Simon Getzmann - Kollateralschäden im Anti-Doping-Kampf

Schweizer Handballer Simon Getzmann

ARD-Doku "Geheimsache Doping: Schuldig"

Simon Getzmann - Kollateralschäden im Anti-Doping-Kampf

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Wie der Schweizer Handball-Spieler Simon Getzmann sich mit viel Glück nach einer positiven Dopingprobe aus dem Schlamassel befreien konnte.

Irgendwie sucht das Glück sich wohl doch diejenigen aus, die es verdienen. Und Simon Getzmann, 29, ist sich sehr bewusst, dass sich in seinem Fall so viele Unwahrscheinlichkeiten schließlich zu seinen Gunsten fügten, dass er in ganz großem Pech noch viel mehr Glück hatte. Letztendlich. Denn bis sein ganzes Glück vollständig zum Tragen kam, musste er Monate warten.

Simon Getzmann ist ein Schweizer Handballspieler. Ein echter Rechtsaußen, flink, wendig, mit der nötigen Verrücktheit. So hat er es auch zu einem guten Dutzend Länderspiele gebracht.

"Man kann positiv sein, aber nicht dopen"

Um ein Haar wäre Simon Getzmann zum Kollateralschaden eines für sauberen, dopingfreien Sport kämpfenden Systems geworden. Im Gegensatz zu so vielen des Dopings überführten, aber hartnäckig auf unschuldig plädierenden Sportlern konnte Getzmann für den Irrtum in seinem Fall Beweise liefern.

Beweise, die einen kleinen Skandal ans Licht brachten: Fachleute wie der frühere Chef der Schweizer Anti-Doping-Agentur, Matthias Kamber, halten Getzmann für den ersten nach der erlaubten Einnahme eines zugelassenen, korrekt hergestellten Medikaments positiv getesteten Sportler weltweit. "Mein Fall zeigt eigentlich", sagte Getzmann der ARD-Dopingredaktion für den Film "Geheimsache Doping - Schuldig", "man kann positiv sein, aber nicht dopen."

Geheimsache Doping: Schuldig - Wie Sportler ungewollt zu Dopern werden können Sportschau 16.07.2021 52:06 Min. Verfügbar bis 16.07.2022 Das Erste

Nichts weiter als "ein üblicher Dopingtest"

Nach einem Meisterschaftsspiel seines Vereins BSV Bern im Dezember 2014 war Simon Getzmann zum Dopingtest gebeten worden. Reine Routine, dachte er, nichts weiter als "ein üblicher Dopingtest, wie ich ihn schon über zehn Mal gemacht habe". Er habe nie Dopingmittel eingenommen.

Nervös wurde er allmählich, als seine gleichzeitig getesteten Teamkollegen längst ihre negativen Befunde hatten, nur er nichts von den Kontrolleuren hörte. Dann folgte die Bestätigung der Vorahnungen: Simon Getzmanns Probe zeigte Spuren der verbotenen Substanz Hydrochlorothiazid.

Das Mittel selbst wirkt nicht leistungssteigernd, Athleten ist die Anwendung dennoch untersagt, weil das Diuretikum Dopern helfen könnte: Als sogenanntes Maskierungsmittel könnte es zu einem beschleunigten Ausschwemmen verbotener Substanzen aus dem Körper führen.

Zur Öffnung der B-Probe nahm Getzmann seinen Vater mit ins Labor nach Lausanne. Der ist Fußballtrainer und hat die Karriere des Sohnes im Sport stets gefördert. Die B-Probe belegte das Ergebnis der A-Analyse.

"Wir wissen einfach: Ich bin im Arsch."

Im Labor erst machten sie Getzmann die ganze Tragweite des Problems klar. Mit einer positiven Probe weiter Erstliga-Handball spielen? Eher nicht, ließen ihn die Analytiker im Labor wissen. Mehr noch: Eine Sperre bedeute, überhaupt keinen organisierten Vereinssport mehr treiben zu dürfen – egal in welcher Sportart. Getzmann erinnert sich: "Wir fahren da nach Hause und wir wissen einfach: Ich bin im Arsch. Wir haben uns angeguckt und mussten einfach weinen."

Schweizer Handballer Simon Getzmann

Positiv durch verunreinigte Schmerzmittel: Handballer Simon Getzmann konnte seine Unschuld beweisen.

Doch der Handballer machte sich auf die Suche nach dem Fehler. Aber wie sollte er Wochen später nachweisen, wie ein Mittel, das er nicht kannte und nicht wissentlich eingenommen hatte, in seinen Körper gekommen war?

Getzmann wohnte damals in einer Sportler-WG mit zwei ehrgeizigen Fußballern. Gemeinsam wühlten sie sich in die Geheimnisse von Chemie und Biologie, googelten, um etwa zu erfahren, ob dieser Stoff mit normaler Nahrung aufgenommen werden kann oder Ergebnis irgendeines Gärungsprozesses im Magen gewesen sein könnte.

Der Teufel steckte im Detail

Pure Verzweiflung machte sich breit: "Es war sicher ein Jahr, das ich sportlich gesehen verloren habe. Psychisch war ich sicher lange Zeit ein Wrack.”

Dann aber kam die Wende: Von der Schweizer Anti-Doping-Agentur erhielt er den Hinweis auf seine eigenen Angaben auf dem Formular bei der fraglichen Dopingkontrolle: Er hätte doch die Anwendung eines Schmerzmittels angegeben, ob er das schon überprüfen lassen habe? Getzmann erinnerte sich daran.

In seiner WG fand er noch die Packung des Medikaments – darin noch eine letzte Tablette. Er ließ diese von einem Pharmakologen untersuchen. Das Ergebnis: Tatsächlich waren in der Tablette Spuren von Hydrochlorothiazid enthalten, die dort nicht hineingehörten.

Die Verunreinigung war so gering, dass sie gegen keine Vorschriften verstieß, aber gleichzeitig ausreichend, um bei Dopinganalysen einen Positivbefund auszulösen. Getzmann sagt, der Anruf des Pharmakologen "war für mich eigentlich der Freispruch".

Sperren aus Pragmatismus

Wieder sprang die Schweizer Anti-Doping-Agentur ihm hilfreich zur Seite. Sie ließ das Kölner Anti-Doping-Labor in einem Versuch bestätigen, dass die Einnahme der Tablette den bei Getzmann nachgewiesenen Wert hervorrufen konnte. Und sprach dann den Sportler frei – trotz der Tatsache, dass die Substanz zweifelsfrei in seinem Urin nachgewiesen worden war.   

Getzmann ist sich sicher, dass ähnliche Fälle weltweit immer wieder mit Sperren enden, weil unschuldige Athleten einfach weniger Glück haben und weil der organisierte Sport solche Kollateralschäden im Anti-Doping-Kampf aus Pragmatismus einpreist.

"Ich denke nicht, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur ein Interesse sieht, meinen Fall zu verhindern. Nicht, weil sie Freude daran hat, unschuldige Spieler zu sperren, sondern mehr aufgrund des Fakts, dass, sobald man an den Gesetzmäßigkeiten etwas ändert, es unglaublich schwierig wird, die zu überführen, die systematisch dopen."

Stand: 16.07.2021, 13:30

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