Coronavirus-Pandemie 60.000 in Wembley trotz Delta-Variante - weiter Kritik an der UEFA

Stand: 29.06.2021 23:14 Uhr

In Großbritannien steigen die Infektionszahlen mit der Delta-Variante des Coronavirus. In Sankt Petersburg gibt es mehr Infektionen als je zuvor seit Ausbruch der Pandemie. Doch die UEFA hält an allen Plänen fest, in London sollen zum Halbfinale und Finale mehr als 60.000 Menschen ins Stadion.

Von Chaled Nahar

41.973 - das war die offizielle Zuschauerzahl, die die UEFA nach dem Achtelfinalspiel zwischen England und Deutschland am Dienstag (29.06.2021) bekannt gab. Auch am Spieltag riss die Kritik an der UEFA nicht ab. Der Vorwurf: Gerade in Großbritannien sorgen solche Großereignisse mit derart vielen Zuschauern möglicherweise für eine schnellere Verbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Die Fans jubelten ausgelassen, vom Abstandsgebot war auf Bildern nichts zu sehen, am Platz galt nach Angaben der UEFA keine Maskenpflicht. Beim Verlassen des Stadions bildeten sich große Menschenmengen, in denen kein Abstand möglich war.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kritisierte die UEFA deutlich. Die Entscheidung, derart viele Fans ins Stadion zu lassen, sei "null nachzuvollziehen", sagte Söder in München. Seine rheinland-pfälzische Amtskollegin Malu Dreyer (SPD) sprach von einem "sehr, sehr schlechten Signal". Die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien stieg seit Turnierbeginn am 11. Juni von 63,6 auf 169,2 am Tag des Spiels zwischen England und Deutschland. Und trotzdem werden die Zuschauerzahlen in London noch steigen.

Wembley: Erst 21.500, dann 45.000, ab Halbfinale mehr als 60.000

Bis zu 45.000 Menschen durften zum Spiel am Dienstag ins Wembleystadion, zuvor waren es 21.500. Zu den beiden Halbfinalspielen und zum Endspiel sollen es sogar mehr als 60.000 sein. Das ergaben Verhandlungen zwischen der UEFA und der britischen Regierung. Medien in London berichten, dass die UEFA mit dem Umzug der drei großen Spiele zum Ende des Turniers nach Budapest gedroht haben soll.

Englische Fans in Wembley nach Raheem Sterlings Tor gegen Deutschland

Mehr noch: Die britische Regierung erlaubte der UEFA für das Halbfinale und das Endspiel in London Ausnahmen von den Einreisebeschränkungen. Wichtige Gäste der UEFA wie Funktionäre oder Sponsoren dürfen die Quarantäne brechen und zu den Spielen kommen, jeweils 1.000 Fans der teilnehmenden Teams sollen dasselbe dürfen. Und die UEFA sieht keinen Anlass, von ihren Plänen Abstand zu nehmen.

UEFA über London und Sankt Petersburg: Es geht weiter wie geplant

Eine Veränderung der Spielorte mit Blick auf die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus in Russland und Großbritannien ist bei der UEFA genauso wenig vorgesehen wie die denkbare Reduzierung der nutzbaren Stadionkapazität.

Auf Anfrage der Sportschau teilte die UEFA mit, dass die Spiele in Sankt Petersburg und London "wie im Spielplan vorgesehen" ausgetragen würden. "Die an jedem Austragungsort durchgeführten Maßnahmen entsprechen vollständig den Vorschriften der zuständigen lokalen Gesundheitsbehörden", so die UEFA in der schriftlichen Stellungnahme. "Die endgültigen Entscheidungen in Bezug auf die Anzahl der Fans und auf die Einreisebestimmungen fallen in die Zuständigkeit der lokalen Behörden, und die UEFA befolgt diese strikt."

Die Alarmsignale im Zusammenhang mit der EM häufen sich

"Als Leuchtfeuer der Hoffnung" beschrieb UEFA-Präsident Aleksander Ceferin kürzlich die EM. Die Hoffnung auf ein normales Leben mit dem Besuch eines Fußballspiels ist aber immer stärker eingetrübt von der Sorge über die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Das "Leuchtfeuer der Hoffnung" wirkt allmählich eher wie ein Spiel mit der Gesundheit. Denn die Alarmsignale, die im Zusammenhang mit dem Turnier stehen könnten, mehren sich:

  • Die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien steigt seit Turnierbeginn deutlich.
  • Einige Tage nach dem Spiel zwischen Schottland und England stiegen die Zahlen in Schottland laut BBC besonders bei 15- bis 44-jährigen Männern. Expert*innen vermuten einen Zusammenhang mit dem Spiel.
  • Die Behörden in St. Petersburg meldeten am Montag 110 Todesfälle innerhalb von 24 Stunden, die mit einer Coronainfektion in Verbindung stehen sollen - der bisherige Höchstwert. Die Zahl der Neuinfektionen steigt seit Tagen an. Hier soll am Freitag ein Viertelfinalspiel stattfinden. Auch in Russland hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz seit Turnierbeginn auf fast 91 nahezu verdoppelt.
  • Fast 300 finnische Fans sind nach ihrer Rückkehr von den beiden Spielen ihrer Mannschaft aus Sankt Petersburg nach Behördenangaben positiv getestet worden.
  • Nach dem Spiel zwischen Dänemark und Russland in Kopenhagen wurden 16 Menschen positiv getestet. Tausende Fans, die auf derselben Tribüne waren, wurden zum PCR-Test aufgefordert. 
  • In Ungarn gab es bei vier Spielen 100 Prozent Auslastung ohne Maskenpflicht. Die Auswirkung dieser Spiele ist noch unbekannt, die Bilder aus dem Stadion und dem Umfeld suggerieren aber den Trugschluss, dass die Pandemie vorbei sei. Niederländische Fans feierten zu Tausenden in der Stadt dicht an dicht.

Obwohl sich die Delta-Variante in Europa und vor allem in Großbritannien ausbreitet, haben mehrere Spielorte ihre nutzbaren Kapazitäten sogar noch ausgeweitet. Bukarest verdoppelte zur K.o.-Runde auf 26.000, Kopenhagen erhöhte nach dem ersten Gruppenspiel von 15.900 auf 25.000. Und Wembley steigert die Zahl der verfügbaren Plätze im Turnierverlauf nun zwei Mal von 21.500 auf mehr als 60.000.

Auslastung K.o.-Spiele
Stadion Fans max. Auslastung
Budapest 61.000 100%
London ab Halbfinale 65.000 75%
Kopenhagen 25.000 73%
London Achtelfinale 2 45.000 50%
Baku 31.000 50%
Bukarest 26.000 50%
St. Petersburg 30.500 50%
Sevilla 16.000 35%
Amsterdam 16.000 33%
Rom 14.500 25%
Glasgow 12.000 25%
London Achtelfinale 1 21.500 24%
München 14.500 20%

EU-Kommissionsvize mahnt UEFA zur Vorsicht

Mittlerweile nimmt sogar die Kommission der Europäischen Union Stellung. Kommissionsvize Margaritis Schinas mahnt die UEFA zur Vorsicht. Diese müsse eine Entscheidung über Spiele in einem stark gefüllten Stadion "sorgfältig abwägen", sagte er. Schinas forderte eine Verhältnismäßigkeit bei den Entscheidungen angesichts der Einschränkungen für die Bevölkerung.