Der Deutschen Schwimm-Verband (DSV) untersucht die eingehenden Hinweise auf Missbrauchsvorwürfe.

Deutscher Schwimm-Verband Sexualisierte Gewalt - Der lange Weg zur Aufarbeitung

Stand: 23.10.2022 10:20 Uhr

Ende August kündigte der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) eine Aufarbeitungskommission zu sexualisierter Gewalt an. Passiert ist seither wenig.

Es geht um sexualisierte Gewalt. Der Schwimmsport ist davon genauso betroffen wie viele andere Sportarten auch. Das belegt unter anderem eine Studie, die die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung Ende September vorgestellt hat. Zahlreiche ehemalige Athletinnen und Athleten haben dort über sexualisierte Gewalt berichtet, die ihnen in ihrem Sport widerfahren ist. Neben Turnen und Fußball waren auch Betroffene aus dem Schwimmsport darunter.

Die "Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" der Bundesregierung veröffentlicht ihre Studie zum Sport. Die Leiterin der Studie spricht von einem Bild des Sports, das viele nicht wahrhaben wollten. mehr

Zuletzt hatte der ehemalige Wasserspringer Jan Hempel im August angegeben, durch seinen früheren Trainer jahrelang schwerste sexuelle Übergriffe erfahren zu haben. In einer ARD-Doku erhob Hempel Vorwürfe gegen damalige DSV-Verantwortliche, davon gewusst, aber nichts unternommen zu haben.

Als Reaktion darauf kündigte der DSV Ende August an, er wolle eine externe und unabhängige Aufarbeitungskommission etablieren und über den Fortgang regelmäßig öffentlich informieren.

Athleten Deutschland: "Kein nennenswerter Austausch"

Auf Nachfrage nach dem aktuellen Stand bei diesem Vorhaben erklärte der Verband Mitte Oktober, die DSV-Präventionsbeauftragte Franka Weber und DSV-Vizepräsident Wolfgang Rupieper befänden sich "seit August im regelmäßigen Austausch mit relevanten Institutionen, z. B. mit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung oder dem Verein Athleten Deutschland".

Beide genannten Institutionen können das so allerdings nicht bestätigen. Auf Sportschau-Nachfrage schreibt die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung: "Es hat bisher ein vertrauliches Gespräch mit der Beauftragten für die Prävention sexualisierter Gewalt des DSV sowie einer Vorstandsperson stattgefunden. Daraufhin hat es keine weiteren Gesprächsanfragen seitens des DSV gegeben."

Ähnlich beschreibt es auch Maximilian Klein von der Interessenvertretung Athleten Deutschland. Kontakt zwischen Athleten Deutschland und dem DSV bestehe zwar seit den neuerlichen Missbrauchsvorwürfen, sagt Klein, aber seit dem großen Treffen Ende August "gab es keinen nennenswerten Austausch mehr zwischen Athleten Deutschland und dem DSV".

LSB Thüringen als Vorbild

Steffen Sindulka weiß, wie schwer der Aufbau einer Aufarbeitungskommission im Sport ist. Der Kinderschutzbeauftragte des LSB Thüringen war in diesem Jahr maßgeblich am Aufbau der ersten unabhängigen Aufarbeitungskommission im deutschen Sport beteiligt. Sie untersucht den Fall eines Turntrainers des HSV Weimar. Der Trainer hatte zahlreichen minderjährigen Mädchen seiner Turngruppe über Jahre psychische und sexualisierte Gewalt angetan.

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Sportschau, 23.09.2022 11:22 Uhr

Sindulka hat die externe Aufarbeitungskommission aus sechs Expertinnen und Experten verschiedener Fachgebiete zusammengestellt. Dafür habe er mehr als fünf Monate gebraucht, so der Präventionsbeauftragte des LSB Thüringen zur Sportschau. Am 28. September fand die konstituierende Sitzung der Gruppe statt.

Ehrenamt stößt an seine Grenzen

Der Kinderschutzbeauftragte ist beim Landessportbund Thüringen fest angestellt und hat das bewerkstelligt, was beim DSV zwei ehrenamtlich tätige Personen übernehmen sollen: die Präventionsbeauftragte und einer der Vizepräsidenten. Für Maximilian Klein von Athleten Deutschland ist klar, "dass hier das Ehrenamt an seine Grenzen stößt".

Die zuständigen Personen müssten von hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen unterstützt werden, so Klein. Es brauche einen Plan für die konkreten Schritte, etwa wie der Aufruf an Betroffene laufen soll, sich zu melden. Seit den in der ARD-Doku erhobenen Vorwürfen von Jan Hempel seien beim DSV "Hinweise im einstelligen Bereich eingegangen. Es haben bereits mehrere Gespräche mit Hinweisgeberinnen und Zeitzeugen stattgefunden" schreibt der Verband.

Ergebnisse auch dieser Gespräche sollten dann laut DSV "transparent von der externen Aufarbeitungskommission präsentiert werden". Die zwei bis drei Mitglieder dieser Kommission will der Verband über ein Ausschreibungsverfahren finden.

An diesem Verfahren sind nach eigenen Angaben weder die Kommission der Bundesregierung noch Athleten Deutschland beteiligt. Entsprechende Nachfragen des DSV nach Unterstützung habe es nicht gegeben, sagt Maximilian Klein. Über den aktuellen Stand des Prozesses habe die Athletenvertretung kein nennenswertes Update bekommen.

Athletensprecher Klein mahnt Transparenz an

Klein nimmt den DSV generell in die Pflicht: "Es kann jetzt nicht nur bei Ankündigungsrhetorik bleiben, sondern es muss auch transparent kommuniziert werden. Wenn man nicht transparent kommuniziert, auch zu den Schwierigkeiten vielleicht, die man hat, dann wird es schwierig, einen guten Aufarbeitungsprozess in Gang zu bringen."

Die dringend notwendige externe Aufarbeitung im DSV lässt also noch auf sich warten. Da ist Steffen Sindulka in Weimar einen großen Schritt weiter. Die dortige externe Aufarbeitungskommission hat ihre Arbeit aufgenommen. Es soll ein Projekt werden, von dem der gesamte Sport profitieren könnte.

Bisher hat Sindulka dazu aber noch keine Nachfrage von anderen Vereinen oder Sportverbänden bekommen. Er gebe seine Erfahrungen gerne weiter, sagt er. Auch an den DSV: "Sie dürfen sich gerne melden."