Sexualisierte Gewalt im Sport Studie zeigt "schwerste Menschenrechtsverletzungen"

Stand: 27.09.2022 10:09 Uhr

Heute veröffentlicht die "Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" der Bundesregierung ihre Studie zum Sport. Wissenschaftlerinnen haben 72 Geschichten von Betroffenen analysiert. Es ist die größte Studie dieser Art in Deutschland. Die Leiterin der Studie spricht von einem Bild des Sports, das viele nicht wahrhaben wollten.

Von Andrea Schültke

Triggerwarnung: Der folgende Text enthält Schilderungen von sexuellen Gewalthandlungen und deren Folgen. Das kann belastend und retraumatisierend sein.

Sie heißen Senta, Frederike, Simon, Jennifer oder Rita. Es sind ihre Überlebensgeschichten und die von 67 anderen Menschen, die in der Studie Raum bekommen. Geschichten von schwersten sexuellen Gewalterfahrungen im Kindesalter im Sport – von Grenzverletzungen bis zur Vergewaltigung. In persönlichen Anhörungen oder auch schriftlich haben sie der Aufarbeitungskommission ihre Geschichte zur Verfügung gestellt.

"Ich bin kein Opfer"

Eine von ihnen ist die ehemalige Reiterin Gitta Schwarz. Mehr als 30 Jahre liegt es zurück, dass ihr Reitlehrer ihr sexuelle Gewalt angetan hat. Vor zwei Jahren hat sie zum ersten Mal öffentlich darüber gesprochen - bei einer Veranstaltung der Aufarbeitungskommission.

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Im Interview mit der Sportschau vor wenigen Tagen berichtet sie von der Wirkung, die das Erzählen ihrer Geschichte für sie damals hatte und immer noch hat. "Ich weiß für mich, ich bin kein Opfer. Damals bin ich sicherlich mal irgendwann eins gewesen, aber heute eben nicht mehr", sagt sie. "Dieses darüber Reden befreit mit jedem Male, wo ich es tue. Das Gefühl wünsche ich eigentlich jedem und jeder anderen Betroffenen auch."

Studienleiterin Rulofs: "Starke Notwendigkeit, aufzuarbeiten"

Gitta Schwarz strahlt Stärke aus. Sie hat für sich selbst einen Weg gefunden, mit ihrer Geschichte umzugehen. Soweit sind andere Betroffene noch nicht, berichtet Sportsoziologin Bettina Rulfos von der Sporthochschule Köln. Sie und ihr Team haben im Auftrag der Aufarbeitungskommission die Schilderungen der Betroffenen analysiert.

Die Übergriffe, die die Menschen erfahren haben, liegen zum Teil Jahrzehnte zurück, andere sind aktueller. Rulofs hat in dieser Gruppe ein großes Leid festgestellt und "eine starke Notwendigkeit, aufzuarbeiten, entweder persönlich aufzuarbeiten oder aber auch in den Strukturen des Sports aufzuarbeiten. Das zeigt ein stückweit auch die Dimension des Problems auf, wenn wir uns immer vor Augen führen, wie viele Menschen in Deutschland sportlich aktiv sind".

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Dreiviertel der Mädchen und 87 Prozent der Jungen zwischen neun und 18 Jahren in Deutschland treiben regelmäßig Sport, die meisten im Verein. Damit, so die Studie, ist der organisierte und kommerzielle Sport in Deutschland der Freizeitbereich, in dem sich die meisten Kinder und Jugendlichen aufhalten.

Am Dienstag veröffentlicht die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung eine Studie zu sexualisierter Gewalt im Sport. Eine Athletin, die dort ihre Geschichte erzählt hat, ist eine ehemalige Turnerin.

Alle Sportarten betroffen

Sportvereine waren das Tatumfeld, in dem die Verbrechen laut Studie am häufigsten geschahen. Die meisten Betroffenen kamen aus den Sportarten Turnen und Fußball. Das ist nicht ungewöhnlich, da dies die Sportarten mit den meisten Vereinsmitgliedern sind. Aber auch Reiten, Schwimmen, Judo und viele weitere Sportarten wurden genannt.

Mehr als die Hälfte der Betroffenen haben die Gewalt in ihrem Sport nicht nur einmal erfahren, sondern regelmäßig. Häufig ging es um Vergewaltigung. Bettina Rulofs spricht in ihrer Analyse von "schwersten Menschenrechtsverletzungen" und von einem "Bild des Sports, das viele so nicht wahrhaben möchten".

Für die Betroffenen sei der Sport zerstörend gewesen, starke gesundheitliche Einschränkungen seien häufig die Folgen der Übergriffe. "Sie teilen ihr Leben in eine Zeit vor dem Missbrauch im Sport und in eine Zeit nach dem Missbrauch im Sport ein, weil das so ein einschneidendes Erlebnis war", sagt Rulofs.

Erstmals Zugang zu größerer Zahl von Betroffenen aus der DDR

Die Täter sind überwiegend Männer - Trainer oder Betreuer, sind charmant, hilfsbereit, machen sich unentbehrlich. Sie schaffen ein Abhängigkeitsverhältnis, üben Macht über und Druck auf die Betroffenen aus. Die meisten Betroffenen, deren Geschichte in der Studie vorkommt, kommen aus dem Leistungssport. Ein Fünftel von ihnen aus der ehemaligen DDR.

Es ist das erste Mal, dass die Wissenschaftlerinnen auf diese Weise Zugang zu einer größeren Zahl von Betroffenen aus der DDR erhalten haben. "Das ist ein Kapitel der Sportgeschichte in Deutschland, das bisher noch nicht aufgearbeitet ist", sagt Rulofs. Das Dopingsystem der DDR sei bereits gut untersucht, die Fälle von Missbrauch und Gewalt etwa in den Kinder- und Jugendsportschulen und dem DDR Leistungs-Sportsystem dagegen nicht. Die frühe Auswahl für Sportklassen und Sportinternate wollten die Kinder nicht gefährden. Daher haben sie die Gewalterfahrungen, die sie dort erfahren haben nicht angesprochen.

Aufarbeitung steht noch am Anfang

Die Studie listet auch zahlreiche Maßnahmen auf, die sowohl der organisierte Sport als auch das Bundesinnenministerium als Geldgeber für den Leistungssport seit 2010 auf den Weg gebracht haben. Der Bereich "Aufarbeitung" stehe allerdings noch am Anfang.

Erwähnt werden auch die Bemühungen u.a. des Vereins "Athleten Deutschland" um eine externe, unabhängige Organisation. Diese soll finanziell und personell gut ausgestattet sein und als zentrales Element für einen Strukturwandel im Sport und gegen jegliche Form von Gewalt fungieren.

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Anderer Blick auf den Sport notwendig

Unter Einbindung von Betroffenen gelangen die Wissenschaftlerinnen zu dem Fazit, dass ein grundsätzlich anderer Blick auf den Sport notwendig ist. Die Berichte der Betroffenen zerstören "diese romantisierende Erzählung des Sports, dass der Sport ausschließlich positiv ist für die gesundheitliche Entwicklung, für die Persönlichkeitsentwicklung, für das soziale Lernen von Menschen", sagt Rulofs. "Natürlich hat der Sport diese positiven Aspekte, aber die Leidensgeschichten der Betroffenen zeigen das krasse Gegenteil auf."

Andrea Schültke, Sportschau, 27.09.2022 14:40 Uhr

Die ehemalige Reiterin Gitta Schwarz hat nie wieder auf einem Pferd gesessen, erträgt die Nähe zu den Tieren und ihren Geruch immer noch nicht. Aber gemeinsam mit anderen Betroffenen aus dem Pferdesport gehört sie zum Betroffenenbeirat der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).

Es ist der erste Zusammenschluss von Betroffenen sexualisierter Gewalt, den es in einem deutschen Spitzensportverband gibt. Die Mitglieder möchten auf das Thema aufmerksam machen und so dazu beitragen, dass das, was ihnen widerfahren ist, anderen nicht passiert.