Liverpool gegen Everton: Der Mythos vom freundschaftlichen Duell

Spielszene von Liverpool gegen Everton in der dritten Runde des FA Cup

Premier League

Liverpool gegen Everton: Der Mythos vom freundschaftlichen Duell

Von Hendrik Buchheister

Das Stadtduell zwischen Liverpool und Everton ist geprägt vom Zusammenhalt der benachbarten Klubs. Wie harmonisch ist das "friendly derby" wirklich?

Den ersten kleinen Sieg hat der FC Everton schon vor der neusten Ausgabe des Merseyside-Derbys erzielt, und das, ohne etwas dafür zu tun. Im Falle einer Niederlage des Tabellenzweiten Manchester City unter der Woche gegen Arsenal hätte der FC Liverpool im Stadtduell an diesem Sonntag (21.06.2020) die erste Meisterschaft seit 30 Jahren sicherstellen können.

Yates: "Das wäre der Horror"

Doch nach Manchester Citys 3:0 benötigt Liverpool noch zwei Siege, um den Titelgewinn definitiv zu besiegeln. Dass das gelingen wird, daran zweifeln nicht einmal Evertons Fans, doch sie sind froh, dass die Krönungszeremonie des Stadtrivalen nicht in ihrem Stadion stattfindet. “Ich bin erleichtert, dass sie nicht im Goodison Park Meister werden können. Das wäre der Horror gewesen”, sagt Jamie Yates im Gespräch mit der Sportschau. Er ist seit seiner Kindheit Everton-Anhänger und eine Art ehrenamtlicher Klub-Historiker.

Das bevorstehende Merseyside-Derby (die Mersey ist der Fluss, an dessen Mündung Liverpool liegt) ist ein spezielles wegen der Corona-Krise. Über kein anderes Spiel wurde vor der Rückkehr des Spielbetriebs in England so viel diskutiert. Die Partie zwischen Jürgen Klopps enteiltem Spitzenreiter und den "Toffees", die als Tabellenzwölfter wieder einmal den Erwartungen hinterherrennen und seit Dezember von Carlo Ancelotti betreut werden, stand im Zentrum einer Debatte darüber, einzelne Partien in neutralen Stadien auszutragen.

Zusammenhalt nach der Hillsborough-Katastrophe

So sollte verhindert werden, dass Fans die Corona-Regeln brechen und sich vor den Spielstätten versammeln. Was nach reiner Vorsicht klingt, hat in der Gemeinde des FC Liverpool in tiefen Wunden gebohrt. Dass man Fußball-Anhängern nicht trauen könne, war lange die Erzählung, die Politiker und Behörden nach der Hillsborough-Katastrophe 1989 verbreiteten, bei der 96 Liverpool-Fans starben. Mittlerweile steht fest, dass das Versagen der Polizei für das Desaster verantwortlich war, nicht Fehlverhalten der Zuschauer. 

Das Drama hat damals große Solidarität in Merseyside ausgelöst, die nach wie vor Bestand hat. Everton und Liverpool hielten zusammen in der Bewältigung der Trauer und im Kampf um Gerechtigkeit für die Opfer. Die Boulevard-Zeitung “The Sun”, die kurz nach der Katastrophe unter der Überschrift “The Truth” die Lügen der Polizei von angeblich randalierenden und plündernden Liverpool-Fans verbreitete, wird bis heute von allen "Scousers" boykottiert, wie sich die lokalpatriotischen Einwohner der Stadt an der Irischen See nennen. “Auch Evertonians haben Brüder, Schwestern und Väter in Hillsborough verloren”, sagt Jamie Yates

Zwei Stadien in einem (armen) Regierungsbezirk

Neben dem gemeinsamen Trauma schweißen die Lebensumstände den Anhang von "Reds" (Liverpool) und "Blues" (Everton) zusammen. Das Stadion an der Anfield Road, einst übrigens Evertons Spielstätte, und der Goodison Park liegen nur wenige Fußminuten voneinander entfernt - in einem der ärmsten Regierungsbezirke Englands. Der Kampf gegen die Armut im Schatten des Profifußballs eint beide Lager, zum Beispiel wenn bei den Heimspielen Essenspenden für Bedürftige gesammelt werden.

Die Verbundenheit zwischen den Rivalen hat dem Merseyside-Derby den Spitznamen "friendly derby" eingebracht. Doch ganz so harmonisch geht es zwischen den Vereinen wohl doch nicht zu, auch wenn die Rivalität natürlich weniger scharf ist als die zwischen Celtic und den Rangers in Glasgow oder zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04. “Aus meiner Erfahrung ist das ein Mythos”, schrieb Jamie Carragher schon im Dezember 2017 im “Telegraph” über die vermeintliche Freundschaft. Und er muss es wissen: Als Kind war er glühender Everton-Fan, seine langjährige Karriere als Profi bestritt er für Liverpool

Heysel-Desaster traf auch den FC Everton

Neben Hillsborough gibt es noch eine weitere Stadionkatastrophe, die das Verhältnis der beiden Klubs prägt. Beim Desaster von Heysel beim Europapokal-Finale 1985 gegen Juventus Turin stürmten Liverpool-Hooligans einen gegnerischen Block, 39 Menschen starben, die meisten von ihnen waren Italiener. Zur Strafe wurden englische Vereine aus dem internationalen Wettbewerb ausgeschlossen.

Der Bann traf den FC Everton hart. Die "Toffees" feierten 1985 und 1987 die letzten ihrer bisher neun Meisterschaften, durften aber nicht international starten. Noch heute hält sich im Umfeld des Goodison Parks die Theorie, dass Liverpool den Nachbarn um den Aufstieg zum modernen Spitzenklub gebracht hat.

Schmähungen auf der Tribüne

Die Heysel-Tragödie ist immer wieder Gegenstand eines fragwürdigen Symbolismus von beiden Seiten. Wenn Everton an der Anfield Road gastiert, ist im Gästeblock schon mal eine Juventus-Flagge zu sehen. Auf Liverpools berühmter Kop-Tribüne wurde in der Vergangenheit ein Banner zu Ehren von Steaua Bukarest gezeigt, dem Europapokal-Sieger von 1986. Aus dem Jahr also, das eigentlich Evertons Jahr in Europa hätte werden sollen. “Das friendly derby war nie so freundlich wie viele Menschen glaubten, und die Zukunft wird wohl noch boshafter sein”, schrieb der "Independent" im Januar. Für das Treffen am Sonntag kann aber wohl Entwarnung gegeben werden. Auch in England muss der Fußball bekanntlich erstmal ohne Zuschauer auskommen.

Stand: 19.06.2020, 09:45

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