Doku-Serie "Katar - WM der Schande" Wie sich Katar 2010 die WM sicherte

Stand: 07.10.2022 14:06 Uhr

2010 erhielt Katar von der FIFA den Zuschlag, die Fußball-WM 2022 auszurichten. Begleitet wird die Vergabe bis heute von Korruptionsvorwürfen. Folge 1 "Die Vergabe" ist ein Rückblick darauf, wie das Turnier in die Wüste kam.

Für Tariq Panja, Journalist der "New York Times", besteht kein Zweifel an korrupten Vorgängen bei der WM-Vergabe. "Ich glaube nicht, dass es die Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees kümmerte, was die Bewerber ihnen sagten", sagt Panja: "Es ging darum, was man bereit war, ihnen zu geben. Die Mitglieder hätten von ihren Müttern angebettelt werden können, es hätte keinen Unterschied gemacht."

Im Sport-inside-Film "Die Vergabe" aus der Doku-Serie "Katar - WM der Schande" sprechen zahlreiche Beobachter und Beteiligte über die Umstände der Vergabe der WM nach Katar.

FIFA-Exekutivkomitee? "Die fühlten sich als Masters of the Universe"

Das FIFA-Exekutivkomitee war 2010 das Gremium in der FIFA, das die WM vergibt. Die WM verspricht dem Ausrichterland Geld, Aufmerksamkeit und eine Chance, das Image aufzupolieren. Für die Doppelvergabe der beiden Turniere 2018 und 2022 im Jahr 2010 zuständig waren 22 Männer aus dem FIFA-Exekutivkomitee, darunter Franz Beckenbauer aus Deutschland.

"Die fühlten sich als Masters of the Universe", sagt Guido Tognoni, früherer Medienchef der FIFA: "Das hat die Mitglieder des Exekutivkomitees, die anfällig waren, natürlich noch in ihrem Treiben bestärkt. Sie konnten darüber befinden. Und was sind denn schon ein paar Millionen in der Tasche im Vergleich zu einer Weltmeisterschaft, die man durchführen kann?"

Zwei FIFA-Mitglieder bieten ihre Stimmen zum Kauf und werden gesperrt

Die Exekutivkomitee-Mitglieder Amos Adamu und Reynald Temarii wurden kurz vor der Abstimmung gesperrt. Sie waren von Reportern der britischen Zeitung "Sunday Times" mit versteckten Kameras gefilmt worden, wie sie ihre Stimmen zum Kauf anboten. Die FIFA sperrte beide und die Abstimmung fand ohne sie statt. Katar gewann im vierten Wahlgang, obwohl es sich laut FIFA-eigenen Prüfberichten von allen Bewerbungen am wenigsten für eine WM-Ausrichtung eignet.

Wahlgänge Abstimmung WM 2022
Land 1 2 3 4
Katar 11 10 11 14
USA 3 6 5 8
Südkorea 4 5 5 -
Japan 3 2 - -
Australien 1 - - -

Das Exekutivkomitee und die Doppelvergabe - "das perfekte Szenario, um Geld zu verdienen"

Viele Beobachter und auch die amerikanische Justiz sind sich einig, dass das Turnier maßgeblich durch Korruption nach Katar kam. "Es war das perfekte Szenario, um Geld zu verdienen", sagt Tariq Panja von der "New York Times": "Zwei Turniere. Länder, die gegeneinander antreten. Einige davon mit unerschöpflichen Geldreserven. Unbegrenzte Ressourcen." Panja spricht auch den Vorabend an. "Es war die Nacht, in der die endgültigen Deals gemacht werden sollten. Im Baur au Lac, dem Fünf-Sterne-Hotel, ging es hoch her. Die eigentlichen Geschäfte spielten sich in den Suiten ab, entweder in diesem Hotel oder in anderen Hotels in der Stadt."

Der deutsche Journalist Jens Weinreich sagt: "Im Grunde war da schon alles entschieden. Ich sage das auch deshalb, weil ich hatte da so ein ganz schräges Erlebnis. Ich war so zehn Tage in Moskau, das muss so im November 2010 gewesen sein. Die haben schon gefeiert. Da floss seit Wochen schon Schampus." Auch Russland bekam überraschend die WM 2018 zugewiesen.

Wahlgänge Abstimmung WM 2018
Land 1 2
Russland 9 13
Spanien/Portugal 7 7
Niederlande/Belgien 4 2
England 2 -

Im Mai 2015 kommt es dann zu zahlreichen Verhaftungen in der Schweiz. Ermittlungen aus den USA stellten erstmals offiziell fest: Die WM in Katar war gekauft. Auch Phaedra Almajid – einst Mitarbeiterin der Presseabteilung des katarischen Bewerbungskomitees berichtet von Millionen-Angeboten an die Mitglieder des Exekutivkomitees. Katar bestreitet bis heute alle Vorwürfe. Bereits vor der Vergabe sagte Mohammed bin Hammam, Mitglied des Exekutivkomitees aus Katar: "Ich widerspreche allem. Aber wenn da etwas ist, dann beschweren Sie sich nicht bei Katar. Schuld ist das System, dass zwei Weltmeisterschaften am gleichen Tag entschieden werden."

Korruptionsvorwürfe gegen südamerikanische FIFA-Vertreter

Ein wichtiger Zeuge der Anklage in den USA ist der Argentinier Alejandro Burzaco, Chef einer Sportmarketingfirma. Er erklärte vor Gericht: Auf der Toilette bei der FIFA hätten der Argentinier Julio Grondona und der Brasilianer Ricardo Teixeira den Paraguayer Nicolas Leoz in die Zange genommen. "Sie haben ihn geschüttelt", sagt Burzaco im Zeugenstand, "geschüttelt und gesagt, was zum Teufel machst du da, bist du derjenige, der nicht für Katar stimmt?" Denn: Alle drei hätten eine Million Dollar vom Emirat erhalten, so seine Schilderung.

"Wurden sie bestochen, um für Katar zu stimmen?", fragt der britische Journalist Nick Harris. "Glaubhaft ist es. Haben wir alle Beweise dafür? Nein. Ich würde gerne glauben, dass wir eines Tages wirklich wissen, was passiert ist. Aber diese Jungs werden älter und sterben. Vielleicht werden wir es nie erfahren." Grondona starb 2014, Leoz 2019. Texeira entzieht sich seit Jahren einer Auslieferung an die US-Behörden, von der FIFA ist er lebenslang gesperrt.

Beim Bau der Stadien und anderer Infrastruktur für die WM wurden massive Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Die FIFA und Katar haben immer wieder Besserung gelobt und auf Reformen verwiesen, doch die werden bis heute kaum umgesetzt.

Katar poliert mit der WM sein Image auf und baut seine Sicherheitspolitik auf Aufmerksamkeit auf. Neben der WM ist auch der FC Bayern München Teil dieser Strategie.

Die FIFA und Katar gehen gemeinsam auf vielen Ebenen gegen Kritik an der WM vor. Besonders in der sogenannten internationalen Fußball-Familie duldet man keine Quertreiber.

FIFA befreit sich selbst von Vorwürfen

Und die FIFA? Auf den öffentlichen Druck hin beauftragt der Weltverband später den ehemaligen US-Bundesanwalt Michael Garcia, die Doppelvergabe der Weltmeisterschaften zu untersuchen – als Teil eines angeblichen Reformprozesses im Weltverband. Nach zwei Jahren ist der Bericht fertig, bleibt aber unter Verschluss. Der damalige Chef der FIFA-Ethikkommission, Hans-Joachim Eckert aus Deutschland, kommt in seiner Auswertung zu der Einschätzung: Es gibt keine hinreichenden Beweise für Korruption bei der Doppelvergabe. Unter Protest gibt Garcia daraufhin seinen Rücktritt bekannt.

Der damalige FIFA-Präsident Sepp Blatter trat nach dem Skandal 2015 zurück. Sein Nachfolger Gianni Infantino hat "das Ende der Krise" in der FIFA ausgerufen. Er spricht von einer "neuen FIFA". Zur WM in Katar sagt er: "Die Welt wird sich hier vereinen in Katar, die Welt wird sich in diesem Teil des Universums vereinen." Sein Wohnort und neuer Lebensmittelpunkt ist seit einiger Zeit Katar.

FIFA-Exekutivkomitee 2010
Mitglied Land
Joseph S. Blatter Schweiz
Julio Grondona Argentinien
Issa Hayatou Kamerun
Chung Mong Joon Südkorea
Jack Warner Trinidad und Tobago
A.M. Villar Llona Spanien
Michel Platini Frankreich
Geoff Thompson England
Franz Beckenbauer Deutschland
Michel D'Hooghe Belgien
Ricardo Teixeira Brasilien
Mohamed Bin Hammam Katar
Senes Erzik Türkei
Chuck Blazer USA
Worawi Makudi Thailand
Nicolas Leoz Paraguay
Junji Ogura Japan
Marios Lefkaritis Zypern
Jacques Anouma Elfenbeinküste
Rafael Salguero Guatemala
Hany Abo Rida Ägypten
Witali Mutko Russland
Reynald Temarii* Tahiti
Amos Adamu* Nigeria

*bei den Abstimmungen zur Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 suspendiert.

Vierteilige Dokuserie im WDR-Hintergrundmagazin "Sport inside"

Tausende tote Gastarbeiter, undurchsichtige Vergabeverfahren, Boykott-Diskussionen: Die Fußball-WM in Katar ist eines der kontroversesten Sportereignisse unserer Zeit. Das WDR-Investigativformat "Sport inside" recherchiert bereits seit 2010 zu den Hintergründen dieser WM. Die vierteilige Doku-Serie "Katar - WM der Schande" und der Podcast "Die WM-Sklaven - Katar und die Geschichte der Gastarbeiter" zeigen die Ergebnisse dieser langjährigen Recherchen. Die Serie ist ab dem 7. Oktober in der ARD Mediathek und der Podcast ab 4. November in der ARD Audiothek verfügbar.