Champions League - wie Ilkay Gündogan zum Torjäger wurde

Ilkay Gündogan jubelt über sein Tor im Spiel gegen Tottenham

Bei Gladbachs Champions-League-Gegner

Champions League - wie Ilkay Gündogan zum Torjäger wurde

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Pep Guardiola hat Manchester City neu erfunden. Ohne echten Mittelstürmer – dafür mit Ilkay Gündogan, der sein Gespür für die richtigen Räume zur Geltung bringt. 

Ilkay Gündogan stand an der Strafraum-Kante, auf halblinker Position, und beobachtete, was sein Kollege Raheem Sterling links vor ihm machte. Als dieser mit dem Ball am Fuß Tempo aufnahm und in die Mitte zog, setzte sich auch Gündogan in Bewegung.

Mit ein paar schnellen Schritten stieß er in den freien Raum in der Abwehr von Tottenham Hotspur, nahm den Kurzpass von Sterling im Laufen auf und schob, bedrängt von zwei Gegenspielern, den Ball aus kurzer Distanz ins Netz. "He has done it again", rief Martin Tyler, Reporter-Ikone von "Sky Sports". Gündogan hatte es schon wieder getan – er hatte schon wieder getroffen.

Gündogan ist Citys bester Torschütze

Elf Tore hat der deutsche Nationalspieler in dieser Saison in der Premier League für Manchester City schon geschossen. Damit ist er bester Schütze des englischen Tabellenführers und liegt in der ligaweiten Wertung vor Spielern wie Marcus Rashford vom Stadtrivalen United oder seinem ehemaligen Dortmunder Kollegen Pierre-Emerick Aubameyang vom FC Arsenal.

Alleine neun Treffer gelangen Gündogan seit dem Jahreswechsel, und sein Tor zum zwischenzeitlichen 2:0 gegen Tottenham Hotspur vor anderthalb Wochen zeigt perfekt, was ihn so gefährlich macht im Moment. 

Gündogans neuer Offensivdrang

Gündogan spielt weiter vorne als gewohnt, hat ein gutes Gespür für Lücken in der gegnerischen Defensive und zieht immer wieder in den Strafraum, wenn Manchester Citys Außenspieler den Ball haben – neben Sterling sind das Riyad Mahrez, Bernardo Silva oder Phil Foden.

Übrigens erzielte Gündogan gegen Tottenham auch noch den 3:0-Endstand. Nach einem langen Pass von Torwart Ederson ließ er Verteidiger Davinson Sánchez zu Boden gehen wie einen Anfänger und überwand den französischen Weltmeister-Torwart Hugo Lloris aus wenigen Metern. Es war der zweite Doppelpack für Gündogan innerhalb einer Woche, nachdem er schon beim 4:1 beim entthronten Meister FC Liverpool doppelt getroffen hatte.

Der City-Höhenflug in der Premier League

Manchester City ist in der Premier League das Maß der Dinge, fuhr am Sonntag beim 1:0 beim FC Arsenal durch ein frühes Sterling-Tor den 18. Sieg nacheinander in allen Wettbewerben ein und hat schon zehn Punkte Vorsprung auf die, nun ja, Verfolger Manchester United und Leicester City. Auch in der Champions League, wo es am Mittwoch (24.02.2021) im Achtelfinal-Hinspiel in Budapest gegen Borussia Mönchengladbach geht, muss die Mannschaft von Trainer Pep Guardiola zu den Favoriten gezählt werden.

Gündogan, 30, ist ein Schlüsselspieler im himmelblauen Uhrwerk. Nach überstandener Corona-Erkrankung im Herbst befindet er sich in der Form seines Lebens und trägt entscheidend dazu bei, dass sich der Ausfall von Manchester Citys eigentlichem Torjäger Sergio Agüero nicht bemerkbar macht. 

Sergio Agüero mit Verletzungspech

Der alternde Argentinier ist in dieser Saison kein Faktor, wegen verschiedener Verletzungen und einer Infektion mit dem Corona-Virus zuletzt. In diesem Jahr spielte er erst vier Minuten, Anfang Januar, bei einem 3:1 beim damals noch von Frank Lampard trainierten FC Chelsea.

Agüeros Vertreter Gabriel Jesus ist kein gleichwertiger Ersatz. Deshalb begegnet Guardiola der Lücke vor dem gegnerischen Tor mit ständiger Rotation seiner Dreier-Reihe im Angriff, unterstützt von den beiden offensiveren Mittelfeldspielern. Einer davon ist Gündogan. 

Vom Achter zur falschen Neun

Er kommt, zumindest auf dem Papier, auf der Achter-Position zum Einsatz und stößt oft wie ein gelernter Torjäger in die Angriffsmitte. Als Guardiola vor einer Weile das Gedankenexperiment in den Raum stellte, Gündogan im Sturm aufzubieten, reagierte die englische Fachwelt noch verblüfft, doch mittlerweile sieht sich der Trainer bestätigt: "Ich habe schon oft gesagt, dass er als Stürmer spielen kann. Die Leute haben gelacht. Doch er hat ein gutes Gespür vor dem Tor."

Für die gegnerischen Verteidiger ist Gündogan wegen der vielen Positionswechsel in Manchester Citys Angriff schwer zu greifen. Sie wissen nie, auf wen sie sich gerade konzentrieren sollen. 

Erfolg auch dank Millionen aus Abu Dhabi

Natürlich wäre der Aufschwung bei Manchester City unmöglich, wenn nicht Scheich Mansour aus Abu Dhabi weiter enorme Summen in sein himmelblaues Prestige-Projekt pumpen würde. In dieser Spielzeit zum Beispiel war die Verpflichtung des neuen Abwehrchefs Rúben Dias für fast 70 Millionen Euro von Benfica aus Lissabon entscheidend dafür, dass sich das Team nach schwachem Saisonstart beeindruckend stabilisiert hat.

Doch auch Guardiola hat großen Anteil daran, dass der Klub auf die dritte Meisterschaft unter seiner Führung nach 2018 und 2019 zusteuert. Er hat Manchester City neu erfunden, mit einer wasserdichten Abwehr, dem spielmachenden Außenverteidiger João Cancelo – und Gündogan als verkapptem Stürmer. 

Schwere Aufgabe für Gladbachs Abwehr

Dieser denkt selbst übrigens nur wenig über die Ursachen seiner neuen Treffsicherheit nach. "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was den Unterschied macht. Vielleicht ist mein Hunger größer, in die richtigen Räume zu kommen. Außerdem spiele ich jetzt eine offensivere Rolle", sagt Gündogan. Die Defensive von Borussia Mönchengladbach ist also gewarnt. Allerdings hat das den Abwehrreihen in der Premier League zuletzt auch nichts genützt.

Stand: 23.02.2021, 12:56

Darstellung: