Doku-Serie "Katar - WM der Schande" Katar, die FIFA und die Menschenrechte

Stand: 14.10.2022 10:52 Uhr

Katar steht vor allem wegen des Umgangs mit Gastarbeitern in der Kritik. Beim Bau der Stadien und anderer Infrastruktur für die WM wurden massive Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Die FIFA und Katar haben immer wieder Besserung gelobt und auf Reformen verwiesen, doch die werden bis heute kaum umgesetzt.

Renuka Chaudhary hat ihren Ehemann Tej Tharu verloren. Der Mann aus Nepal starb als Gastarbeiter in Katar bei Arbeiten am Al-Janoub-Stadion. "Der Tod meines Ehemanns hat mir und meiner Tochter unendliches Leid zugefügt", sagt Chaudhary. "Die WM-Verantwortlichen leben doch in ihrer eigenen Welt. Wir sind ihnen doch völlig egal. In Katar kann sich niemand in mich hineinversetzen."

Im Sport-inside-Film "Die Toten" aus der Doku-Serie "Katar - WM der Schande" sprechen Gastarbeiter, Angehörige und Menschenrechtsorganisationen über den Umgang Katars mit den Arbeitsmigranten. "Kein Verantwortlicher hat uns über den Tod von Tej Tharu informiert", kritisiert Tharus Ehefrau.

Renuka Chaudhary, Witwe eines Gastarbeiters in Katar

Renuka Chaudhary, Witwe eines in Katar gestorbenen Gastarbeiters aus Nepal

"Wie behandeln sie meinen Mann? Es interessiert sie einfach nicht"

Das katarische WM-Organisationskomitee behauptet das Gegenteil: Man habe die Angehörigen sofort informiert. Chaudhary erhielt eine Entschädigungszahlung in Höhe von umgerechnet 71.000 Euro. Doch ihr Leben ist seit dem Tod ihres Mannes ein anderes. "Katar ist das reichste Land der Welt. Und wie behandeln sie Arbeiter wie meinen Mann? Es interessiert sie einfach nicht."

Tharu ist im Al-Janoub-Stadion zu Tode gestürzt. Sieben Partien werden hier stattfinden, darunter ein Achtelfinal-Spiel. Drei Kollegen von Tej Tharu sind während ihrer Zeit als Arbeiter im Al-Janoub Stadion ebenfalls verstorben. Doch anders als er, sind sie im Schlaf gestorben. Offiziell an plötzlichem Herztod. Eine Obduktion hat es nie gegeben.

Das Al Janoub Stadion in Katar - hier starb Tej Tharu

Das Al Janoub Stadion in Katar - hier starb Tej Tharu

Insgesamt könnte die Quote der ungeklärten Todesfälle laut Amnesty International bei bis zu 70 Prozent liegen. Totenscheine für Gastarbeiter sollen routinemäßig ohne angemessene Untersuchungen der Todesursachen ausgestellt worden sein. Stattdessen würden die Todesfälle auf "natürliche Ursachen" oder vage definierte "Herzfehler" zurückgeführt.

WM-Stadien 2022
Stadion Kapazität
Lusail Iconic Stadium 86.250
Al-Bayt-Stadion 60.000
Education City Stadium 45.350
Ahmed bin Ali Stadium 44.740
Khalifa International Stadium 40.000
Al-Janoub-Stadion 40.000
Stadium 974 40.000
Al-Thumama-Stadion 40.000

Wie viele Opfer gibt es? Streit um die Zahlen

In Katar gibt es weiterhin eine große Intransparenz im Umgang mit Todeszahlen durch die katarische Regierung. Laut Statistiken aus Katar sind mehr als 15.000 Menschen nicht-katarischer Staatsangehörigkeit seit der WM-Vergabe 2010 gestorben. Wie viele Opfer davon im Zusammenhang mit WM-Projekten stehen, wird nicht veröffentlicht. Laut FIFA sind lediglich drei Arbeiter explizit aufgrund von Arbeitsunfällen beim Stadionbau gestorben.

Insgesamt gibt es acht Stadien bei der WM, sechs davon wurden komplett neu gebaut, zwei renoviert oder umgebaut. Die Zahl der Stadien war zunächst mit zwölf noch größer geplant, wurde aber später auf acht reduziert.

Human Rights Watch: "FIFA wollte Warnungen nicht hören"

Minky Worden, die bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Arbeit zu Sport und Menschenrechten beaufsichtigt, kritisiert die FIFA. "Zu Anfang hat die FIFA unsere Versuche der Kontaktaufnahme einfach nicht beantwortet. Es gab niemanden bei der FIFA, an den wir uns wenden konnten", sagt Worden. "Die FIFA war völlig desinteressiert und lehnte jede Verantwortung für Menschenrechte ab."

Minky Worden, verantwortlich bei Human Rights Watch für Sport und Menschenrechte

Die FIFA unter Präsident Gianni Infantino und Katar verweisen immer wieder auf Verbesserungen und Reformen. Dabei ist von einem Mindestlohn, der Möglichkeit zum Wechsel des Arbeitgebers, oder einer Abschaffung des Kafala-Systems die Rede. Im Kafala-System kann der Arbeitgeber extrem starke Kontrolle auf die Gastarbeiter ausüben. Menschenrechtsorganisationen kritisieren jedoch immer wieder, dass diese Reformen teilweise nur auf dem Papier existieren und in der Praxis kaum oder gar nicht umgesetzt werden.

"Jedes Jahr hat die katarische Regierung versprochen, das Kafala-System abzuschaffen, und jedes Jahr mussten wir sie daran erinnern, dass es immer noch existiert", sagt Worden. "Katar kann sich nicht immer wieder die Aufhebung eines Missbrauchssystems anrechnen lassen, wenn es eigentlich weiterhin existiert. All diese Praktiken hielten und halten an, lange nachdem sich das Arbeitsministerium verpflichtet hatte, das Kafala-System abzuschaffen."

2010 erhielt Katar von der FIFA den Zuschlag, die Fußball-WM 2022 auszurichten. Begleitet wird die Vergabe bis heute von Korruptionsvorwürfen. Folge 1 "Die Vergabe" ist ein Rückblick darauf, wie das Turnier in die Wüste kam.

Katar poliert mit der WM sein Image auf und baut seine Sicherheitspolitik auf Aufmerksamkeit auf. Neben der WM ist auch der FC Bayern München Teil dieser Strategie.

Die FIFA und Katar gehen gemeinsam auf vielen Ebenen gegen Kritik an der WM vor. Besonders in der sogenannten internationalen Fußball-Familie duldet man keine Quertreiber.

Zweifel an der Rolle der internationalen Arbeitsorganisation

Im Zuge der Vorbereitungen auf die WM gab es Berichte über weitere Verstöße. Zahlreiche Gastarbeiter berichteten dem WDR 2019, dass ihnen bis zu acht Monate lang kein Lohn ausgezahlt wurde. Die FIFA musste anschließend zugeben, dass auch auf WM-Baustellen gegen internationale Arbeitsstandards verstoßen wurde. Das katarische WM-Organisationskomitee behauptet indes immer wieder, es habe "unermüdlich gearbeitet, um die Gesundheit, Sicherheit und Würde aller Arbeiter zu schützen".

Große Hoffnungen wurden in die ILO gesetzt. Die internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf soll eigentlich Arbeiter weltweit vor Ausbeutung schützen. Seit 2018 existiert eine Zusammenarbeit mit Katar, 25 Millionen US-Dollar fließen pro Jahr. "Mit dem Einstieg der ILO wurde plötzlich das ganze Gerede über Kafala-Reformen ernst genommen", sagt Nicholas McGeehan von der Menschenrechtsorganisation FairSquare. "Doch dann wurde deutlich, dass die ILO Reformen nicht zur Bedingung für eine Zusammenarbeit einforderte." Es gibt Vorwürfe, dass Katar Einfluss auf Personalentscheidungen bei der ILO nehmen konnte.

Die ILO wurde jedoch von der FIFA und von Katar als Kronzeuge herangezogen, wenn es darum ging, auf Verbesserungen und Reformen hinzuweisen. "Katar hat das Kafala-System abgeschafft. Das ist ein Meilenstein. Das ist ein Game Changer. Und das sage nicht ich. Das sagt die ILO", verkündete FIFA-Präsident Infantino beim FIFA-Kongress 2020.

Vierteilige Dokuserie im WDR-Hintergrundmagazin "Sport inside"

Tausende tote Gastarbeiter, undurchsichtige Vergabeverfahren, Boykott-Diskussionen: Die Fußball-WM in Katar ist eines der kontroversesten Sportereignisse unserer Zeit. Das WDR-Investigativformat "Sport inside" recherchiert bereits seit 2010 zu den Hintergründen dieser WM. Die vierteilige Doku-Serie "Katar - WM der Schande" und der Podcast "Die WM-Sklaven - Katar und die Geschichte der Gastarbeiter" zeigen die Ergebnisse dieser langjährigen Recherchen. Die Serie ist seit dem 7. Oktober in der ARD Mediathek und der Podcast ab 4. November in der ARD Audiothek verfügbar.