Gladbachs wertvollste Niederlage der Klub-Geschichte und die Folgen

Die Spieler von Borussia Mönchengladbach freuen sich über das Weiterkommen in der Champions League

Gladbachs wertvollste Niederlage der Klub-Geschichte und die Folgen

Von Sebastian Hochrainer

Nach dem glücklichen Einzug ins Achtelfinale darf sich Borussia Mönchengladbach nicht nur über die weitere Teilnahme an der Champions League freuen, sondern auch über einen wichtigen Geldregen. Doch das ist längst nicht alles.

Über 90 Minuten lang gab es für Borussia Mönchengladbach am Mittwochabend (09.12.2020) gar nichts zu lachen. Die Mannschaft von Marco Rose war am letzten Spieltag der Gruppenphase in der Champions League chancenlos bei Real Madrid, das Ergebnis von 0:2 war noch äußerst schmeichelhaft für den Bundesligisten. Doch um 22.55 Uhr gab es dann doch den großen Jubelsturm der Gladbacher.

Auf einem kleinen Bildschirm hatten die Spieler zuvor die letzten Minuten des Parallelspiels zwischen Inter Mailand und Schachtjor Donezk verfolgt. Gladbach hätte ein Punkt in Madrid gereicht, bei einer Niederlage hätte diese andere Partie Unentschieden enden müssen. Und das tat sie. Inter und Donezk trennten sich torlos - und besiegelten die wertvollste Niederlage in der Klub-Geschichte der Borussen.

"Der Abend war lange sehr zäh für mich und uns, wir haben viel Lehrgeld gezahlt. Wir haben sehr verdient verloren", sagte Trainer Marco Rose nach der Partie. "Aber die Freude danach war umso größer und die andere Wahrheit ist, dass wir verdient weitergekommen sind. Ich bin unheimlich stolz auf die Mannschaft und freue mich sehr für den Verein und unsere Fans, dass wir als Borussia Mönchengladbach sowas geschafft haben." Etwas mit großen Folgen für Gladbach.

Rose: "Jeder hat gehört, dass es für uns großen Grund zur Freude gab" Sportschau 10.12.2020 Verfügbar bis 10.12.2021 Das Erste

Hilfe gegen Corona

Stephan Schippers, Geschäftsführer und Finanzverantwortlicher der Gladbacher, hat vor knapp einen Monat einen Zwischenstand über die Höhe des durch Corona verursachten Minus' mitgeteilt. "Wir liegen aktuell für das Geschäftsjahr 2020 bei einem Verlust von rund 37 Millionen Euro", sagte der 53-Jährige. "Alle bei Borussia arbeiten hart daran, dieses Ergebnis so erträglich wie möglich zu gestalten, aber es dürfte jedem klar sein, dass dies für uns keine einfache Situation ist."

Gladbach: Alle starren auf den Bildschirm

Sportschau 09.12.2020 01:51 Min. Verfügbar bis 09.12.2021 ARD


Dass sie für den Klub dennoch gut zu stemmen ist und die Verantwortlichen um Schippers und Sportdirektor Max Eberl versprechen können, dass die Verluste nicht existenzbedrohend seien und Gladbach "mit einem oder zwei blauen Augen heraus (kommt), aber wir kommen heraus", liegt vor allem an der Teilnahme an der Champions League. Die englische Zeitung "The Times" berichtete zwar, dass die Einnahmen aufgrund der Corona-Pandemie sinken könnten, doch nach bisherigen Angaben waren den Borussen schon vor dem Start 23 Millionen Euro sicher - 15,25 Millionen Euro Startprämie und 7,756 Millionen Euro aufgrund der Koeffiziententabelle, in der Gladbach auf Platz 26 von 32 rangierte.

Champions League: Highlight-Collage der Spiele in München und Madrid

Sportschau 09.12.2020 01:31 Min. Verfügbar bis 09.12.2021 ARD


Die Erfolge in der Gruppenphase ließen die Gladbacher Kasse weiter klingeln. Jeweils 2,7 Millionen Euro gab es für die beiden Siege gegen Schachtjor Donezk (6:0 und 4:0), die Unentschieden in den Hinspielen bei Inter Mailand und gegen Real Madrid (beide 2:2) brachten 900.000 Euro ein. In beiden Spielen kassierte Gladbach erst in den Schlussminuten den Ausgleich und verlor so nicht nur wichtige Punkte, sondern auch summiert 3,6 Millionen Euro.

Trotz Niederlage 9,5 Millionen Euro gewonnen

Eine Punktprämie gab es in Madrid nicht, aber die Niederlage brachte den Borussen dennoch 9,5 Millionen Euro ein. Diesen Betrag erhält jedes Team, das sich für das Achtelfinale (wird am 14. Dezember ausgelost) qualifiziert. Insgesamt hat die Champions League Gladbach also bereits fast 40 Millionen Euro beschert. Hinzukommen auch noch die Einnahmen aus dem TV-Pool, deren Höhe noch unbekannt ist. Doch der Wert des Weiterkommens der Gladbacher geht noch weit darüber hinaus.

Kein zweites Europa-Drama

Denn schon in der vergangenen Saison waren die Borussen bereits mit einem Bein in der nächsten Runde, brauchten im letzten Spiel der Europa-League-Gruppenphase nur noch einen Punkt im Heimspiel gegen Basaksehir FK. Kurz vor dem Abpfiff kassierte Gladbach vor etwa einem Jahr jedoch den Treffer zum 1:2 und schied aus dem Wettbewerb aus. Ein erneutes Drama aus Sicht der Borussen blieb diesmal aus, stattdessen gab es ein Happy End.

Gehaltseinbußen bleiben so wohl kein Thema

Damit haben sich die Spieler nicht nur die Teilnahme an der nächsten Runde gesichert, sondern in gewisser Hinsicht ihr eigenes Gehalt. Während viele Bundesligisten bereits erneut über Gehaltskürzungen sprechen, sind diese in Gladbach, das im März als erstes Team überhaupt im Fußball teilweise auf Geld verzichtete, aktuell kein Thema. Und das dürfte sich mit den Extra-Millionen des Achtelfinales auch nicht ändern.

In Zeiten der Corona-Pandemie hat der finanzielle Aspekt noch weiter an Bedeutung zugenommen. Doch die Gewinne fernab des direkten Geldflusses sind für den Verein mindestens genauso viel wert. Nachdem Gladbach bei den ersten beiden Champions-League-Teilnahmen in den Saisons 2015/16 und 2016/17 chancenlos ausgeschieden war, sorgte das Team von Marco Rose diesmal für Furore. Mit 16 Treffern erzielte Borussia die zweitmeisten Treffer (nur Bayern München, 18, traf häufiger) im Wettbewerb - und das gegen die europäischen Schwergewichte Real Madrid, Inter Mailand und Schachtjor Donezk.

Gladbach gewinnt an Reputation

Was Gladbach in der vergangenen Saison auf nationalem Terrain geschafft hat, ist dem Klub nun auch international gelungen. Der Verein wird wieder wahrgenommen als ernsthafter Kontrahent. Vor dem Hinspiel gegen Real sagte Eberl in einem Interview, er bezweifle, dass die Stars der "Königlichen" alle Gladbacher Spieler kennen würden. Der Bekanntheitsgrad der Borussen dürfte sich nun deutlich erhöht haben.

Auswirkungen auf den Transfermarkt

Das wird sich auch auf dem Transfermarkt bemerkbar machen. Unter anderem für Florian Neuhaus, Marcus Thuram und Alassane Plea war es die Premiere in der Champions League, alle drei bewiesen ihre internationale Klasse.

Neuhaus war der Mittelfeld-Chef der Borussen, vielen bleibt sein flacher 40-Meter-Traumpass auf Jonas Hofmann zur Führung in Mailand in Erinnerung. Thuram traf im Hinspiel doppelt gegen Madrid, Plea machte insgesamt fünf Tore und ist mit neun Torbeteiligungen Top-Scorer des Wettbewerbs. Und das auf der größten Bühne im Vereinsfußball. Mit ihren Leistungen haben sie Begehrlichkeiten geweckt, die Gerüchte, wegen denen sich Eberl zuletzt schon genervt zeigte, werden weiter zunehmen.

Wichtiges Geld für "interne Transfers"

Ohnehin wird die Lage in Mönchengladbach in den nächsten Monaten bestimmt sein von Vertrags- und Transferthemen. Acht Verträge laufen nach dieser Saison aus, darunter der von Kapitän Lars Stindl. Die Deals der beiden Leihspieler Hannes Wolf und Valentino Lazaro beinhalten Kaufoptionen, bei Wolf ist diese sogar bindend. Wenn er 15-mal über Kurzeinsätze hinausgekommen ist, muss Gladbach zehn Millionen Euro an RB Leipzig überweisen.

Dazu hat Eberl angekündigt, die Verträge von drei Top-Spielern verlängern zu wollen. Matthias Ginter, Nico Elvedi und Denis Zakaria sind noch bis 2022 an den Verein gebunden. Laut Gladbachs Sportdirektor sollen sie neue Arbeitspapiere unterschreiben, gelingt das nicht, wird der betroffene beziehungsweise werden die betroffenen Spieler verkauft. Jede einzelne dieser möglichen Verlängerungen von Akteuren, die sich in Gladbach zu Top-Spielern entwickelt haben, wäre aufgrund von Gehaltserhöhungen und Einmalzahlungen sehr kostspielig.

Eberl bezeichnet solche Deals als "interne Transfers". Dank des Einzugs ins Achtelfinale sind seine Möglichkeiten bei diesen Vorhaben noch größer geworden. Dass sich das positiv auf den Kader der Borussen auswirken wird, ist eine der vielen guten Folgen der wertvollsten Niederlage der Gladbacher Klub-Geschichte.

Stand: 10.12.2020, 08:31

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