Ein UEFA-Logo mit EM-Pokal in Sankt Petersburg vor der EM 2021

Fußball | Krieg gegen die Ukraine Russlands EM-Bewerbung stellt UEFA vor Fragen

Stand: 24.03.2022 10:37 Uhr

Russland bewirbt sich während seines Kriegs in der Ukraine für die Austragung der Fußball-Europameisterschaften 2028 und 2032. Damit stellen sich viele Fragen: Warum geht das überhaupt? Wie reagiert die UEFA? Gibt es neue Sanktionen gegen Russlands Fußballverband?

Von Chaled Nahar

Die Kandidatur Russlands erscheint nicht besonders aussichtsreich, die UEFA gerät durch das Manöver aber in Bedrängnis. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Warum konnte sich Russland trotz der Sperre bewerben?

Die FIFA und die UEFA haben russische Nationalteams und Klubs am 28. Februar "bis auf weiteres" von allen Wettbewerben suspendiert. Nicht suspendiert aber wurde der russische Verband. Dieser fehlende Teil der Suspendierung führte nun zu der Möglichkeit für Russland, sich zu bewerben.

In den Regularien für Bewerbungen zur Ausrichtung von Turnieren der UEFA heißt es wörtlich: "Nur UEFA-Mitgliedsverbände, die nicht suspendiert sind, können sich um die Ausrichtung von Endrunden bewerben." Auf Russland trifft das derzeit zu.

Wird die UEFA neue Sanktionen gegen Russland aussprechen?

Die UEFA hält sich zumindest den Versuch offen, mit einer Suspendierung die russische Bewerbung zu verhindern.

Die UEFA verwies auf Anfrage der Sportschau darauf, dass der russische Verband "zu dem Zeitpunkt" der Sperre von Russlands Teams nicht suspendiert worden sei. Das UEFA-Exekutivkomitee sei aber "in Bereitschaft, die Rechts- und Sachlage neu zu bewerten und gegebenenfalls weitere Entscheidungen zu treffen, auch im Lichte der Interessenerklärung des Russischen Verbands für die Ausrichtung der EM".

Kann die UEFA die Bewerbung noch verhindern?

Russland erklärte zwar fristgerecht als ordentliches UEFA-Mitglied sein Interesse. Allerdings wird der tatsächliche Prozess erst am 5. April 2022 mit der offiziellen Bekanntgabe der Bewerbungen gestartet. Die Bewerbungsregularien der UEFA besagen zudem: "Die Beteiligung eines UEFA-Mitgliedsverbands an einem Bewerbungsverfahren endet automatisch mit der Suspendierung des betreffenden Verbands." Das Exekutivkomitee der UEFA kann bei festgestellten Verstößen gegen die Statuten eine Suspendierung aussprechen. Im UEFA-Kongress (11. Mai 2022 in Wien) müsste dann über eine Fortsetzung oder Aufhebung abgestimmt werden.

Die UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon

Die UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon

Ein Rechtsstreit könnte die Folge sein. Gegen die Sperre seiner Teams hatte Russland bereits Rechtsmittel beim Internationalen Gerichtshof CAS eingelegt, war aber bei einem Antrag für eine vorläufige Aussetzung der Sperre für die Dauer des Verfahrens gescheitert.

Unklar ist bislang die Haltung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Eine Anfrage der Sportschau, ob der Verband eine Suspendierung Russlands und eine Verhinderung der Bewerbung befürworte, blieb zunächst unbeantwortet. Der DFB ist Mitglied der UEFA, mit Rainer Koch sitzt ein Vertreter des DFB im UEFA-Exekutivkomitee.

Welches Ziel verfolgt Russland mit der Bewerbung?

Die Bewerbung ist für Russland eine der wenigen Möglichkeiten zu zeigen, dass es regulär am internationalen Geschehen teilnehmen kann. International mag die Bewerbung angesichts der Aggression gegen die Ukraine aussichtslos erscheinen, nach innen demonstriert Russland Stärke und Handlungsfähigkeit auf einer Bühne, die die UEFA mangels Suspendierung lieferte. Russland ist derzeit ein regulärer Kandidat wie Italien, die Türkei, Großbritannien oder Irland.

"Die Situation ist dynamisch. Derzeit gibt es einen negativen Trend, auch wenn er sich in gewisser Hinsicht ändern kann", sagte Russlands Verbandspräsident Alexander Dyukov im britischen "Telegraph" und meinte damit wohl eine Lösung in Verhandlungen zwischen Angreifer und Opfer im Krieg. "Wir wissen, dass unsere Chancen jetzt geringer sind. Aber wenn es welche gibt, sollten wir es versuchen."

Der Profifußball war auch nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 durch Russland mehrfach Gast: Die WM 2018 der FIFA fand dort statt, die UEFA vergab zahlreiche Spiele der pan-europäischen EM 2021 nach Sankt Petersburg und wollte das Finale der Champions League 2022 ursprünglich in der Gazprom Arena in Sankt Petersburg austragen. Die Verbände müssen derzeit also gegen einen langjährigen Partner agieren.

Welche Rolle spielt Russland in der UEFA?

Über Jahre hat Russland seine Macht in der europäischen Fußball-Union ausgeweitet. Der staatlich gelenkte Energiekonzern Gazprom war bis vor Kurzem als Großsponsor ein wichtiger Geldgeber der UEFA. Alle Funktionäre, die in den vergangenen Jahren aus Russland in den Gremien der UEFA und der FIFA agierten, hatten eine Verbindung zu Gazprom oder der russischen Regierung. Aktuell sitzt mit Russlands Verbandschef Alexander Dyukov immer noch ein Gazprom-Manager im Exekutivkomitee der UEFA.

UEFA-Präsident Alexander Ceferin (l.), Russlands Präsident Wladimir Putin (2.v.l.) sowie Gazprom-Funktionär und UEFA-Vorstandsmitglied Alexander Dyukov (r.)

UEFA-Präsident Alexander Ceferin (l.), Russlands Präsident Wladimir Putin (2.v.l.) sowie Gazprom-Funktionär und UEFA-Vorstandsmitglied Alexander Dyukov (r.)

Mit Beginn des russischen Angriffs entzog die UEFA Sankt Petersburg das Finale der Champions League und beendete später das Sponsoring mit Gazprom.

Russland unterstützte den Slowenen Aleksander Ceferin 2016 bei dessen Wahl zum UEFA-Präsidenten, er gewann damals gegen den Niederländer Michael van Praag mit 42:13 Stimmen. Ceferin wurde eine Nähe zu Russland vorgeworfen, was er aber stets zurückwies.