"Leipzig, ihr Zigeuner" - Antiziganismus im Fußball

Anhänger von RB Leipzig halten ein Spruchbanner in die Luft

Interview mit Pavel Brunßen

"Leipzig, ihr Zigeuner" - Antiziganismus im Fußball

Von Christian Steigels

Antiziganismus ist noch immer eine weit verbreitete Diskriminierungsform - auch und gerade im Fußball und im Stadion, wie der Wissenschaftler Pavel Brunßen im Interview anlässlich des Welt-Roma-Tages am Sonntag (08.04.2018) erklärt.

sportschau.de: Herr Brunßen, wie äußert sich Antiziganismus, die Diskriminierung von Menschen mit Sinti- oder Roma-Hintergrund, im Sport?

Pavel Brunßen: Vor allem in Form von Fangesängen im Stadion. Zwei aktuelle Beispiele: Im April 2017 beim Spiel Babelsberg gegen Cottbus sangen Gästefans den Gesang "Zecken, Zigeuner und Juden" in Richtung der Babelsberger Fans. Beim Derby zwischen Lokomotive und Chemie Leipzig sangen Fans von Lok "Türken, Zigeuner und Juden – Ultras Chemie". Der Gesang war auch in der Fernsehübertragung deutlich zu hören.

Ist das vor allem ein Phänomen in Ostdeutschland?

Brunßen: Nein, nicht nur. Auch im Vorfeld der Partie 1860 München gegen Augsburg zum Beispiel wurde im vergangenen Jahr das Wort "Zigeuner" von 1860-Fans auf einen Zugwaggon gesprüht.

Ein weiterer Fall außerhalb des Stadions ereignete sich bei der Aufstiegsfeier von Darmstadt 98 vor rund drei Jahren.

Brunßen: Bei der Feier zelebrierte die Mannschaft selbst den Gesang "Schuster, du Zigeuner" auf der Bühne, mit lustigen Partyhüten, Konfetti und großen Biergläsern. In der Woche zuvor hatte Darmstadt auswärts in Karlsruhe gespielt. Einige KSC-Fans haben dort den Gesang in Richtung ihres langjährigen Spielers gesungen, das hat die Mannschaft aufgegriffen. Man konnte das Video noch bis vor kurzem auf der Internetseite eines lokalen Radiosenders unverändert anschauen.

Antiziganismus bei der Aufstiegsfeier von Darmstadt 98

Sportschau | 28.03.2018 | 00:59 Min.

Während der Veranstaltung gab es keine Proteste?

Brunßen: Bei der Feier hat sich niemand von den tausenden Anwesenden beschwert, und es gab auch danach keine öffentliche Skandalisierung des Vorfalls. Man muss sich nur mal andere rassistische, oder bestimmte offen antisemitische Begriffe vorstellen, da wäre das anders gewesen. Antiziganismus kann in der Regel sehr offen geäußert werden und wird nicht sanktioniert. Es gibt kaum Sensibilisierung. Erst als der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma sich mit einem offenen Brief an den Verein wandte, folgte eine Entschuldigung – und die nicht einmal öffentlich.

Das heißt, Rassismus und auch zunehmend Homophobie werden mittlerweile auch im Fußball geächtet, Antiziganismus nicht. Wie kommt das?

Brunßen: Zunächst: Auch Rassismus, Homophobie oder Antisemitismus werden nur teilweise geächtet. Doch gerade Antiziganismus ist gesellschaftlich in Deutschland ein besonders kontinuierliches Phänomen. Auch nach den Verfolgungen im Nationalsozialismus. So genannte "Landfahrerkarteien" über vermeintliche "Zigeuner" sind noch bis 1970 von der bayerischen Kriminalpolizei weitergeführt worden. Es gibt Untersuchungen darüber, dass bei der Polizei noch heute Begriffe wie "fahrendes Volk" benutzt werden. Und es gab ja auch lange Zeit keine Anerkennung für die Verfolgung in der NS-Zeit. Erst ein Hungerstreik 1980 von Sinti im ehemaligen Konzentrationslager Dachau führte zu einer offiziellen Anerkennung dieses Massenmordes durch die Bundesrepublik.

Dementsprechend fällt auch die Beschäftigung im Fußball mit dem Thema aus.

Antiziganismus im Fußball

Cottbusser Fans in Babelsberg im April 2017

Brunßen: Als ich vor drei, vier Jahren begonnen habe, mich damit zu beschäftigen, gab es vielleicht fünf oder sechs Texte auf Deutsch zu dem Thema. Interessant ist da auch noch mal das Spiel Babelsberg gegen Cottbus und die Gesänge gegen "Zecken, Zigeuner und Juden". In der medialen Berichterstattung darüber ist die Rede von Rassismus und Antisemitismus – auch hier wird der Antiziganismus nicht explizit benannt.

Der Weg von verbaler Diskriminierung zu tätlicher Gewalt ist nicht weit – als Beispiel dient die Brigade Halle, die 2014 gegen die örtliche Roma-Minderheit vorging.

Brunßen: In Halle zeigt sich, dass ein Fußballverein ein gesellschaftlich relevanter Ort ist. Die Brigade Halle organisierte sich aus dem Stadion heraus und organisierte eine rechte Bürgerwehr, die Kinder und Jugendliche auf ihrem Schulweg begleitete, vermeintlich als Schutz gegen Sinti und Roma. Auch in Duisburg waren Bewohner eines mehrheitlich von Roma bewohnten Hauses massiv von rechter Gewalt bedroht, da waren auch lokale Hooligans beteiligt.

Gibt es auch positive Beispiele von Fanengagement?

Brunßen: In der Saison 2010/2011 gab es auf St. Pauli ein großes Spruchband zum Bleiberecht von Roma, und 2017 gab es ein Spruchband von RB-Leipzig-Fans zum Welt-Roma-Tag, auf dem "Antiziganismus ist kein Fangesang" stand. Das haben die gegnerischen Fans von Bayer Leverkusen mit dem Gesang "Leipzig, ihr Zigeuner" beantwortet.

Fans engagieren sich gegen Antiziganismus

Sportschau | 28.03.2018 | 00:34 Min.

Wenn wir mal die Fans beiseite lassen - kaum jemand kennt Sinti- oder Roma-Sportler. Woran liegt das?

Brunßen: Die meisten Roma-Sportler machen ihre Zugehörigkeit zur Minderheit nicht öffentlich, aus Angst, dass es ihrer Karriere schadet. Da gibt es genug warnende Beispiele: Oswald Marschall war in den 1970ern einer der vielversprechendsten deutschen Boxer. Er durfte nicht zu den Olympischen Spielen.

Gibt es auch Beispiele im Fußball?

Brunßen: Der ehemalige ungarische Fußball-Nationalspieler István Pisont, der unter anderem bei Eintracht Frankfurt spielte, wurde massiv als "Zigeuner" beschimpft. Oder der ehemalige HSV-Profi Walter Laubinger, der sich wiederholt stereotypen Zuschreibungen ausgesetzt sah. Es ist kein Wunder, dass sich auch im deutschen Profifußball niemand dazu bekennt. Es gibt Spieler, die ihre Zugehörigkeit zur Minderheit  aus Angst diskriminiert zu werden in der nächsten Zeit sicher nicht öffentlich machen.

Es gibt aber auch erfolgreiche Sportler mit Roma-Hintergrund, im Fußball zum Beispiel Jesus Navas oder Ricardo Quaresma. Gäbe es nicht die Möglichkeit, dass solche Sportler sich des Themas annehmen?

Brunßen: Natürlich haben erfolgreiche Sportler die Möglichkeit, sich zu positionieren. Das ist gerade innerhalb der Minderheit wichtig, um eben auch erfolgreiche Geschichten zu erzählen. Ich glaube aber nicht, dass man so letztlich Antiziganismus vorbeugen kann. Da muss man vor allem auf die Täter schauen.

Zur Person: Pavel Brunßen ist 30 Jahre alt und schreibt seine Masterarbeit an der TU Berlin zum Thema "Antisemitismus im Fußball". Von 2012 bis 2017 war er Mit-Herausgeber des Transparent Magazins.

Stand: 03.04.2018, 17:34

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