsequenzen nicht nur auf seinen Verein, sondern auf den gesamten Sport zukommen: "Wenn wir alles schließen und nicht einmal mehr ein 'Grundrauschen' zulassen, verlieren wir die Kinder und Jugendlichen, die gesamte Gesellschaft für den Sport. Wir arbeiten hier in der Stadt an verschiedenen Jugend- und Schulprojekten mit. Da war zuletzt schon ein Trend erkennbar: Die jungen Leute sind weggeblieben vom Sport und haben sich damit auch von immens wichtigen körperlichen und psychischen Gesundheitsfaktoren entfernt."

Basketball: "Spieler können nicht wieder verzichten"

Marco Baldi

Marco Baldi

Während Korsen im Handball den Vorteil hat, dass die Liga im Januar wegen der EM unterbrochen wird, herrscht beim Basketball hektische Betriebsamkeit. Ab sofort sind keine Fans mehr in den Hallen zugelassen.

Bei Alba in Berlin wird überlegt, wie man das finanziell auffangen kann: "Als wir in der vorvergangenen Saison den völligen Lockdown hatten, haben unsere Spieler auf 20 Prozent ihres Jahresgehalts verzichtet. Jetzt aber wird gespielt und die Spieler haben aufgrund der Hygienevorschriften und Vorsichtsmaßnahmen einen eher noch höheren Aufwand als in 'normalen' Spielzeiten. Sie bringen volle Leistung und sollten auch entsprechend bezahlt werden", sagt Manager Baldi.

Stopp des Spielbetriebs ist auch keine Lösung

Sollte man den Spielbetrieb eventuell sogar besser ganz stoppen? "Nein", sagt Baldi, das würde kaum weiterhelfen: "Unsere Partner und Dienstleister, mit denen wir Verträge haben, haben uns im letzten Lockdown geholfen, indem sie auf Regresszahlungen verzichteten. Wir wissen aber nicht, ob sie das wieder tun würden, wenn wir den Spielbetrieb erneut stoppen müssten."

Matthias Binder

Matthias Binder

Noch dramatischer scheint die Situation im Eishockey zu sein. Mannheims Chef Binder gibt ganz offen zu: "Wir haben die letzte Saison nur gemeinsam mit großen Gehaltsverzichten der Spieler, durch unsere treuen Partner, Fans und Sponsoren, die bei vielen Dingen uneingeschränkt mitgemacht haben, und durch staatliche Hilfen überstanden. Diese Saison ist wirtschaftlich nochmals eine ganz andere Hausnummer als die zurückliegende."

"Kompletter Entzug unserer Geschäftsgrundlage"

Weil in Baden-Württemberg schon seit zwei Wochen eine maximale Zuschauerzahl von 750 gilt, wird seither in Mannheim ganz ohne Fans gespielt. "Wir haben schon seit zwei Wochen Geisterspiele in Mannheim, da sich eine Öffnung für diese Personenzahl als wirtschaftlich schädlicher darstellt, als reine Geisterspiele durchzuführen. 750 Personen sind faktisch schon länger wieder ein kompletter Entzug unserer Geschäftsgrundlagen", so Binder.

Der Eishockey-Manager fordert angesichts seiner Sorgen um die Liquidität sofortige Hilfe von außen: "Die Soforthilfe Profisport ist bisher nicht aufgestockt worden. Die letztes Jahr für den Ticketausfall abgerufenen 1,8 Millionen Euro sind ausgeschöpft worden, was nur einen Bruchteil des tatsächlichen Ticketing-Ausfalls aufgefangen hat. Neue Hilfen wurden noch nicht beschlossen, was die Lage extrem zuspitzt. Diese Soforthilfen müssen unbedingt schnellstmöglich fortgeführt und aufgestockt werden."

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