"Geisterspiele" - das Dilemma der organisierten Fans

Borussia Dortmund spielt vor einer leeren Südtribüne

Coronavirus-Pandemie

"Geisterspiele" - das Dilemma der organisierten Fans

Von Chaled Nahar

Eine Fortsetzung der Bundesliga in leeren Stadien stößt in den organisierten Fanszenen auf Ablehnung. Nicht als Protest gegen den Ausschluss von Fans - sondern weil die Ausrichtung der Spiele allein vom Geld getrieben ist. Doch auch die Fans stehen vor einem Dilemma.

Seit Mitte März ruht der Spielbetrieb in der Bundesliga und der 2. Bundesliga wegen der Coronavirus-Pandemie. In dieser Zeitspanne von sechs Wochen sind die wirtschaftlichen Nachrichten zum Profifußball dramatisch geworden: Die Rede ist von der Verpfändung noch nicht erhaltener Zahlungen, von ersten möglichen Insolvenzen unter den Klubs und von Bitten an die Fans, auf die Rückerstattung von gekauften Eintrittskarten zu verzichten.

Der Fortbestand der Bundesliga und der 2. Bundesliga soll zumindest in Teilen von den verbleibenden neun Spieltagen der Saison 2019/20 abhängen. Das finden viele Fans absurd.

Geisterspiele als "Ausdruck einer völlig falschen Entwicklung"

Fanorganisationen wie "Fanszenen Deutschlands", "Unsere Kurve" oder "Pro Fans" haben sich klar positioniert. Sogenannte "Geisterspiele" sind für sie deshalb ein Problem, weil ihre Durchführung allein des Geldes wegen durchgesetzt werden soll. "Dass diese Diskussion überhaupt geführt wird, ist ein Ausdruck der völlig falschen Entwicklung im Fußball, die seit langem von aktiven Fans kritisiert wird", schreiben die "Fanszenen Deutschlands" in ihrer Stellungnahme.

"Fanszenen Deutschlands" und "Pro Fans" stehen Ultragruppen nah, "Unsere Kurve" eher Fanclub-Verbänden. Die drei Organisationen sprechen nicht für die Fans insgesamt, bilden aber ein breites Bild der organisierten Fans in Deutschland ab - und die Schnittmenge ihrer Argumente ist groß.

Der Politikwissenschaftler Jonas Gabler forscht seit Jahren zu Fanthemen. "Die organisierten Fans wünschen sich ein Innehalten", sagt er im Gespräch mit sportschau.de: "Der Fußball soll sich ihrer Ansicht nach durch die Krise gesund schrumpfen." Den Menschen werde in der Coronakrise vor Augen geführt, dass der Profifußball in erster Linie ein Unterhaltungsprodukt sei, das finanziell schnell an seine Grenzen gerate, sagt Gabler: "Und darüber machen sich die Fans Sorgen."

Das Geld als Krankheit

Die Organisation "Unsere Kurve" schreibt über ihre Erklärung: "Wir wollen die Krankheit bekämpfen, nicht die Symptome." Die "Krankheit", das ist für die Organisation vor allem die Macht des Geldes im Fußball: Finanzielle Ungleichheit, Verkauf von Anteilen an Investoren, überzogene Gehälter oder die Maximierung von Einnahmen ohne die ausreichende Bildung von Rücklagen.

Der "Club Nr. 12", die Vereinigung der aktiven Fans von Bayern München, verweist in einer Stellungnahme auf das Ausland. Bei der AS Rom haben die Spieler angekündigt, vier Monate lang komplett auf ihr Gehalt zu verzichten, beim FC Barcelona wird von 70 Prozent weniger Einkommen gesprochen.

Die in Deutschland "allenfalls zur Symbolik taugenden Gehaltsverzichte" würden in krassem Widerspruch zur "angeblich bevorstehenden Masseninsolvenz" stehen, schreibt der "Club Nr. 12". Einige Fans der Bayern zeigten mit Transparenten in der Stadt, was sie vom Vorgehen ihres Klubs und des Profifußballs halten. "Schluss mit der Diktatur des Geldes", war dort zu lesen.

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Der Profifußball im Dilemma

Die sogenannten "Geisterspiele" sind ein Dilemma für den Profifußball. "Die DFL muss wirtschaftliche Interessen bedienen. Die Klubs wollen aber auch den Eindruck am Leben erhalten, dass es beim Profifußball um ein schützenswertes Kulturgut geht", sagt Fanforscher Gabler, der zugibt: "In der Haut von Christian Seifert möchte ich auch nicht stecken."

In einem Interview mit dem ZDF räumte DFL-Geschäftsführer Seifert unumwunden ein, worum es geht. "Das ist eine rein von der wirtschaftlichen Überlegung getriebene Entscheidung", sagte er mit Blick auf die Spiele unter Zuschauerausschluss, die die DFL zur Sicherung der letzten Rate des Fernsehgeldes austragen will. Und genau das ist der Kritikpunkt vieler aktiver Fanszenen.

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"Die Frage, weshalb es trotz aller Millionen keinerlei Nachhaltigkeit im Profifußball zu geben scheint, wie die Strukturen und Vereine in Zukunft robuster und krisensicherer gemacht werden können, wurde zumindest öffentlich noch von keinem Funktionär gestellt", schreiben die "Fanszenen Deutschlands". Zuletzt versprach das DFL-Präsidium in einer Pressemitteilung wie als Antwort darauf Besserung in dieser Hinsicht.

Gefahr aus Sicht der Fans: Diskussion um 50+1 könnte kippen

Ihre ablehnende Haltung stellt jedoch auch Ultragruppen und aktive Fanszenen vor einen Zwiespalt. Finden die sogenannten "Geisterspiele" statt, werden diese das bislang bekannte Fußball-System aufrechterhalten und fortführen. Das von den Fan-Organisationen gewünschte Umdenken bliebe wohl aus.

Werden die Spiele wie von den Fanszenen gefordert nicht ausgetragen, würden manche Klubs dagegen finanziell in Schwierigkeiten geraten. Der Tenor auf manch einer Jahreshauptversammlung bei den von Mitgliedern bestimmten Vereinen könnte dann lauten: Wer die Spiele ohne Zuschauer nicht will, muss den Verkauf von Anteilen der Spielbetriebsgesellschaften an externe Investoren hinnehmen. Die Diskussion um die 50+1-Regel ist in der Coronakrise ohnehin schon im Gange.

Und das ist wohl die große Lücke in den Erklärungen der Fan-Organisationen: Eine Lösung, wie es wirklich laufen soll, gibt es höchstens im Ansatz. "Pro Fans" machen mit einem Satz aber klar, worauf sie im Zweifel Wert legen: "DFB und DFL werden sich nicht daran messen lassen müssen, ob Deutschland Europameister wird oder in den nächsten Jahren ein deutscher Verein die Champions League gewinnt."

Nach der DFL-Sitzung: Wie geht es mit der Bundesliga weiter? Sportschau 25.04.2020 05:44 Min. Verfügbar bis 25.04.2021 Das Erste

Stand: 27.04.2020, 08:00

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