FIFA testet automatische Abseitserkennung

Die Abseitstechnik der FIFA in Benutzung

Nächstes technisches Hilfsmittel

FIFA testet automatische Abseitserkennung

Von Chaled Nahar

Ein weiteres technisches Hilfsmittel für das Schiedsrichterteam soll nach dem Willen der FIFA bis zur WM 2022 zur Verfügung stehen: Die Abseitstechnik soll anzeigen, ob sich ein Spieler im Abseits befindet. Der Nutzen kann groß sein - wenn alles funktioniert.

Verantwortlich für Technik und Innovation bei der FIFA ist Johannes Holzmüller, der aus Friedberg in Bayern stammt. "Die Idee hinter der Abseitstechnik ist, die Überprüfung von solchen Spielsituationen durch den Videoassistenten zu beschleunigen", sagt der 39-Jährige im Gespräch mit der Sportschau.

Video-Assistent legt nicht mehr selbst die Linien an

Johannes Holzmüller, Leiter der FIFA-Abteilung für Fußballtechnologie und -innovation

Johannes Holzmüller, Leiter der FIFA-Abteilung für Fußballtechnologie und -innovation

"Grundsätzlich geht es darum, dass nicht mehr der Video-Assistent bei Abseitsfragen die Linien anlegt, um eine mögliche Abseitsstellung zu ermitteln", sagt Holzmüller. Das Prinzip: Die Abseitstechnik legt die Linien automatisch an und schlägt Alarm, wenn eine Abseitsstellung vorliegt. Das spare Zeit, die Überprüfung von Spielsituationen durch den Video-Assistenten könnte in Sachen Abseits schneller ablaufen, sagt Holzmüller. 

Beim Deutschen Fußball-Bund wird das positiv gesehen. Jochen Drees, Projektleiter Video-Assistent beim DFB, sagt: "Wenn wir eine solche Technik hätten und diese zuverlässig arbeitet, bin ich mir sicher, dass uns das helfen würde."

Ermittlung von Ballabgabe und Position des Spielers

Bei der Entwicklung der Technik gibt es vor allem zwei wichtige Aspekte:

Zum einen soll die Technik den möglichst genauen Zeitpunkt des Abspiels identifizieren, was bislang ein Streitpunkt war. Der Hintergrund: Fernsehbilder liefern pro Sekunde eine bestimmte Anzahl an Einzelbildern, sogenannte Frames. Zwischen zwei Frames liegt eine kurze Zeit, wodurch sich in engen Situationen umstrittene Abseitsstellungen ergeben können. "Eine Ballberührung kann kürzer dauern als die Zeit zwischen zwei Frames", sagt Holzmüller. "Da liegen etliche Millisekunden dazwischen. Wenn man Pech hat, ist der komplette Ballkontakt nicht im Bild. Ziel ist es, dass die Abseitstechnik genauer ist als das Fernsehbild und den exakten Moment der Ballabgabe ermittelt."

Die Abseitstechnik der FIFA in Benutzung

Die Abseitstechnik der FIFA in Benutzung

Die zweite wichtige Ebene: Die Linie muss automatisiert am richtigen Körperteil angelegt werden, um die Position des Spielers korrekt zu bestimmen. Die Fußball-Regelhüter des IFAB hatten zuletzt den oberen Teil des Oberarms beim Handspiel als nicht strafbar festgelegt. Hier muss das System also an der richtigen Stelle die Linie ziehen, um zu erkennen, ob sich die zur Torerzielung erlaubten Körperteile im Abseits befinden. "Und es geht um Dinge wie Fußlängen, die bei den Spielern natürlich unterschiedlich sind." Bislang würden die getesteten Techniken nur eine Art Durchschnittsskelett kennen. "Das müssen die Systeme noch lernen", sagt Holzmüller. 

Die Technik hat Grenzen, etwa bei passivem Abseits

Die Torlinientechnik klärt eine Schwarz-Weiß-Entscheidung: Drin oder nicht? Beim Abseits ist es komplizierter. Zwar ist auch hier erstmal nur die Tatsache zu klären, ob sich ein Spieler im Abseits befindet. Allerdings stellen sich dann mehrere Fragen: War es aktives oder passives Abseits? Kam der Ball möglicherweise vom Gegenspieler? War es ein absichtliches Zuspiel? Galt es einem ganz anderen Spieler? Die Klärung solcher Fragen bleibt einem Menschen überlassen: dem Schiedsrichter.

Er und der Video-Assistent könnten sich dann aber stärker auf diese Fragen konzentrieren und schneller arbeiten, da sie die reine Abseitsstellung nicht mehr klären müssen. Allerdings treffe das System nicht die Entscheidung, sagt Holzmüller. "Es bleibt nur ein Hilfsmittel, das Schiedsrichterteam kann frei entscheiden, und das soll auch immer so bleiben." 

Das IFAB definiert "Schulter" und "Arm" bei Handspielen Sportschau 01.03.2020 00:19 Min. Verfügbar bis 01.03.2021 Das Erste

Welche Probleme auftreten könnten

Wie bei allen technischen Hilfsmitteln hängt der erfolgreiche Einsatz von der Zuverlässigkeit ab. Als der Videobeweis im Champions-League-Finale Afrikas ausfiel, kam es zu Ausschreitungen, einer Spielverweigerung und langen Verhandlungen vor dem Internationalen Sportgerichtshof. In England fiel die Torlinientechnik in einem Spiel aus. Ein klares, aber nicht gegebenes Tor bei Aston Villa gegen Sheffield United zeigte auch, dass mittlerweile ein vielleicht zu blindes Vertrauen in die Technik herrscht. Denn obwohl die Fernsehbilder das klare Tor nachwiesen, galt das Tor nicht. Technik kann manchmal fehlerhaft sein.

Dr. Jochen Drees, Projektleiter Video-Assistent im DFB

Dr. Jochen Drees, Projektleiter Video-Assistent im DFB

Jochen Drees sagt, dass der DFB seine Videoassistenten immer wieder genau daran erinnere. "Wenn die Uhr rappelt und ein Tor anzeigt oder eben bei engen Situationen auch kein Tor signalisiert wird, sagen wir: Schaut hin, ob es wirklich so war", sagt Drees. Machtlos sind bei Fehlern in solchen Fällen die Mannschaften. "Grundsätzlich wird ein Spiel gewertet, auch wenn die VAR-Technologie nicht funktioniert (wie bei der Torlinientechnologie)", heißt es schon jetzt im Protokoll zum Videoassistenten in den offiziellen Spielregeln. Das würde künftig wohl auch für die Abseitstechnik gelten.

Ziel ist die Einführung zur WM in Katar 2022

Doch davor steht die Ausreifung und die Einführung der Technik, noch ist sie nicht einsatzbereit. Die FIFA hat eine Innovationsstrategie bis 2022 veröffentlicht. Seit der WM 2014 nutzt die FIFA die Torlinientechnik, seit der WM 2018 den Video-Assistenten. Nun soll die Abseitstechnik folgen. "Das Ziel ist, zur WM in Katar mit dem System arbeiten zu können", sagt Holzmüller. Die Abseitstechnik sei bereits bei der Klub-WM 2019 einem ersten Test unterzogen worden. Wegen ihrer Erfahrung mit dem Videobeweis werden bei der Entwicklung mehrere Ligen und Verbände, darunter die UEFA, die DFL und der DFB einbezogen. 

Neben der Abseitstechnik sind in der Strategie auch kostengünstigere Videoassistenten für kleinere Ligen und die Verbesserung der Kommunikation mit den Fans vorgesehen.

Stand: 02.07.2020, 18:45

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