Geknickte deutsche Spieler
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DFB-Pleite in Österreich Sportschau-Kommentar: "Ein völlig verkorkstes Jahr"

Stand: 22.11.2023 11:36 Uhr

Die Nationalmannschaft verliert unter Julian Nagelsmann auch das letzte Spiel des Jahres. Ein weiterer Tiefpunkt der vergangenen fünf Jahre, meint Sportschau-Reporter Burkhard Hupe.

Es geht noch nicht einmal um das Ergebnis. Ein 0:2 gegen Österreich liegt längst im Bereich des Möglichen. Italien ging vor genau einem Jahr aus demselben Stadion mit demselben Ergebnis vom Rasen. Es geht also um das Wie und letztlich auch um das Wer.

Seit mehr als fünf Jahren fehlt es der Nationalmannschaft an Konstanz und mittlerweile auch an Identität. Angeblich trainieren diese Spieler wie die Weltmeister, um den Beweis dieser Klasse dann regelmäßig schuldig zu bleiben. Selbstgewissheit und Selbstüberschätzung waren schon immer schwer voneinander zu trennen.

Abend von Wien markiert einen neuen Tiefpunkt

Auf überraschende Niederlagen und große Enttäuschungen folgte stets die Versicherung, es besser machen zu wollen und auch zu können. Doch der Abend von Wien markiert einen neuen Tiefpunkt.

Die Chancenlosigkeit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von der ersten bis zur letzten Minute hat jede Hoffnung auf eine Aufbruchstimmung hinsichtlich der Europameisterschaft hinweggefegt - wie der Herbstwind die letzten Blätter vom Apfelbaum.

Und nun reift die Erkenntnis: Die vergangenen fünf Jahre wurden verschenkt, die Entwicklung im internationalen Fußball verpasst. Schon 2014 fehlten dem späteren Weltmeister die gelernten Außenverteidiger, und seither hat sich daran nichts geändert.

Aus Nachwuchsleistungszentren rückt bisher nichts nach

Aus den Nachwuchsleitungszentren rückten keine belastbaren Alternativen in die Nationalelf hinein - in zehn Jahren nicht ein einziger Außenverteidiger von internationaler Klasse. Außer Joshua Kimmich, der sich aber ja längst von dieser Position losgesagt hat.

Bundestrainer Julian Nagelsmann hat in den 90 Minuten von Wien drastisch vor Augen geführt bekommen, dass Identität, Geschlossenheit und Bereitschaft wichtiger sind als temporärer Zauberfußball.

Kleines Österreich ist zwei Schritte voraus

Das kleine Österreich ist den Deutschen jetzt mindestens zwei Schritte voraus. Mit Ralf Rangnick, einem deutschen Trainer, den der DFB im Sommer 2021 nicht zum Nachfolger von Jogi Löw machen wollte, weil sich die Selbstüberschätzung beim DFB längst häuslich eingerichtet hatte.

Jetzt muss Julian Nagelsmann unter höchstem Zeitdruck diese verlorene Zeit wieder einholen. Die letzten beiden Länderspiele eines wieder mal völlig verkorksten Jahres haben mehr Zweifel geweckt als Optimismus geschürt.