Kritik an UEFA nach Eriksens Zusammenbruch - "Die Spieler hatten keine Wahl"

Jannik Vestergaard (r.) and Pierre-Emile Höjbjerg

Zusammenbruch von Christian Eriksen

Kritik an UEFA nach Eriksens Zusammenbruch - "Die Spieler hatten keine Wahl"

Von Chaled Nahar

Dass es nach Christian Eriksens Zusammenbruch der große Wunsch der dänischen Spieler gewesen sei, das Spiel gegen Finnland zu Ende zu spielen, wird immer weniger glaubhaft. Peter Schmeichel behauptet: Das Team hatte keine echte Wahl. Die UEFA weist Vorwürfe zurück.

Peter Schmeichel, früher selbst Nationaltorwart Dänemarks und Vater des aktuellen Schlussmanns Kasper Schmeichel, fand im britischen Fernsehsender ITV deutliche Worte. "Es soll der Wunsch der Spieler gewesen sein? Ich weiß, dass das nicht die Wahrheit ist. Den Spielern wurden drei Möglichkeiten genannt: Das Spiel am selben Tag zu beenden, das Spiel am nächsten Tag um 12 Uhr zu beenden oder das Spiel mit 0:3 per Wertung zu verlieren", sagte Schmeichel. "Denkt mal nach: War es wirklich der Wunsch der Spieler? Hatten sie überhaupt eine richtige Wahl? Ich glaube nicht, dass sie die hatten."

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Die UEFA hatte die Wiederaufnahme des Spiels in einer Stellungnahme als "Wunsch der Spieler beider Mannschaften" dargestellt. Die Geschichte vom großen Anliegen der dänischen Mannschaft für ihren gerade noch um sein Leben kämpfenden Mitspieler Christian Eriksen weiterzuspielen, bekommt deutliche Risse.

Zumal auch Dänen-Trainer Kasper Hjulmand am Dienstag (15.06.21) noch einmal erklärte: "Ich hatte das Gefühl, dass wir und die Spieler unter Druck gesetzt wurden."

"Andere Leute hätten die Entscheidung treffen müssen"

Kasper Schmeichel, Torwart der dänischen Mannschaft, kritisierte die Umstände ebenfalls. "Es war keine Situation, in der wir hätten landen sollen", sagte der 34-Jährige am Montag. "Es hätten andere Leute diese Entscheidung treffen müssen." Dänemarks Ex-Nationalspieler Michael Laudrup pflichtete ihm beim dänischen Sender TV3+ bei: "Wenn so etwas passiert, sind die Spieler voller Emotionen und haben nicht die Übersicht, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Es muss jemanden geben, der dann sagt: 'Wir hören hier auf!'"

Die Kritik an der UEFA wird immer deutlicher: Man hätte die Spieler, die gerade mit ansehen mussten, wie einer von ihnen einen Herzstillstand erlitt und nur knapp überlebte, nicht mit dieser Wahl konfrontieren sollen. Jonas Baer-Hoffmann, Generalsekretär der internationalen Spielergewerkschaft FIFPRO, sagte im Deutschlandfunk, dass man solchen Situationen vorbeugen müsse, "indem man einfach den Prozess der Entscheidung verändert". Es müssten Regeln für solche Situationen her.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Die UEFA solle darüber beraten, "was man in Zukunft in so einer Situation macht", sagte auch der Sportdirektor des dänischen Verbandes, Peter Möller. Kasper Schmeichel sagte ebenfalls: "Ich hoffe, dass die UEFA daraus etwas lernt." Tut sie das?

Schweinsteiger: "Man muss die Spieler aus der Verantwortung nehmen" Sportschau 13.06.2021 02:20 Min. Verfügbar bis 13.06.2022 Das Erste

UEFA bestreitet, mit Spielwertung gedroht zu haben

Die UEFA teilte auf Anfrage der Sportschau mit: "Die UEFA ist sich sicher, dass sie die Angelegenheit mit größtem Respekt für die Situation und die Spieler gehandhabt hat. Es wurde beschlossen, das Spiel erst wieder aufzunehmen, nachdem die beiden Teams gewünscht hatten, das Spiel am selben Abend zu beenden." Auch zum Vorwurf von Peter Schmeichel nahm die UEFA Stellung: "Wir bestreiten kategorisch, dass einem der beiden Teams mit einer Wertung des Spiels gedroht wurde."

Ob sie für die Zukunft ein gesondertes Vorgehen bei medizinischen Notfällen erarbeiten will, beantwortete die UEFA nicht. Am Sonntag verwies sie nach Angaben des Sport-Informations-Dienstes auf Artikel 29 ihrer Turnier-Regularien. Darin steht, dass eine EM-Partie nach einem Spielabbruch am folgenden Tag zu Ende gespielt werden soll. Erst wenn das partout nicht geht, soll demnach ein anderer Termin gesucht werden.

Ein Passus, geschrieben vor allem für Abbrüche durch schlechtes Wetter oder Fan-Ausschreitungen - aber wohl kaum für den Umgang mit einer Situation, wie sie die dänische und auch die finnische Mannschaft erleben mussten.

Andere Optionen laut UEFA ausgeschlossen: "Spieler brauchen Ruhephasen"

Klar ist auch: In einem Turnier ist der Zeitplan eng, eine Planänderung ist schwierig. "Die Notwendigkeit einer Ruhephase für die Spieler von 48 Stunden zwischen den Spielen schloss andere Optionen aus", teilte die UEFA der Sportschau mit. Am Donnerstag (17.06.2021) steht gegen Belgien das nächste Spiel an, Finnland spielt schon am Mittwoch gegen Russland.

Aber wäre in dieser Situation der enorme Aufwand einer größeren Umgestaltung des Spielplans vielleicht gerechtfertigt gewesen? Dänemarks Stürmer Martin Braithwaite sagte: "Viele Spieler waren nicht in der Lage, zu spielen. Wir waren mental woanders. Wenn man so etwas erlebt hat, geht man nicht raus und spielt ein Fußballspiel". Kapitän Simon Kjaer soll nach Angaben von Trainer Kasper Hjulmand um seine Auswechslung gebeten haben.

Kasper Schmeichel bei Eriksen im Krankenhaus

Das Spiel zwischen Dänemark und Finnland war nach dem Zusammenbruch von Eriksen unterbrochen und wurde nach rund zwei Stunden fortgesetzt, Dänemark verlor 0:1. Der 29-Jährige wurde wiederbelebt und galt nach Angaben des Stadionsprechers während der Unterbrechung als stabil. Danach kehrten die Spieler auf den Platz zurück und spielten die Partie zu Ende.

Kasper Schmeichel hat Eriksen mittlerweile im Krankenhaus besucht. Der zeitliche Abstand half offenbar. "Ich fühle mich jetzt deutlich besser als am Samstag. Es war toll, Christian zu sehen", sagte Schmeichel.

Dänemarks Schmeichel über Eriksen: "Es war wunderbar, Christian zu sehen" Sportschau 14.06.2021 01:02 Min. Verfügbar bis 14.06.2022 Das Erste

Stand: 15.06.2021, 10:30

Darstellung: