BVB-Geschäftführer Hans-Joachim Watzke
interview

Vor dem Bundesliga-Start BVB-Chef Watzke: "Wollen kurzfristig Haller-Ersatz"

Stand: 03.08.2022 13:11 Uhr

BVB-Chef Watzke spricht im Sportschau-Interview über den Saisonstart, den BVB-Kader und die Chancen für den Frauen-Fußball.

Am Samstag beginnt für Borussia Dortmund mit dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen die neue Bundesligasaison. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat mit der Sportschau nicht nur über die neue Spielzeit, die Erkrankung von Sébastien Haller, seinen neuen Trainer und Borussia Dortmund gesprochen, sondern auch über die Chancen des Frauenfußballs nach der Europameisterschaft und die WM in Katar.

Sportschau: Herr Watzke, am Samstag beginnt für Sie die neue Bundesliga-Saison mit dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. Ist nach so vielen Jahren im Profigeschäft die Vorfreude immer noch groß?"

Hans-Joachim Watzke: Ja, auf jeden Fall. Erstmal liebe ich den Sommer, das kommt dazu. Der Sommer ist mit Abstand die schönste Jahreszeit. Und dann freue ich mich immer auf den ersten Spieltag. Die Anspannung steigt natürlich jetzt jeden Tag. Und gleich das Duell Vizemeister gegen Tabellenvierten der letzten Saison hat ja auch was.

Also sind Sie froh, dass jetzt erstmal ein großer Brocken kommt?

Watzke: Das ist egal. Wir haben gegen Leverkusen sowieso was gut zu machen, weil wir letztes Mal verloren haben. Das passt schon ganz gut.

Da wird aber kein Blick auf die Pokalergebnisse gerichtet? Sie haben souverän 3:0 gewonnen, Leverkusen gegen einen Drittligisten verloren.

Watzke: Das hat überhaupt keine Relevanz. Also das hat natürlich Relevanz, wenn du raus bist (lacht) und Leverkusen wird entsprechend not amused sein. Aber für das Spiel am Samstag hat das keine Bedeutung.

Borussia Dortmund hat einen großen Umbruch hinter sich. Erling Haaland ist weg, es gibt einen neuen alten Trainer mit Edin Terzic. Michael Zorc ist das erste Mal nicht dabei. Wie erleben Sie derzeit die Mannschaft?

Watzke: Die Mannschaft lässt sich davon nicht besonders beeindrucken. Die haben mit Michael Zorc sehr gut gearbeitet, und Sebastian hat schon vier Jahre das Onboarding absolviert. Der ist ja kein Neuer, und Edin ist auch kein Neuer. Insofern ist es natürlich mit der Vielzahl an neuen Spielern ein Umbruch, aber bis jetzt waren wir auf einem sehr guten Weg. Dann kam natürlich im Trainingslager das Drama mit Sébastien Haller dazu. Das hat uns ein paar Tage komplett zurückgeworfen. Das muss man auch nicht kleinreden.

Wie haben die Mannschaft und der ganze Verein diese Nachricht aufgenommen?

Watzke: Das war ein totaler Schock. Du gehst ja ins Trainingslager, damit du fokussiert, konzentriert arbeiten kannst und immer bei dir bist. Und dann, ich glaube am dritten Tag, kommt dann so ein Ding. Er hatte morgens noch mittrainiert. Für ein paar Tage war Fußball nicht mehr das Wichtigste. Entscheidend ist erstmal, wie geht's dem Menschen Sébastien Haller. Wir haben alles getan, dass er in beste Hände kommt. Er ist mittlerweile schon operiert worden.

Welche Rolle musste auch Philipp Laux, ihr Sportpsychologe der Mannschaft, spielen? Musste er mit der Mannschaft reden?

Watzke: Ja natürlich. Der war ja auch mit im Trainingslager dabei. Aber jeder Spieler verarbeitet das unterschiedlich. Es gibt Spieler, die gehen dann zum Philipp, um sich mal auszuquatschen. Der andere geht zum Trainer. Manche wollen das auch gar nicht, die machen das mit sich selbst ab. Nur wichtig ist, dass du das Angebot hast und da sind wir, glaube ich, ganz gut aufgestellt.

bastien Haller ist auch ein sportlicher Ausfall. Müssen Sie nochmal aktiv werden auf dem Transfermarkt?

Watzke: Wir haben gesagt, solange wir keine klare Diagnose haben, müssen wir erstmal den Ball flach halten. Das ist auch eine Sache des Respekts vor dem Jungen. Die haben wir aber jetzt und natürlich ist dann auch klar, dass die Ausfallzeit schon relativ lang sein wird. Und jetzt alles nur auf Youssoufa Moukokos Schultern abzuladen - der ist 17 Jahre - das wäre dann doch vielleicht ein bisschen viel. Also ich denke mal schon, dass wir personell nochmal was machen. Wobei eine richtig gute Lösung auch schwierig ist, weil das Angebot auf dem Markt nicht gerade üppig ist.

Können Sie eine Zeit sagen, bis wann sie sich festlegen wollen?

Watzke: Idealerweise sollte in den nächsten acht bis zehn Tagen was passieren.

Können Sie jetzt ausschließen, dass Jude Bellingham noch wechseln wird in dieser Transferperiode?

Watzke: Ja, definitiv, 100 Prozent.

Warum ist Edin Terzic jetzt gerade der perfekte Trainer für Borussia Dortmund?

Watzke: (lacht) Ich weiß nicht, ob's der perfekte Trainer ist, aber er kommt dem jedenfalls im Anforderungsprofil schon relativ nah. Wir kennen ihn ja seit Jahren. Edin und ich haben ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Wir wohnen 30 Meter voneinander entfernt und sehen uns relativ häufig. Von daher weiß ich, wie er tickt. Toller Trainer, aber auch jemand der Borussia Dortmund lebt, der den Klub aufsaugt. Der war Scout, Jugendtrainer, Co-Trainer der Profis, dann selbst Trainer. Edin ist ein Dortmunder Junge.

Wieso wird der FC Bayern dieses Jahr nicht deutscher Meister?

Watzke: (lacht) Ich war in Leipzig, ich habe mir die Leistung der Bayern dort angeguckt. Die war offensiv beeindruckend, das muss man schon sagen. Sie haben eine ungewöhnlich gute Mannschaft, unfassbar viel Geld jetzt investiert und von daher sind sie Topfavorit. Nichtsdestotrotz werden wir alles versuchen. Aber man muss immer realistisch sein. Alle wollen natürlich, außer den Bayern-Fans, dass Bayern nicht deutscher Meister wird. Ich habe gesagt, in den nächsten Jahren irgendwann wird's passieren. Ich kann nur keine Garantie dafür übernehmen, dass es im kommenden Jahr schon passiert, zumal sie sehr gut und sehr viel investiert haben.

Vor der neuen Bundesliga-Saison schätzt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Titelchancen für Dortmund ein. mehr

Was spricht denn für den BVB?

Watzke: Dass wir uns gut verstärkt haben. Dass wir mit Edin jemanden haben, dem wir alle sehr großes Vertrauen entgegenbringen. Dass um den BVB herum gerade eine sehr positive Atmosphäre ist. Aber man hat's jetzt gesehen, am Beispiel von Sébastien Haller, wie schnell das auch wieder ins Gegenteil kippen kann.

Kleiner Themenbruch. Wie bewerten Sie den Auftritt der deutschen Frauenmannschaft bei der EM in England?

Watzke: Mir hat diese Leidenschaft, dieses Engagement, dieser Enthusiasmus, den sie da auf den Rasen gebracht haben, sehr gefallen. Das hat mir imponiert. Da geht's mir aber genauso wie allen anderen.

Fast 18 Millionen haben dieses Spiel live gesehen in der Sportschau. Die Aufmerksamkeit ist gerade sehr groß. Wie kann der Frauenfußball das jetzt nutzen, um mehr Anerkennung zu bekommen?

Watzke: Wir müssen gucken, dass wir von dieser Eventisierung runterkommen. Ob es uns gelingt, in der Frauen-Bundesliga nachhaltig höhere Zuschauerzahlen hinzubekommen. Diejenigen, die im Fernsehen gesehen haben, wie viel Leidenschaft und Wille da ist und denen das gefallen hat, die sollen dann gefälligst auch mal kommen und sich die Frauenbundesliga anschauen.

Nach der EM der Frauen hofft BVB-Geschäfsführer Hans-Joachim Watzke auf neue Fans, die im besten Fall regelmäßig die Stadien aufsuchen. mehr

Welche Rolle hat da der DFB?

Watzke: Ich glaube, dass der DFB schon den Frauenfußball fördert. Wir haben im Präsidium die Vizepräsidentin, die dafür zuständig ist. Bernd Neuendorf als DFB-Präsident, das weiß ich aus vielen Gesprächen, ist dem Ganzen sehr positiv gegenüberstehend. Ich glaube, die Vereine sind gefragt, aber am Ende des Tages ist der Fußballfan gefragt.

Sie haben beim BVB auch eine Frauenmannschaft, die den Aufstieg in die Bezirksliga geschafft hat.

Watzke: Wir wussten genau, wenn wir irgendwann starten mit Frauenfußball, dann tun wir damit vielleicht dem ein oder andern Verein, der sich seit Jahren da extrem engagiert hat, relativ weh. Es gab ja zum Beispiel Berghofen, die haben in der zweiten Liga gespielt ,oder Lütgendortmund war lange Zeit in der zweiten Liga. Da war die Gefahr, wenn Borussia Dortmund jetzt kommt, dann versuchen alle, zum BVB zu kommen und die kleineren Vereine haben jahrelang die Arbeit gemacht. Das wollten wir nicht.

Von daher haben wir ganz bewusst gesagt: Wir zahlen nichts. Das heißt, wir fangen in der untersten Liga an und versuchen dann, organisch daraus was zu entwickeln. Wir haben jetzt ein Jahr gespielt, sind auch Meister geworden und aufgestiegen. Wir haben auch den Kreispokal noch gewonnen. Aber ohne jede finanzielle Zuwendung. Außer dass wir die Auslagen ersetzt haben. Das ist unser Weg für die nächsten Jahre, und dann gucken wir einfach mal, was dabei rauskommt. Es ist niemand beim BVB darauf gebrandet, dass wir in die Bundesliga müssen.

In drei Monaten beginnt eine Fußball-WM in Katar. Freuen Sie sich auf dieses Turnier?

Watzke: Ich freue mich insofern, weil ich jetzt als Vizepräsident des DFB zum ersten Mal mit in der Verantwortung bin. Dass man über den Standort Katar sehr geteilter Meinung sein kann, das ist ja auch nichts Neues. Da hätte ich mir aber auch gewünscht, dass vielleicht im Vorfeld der Entscheidung mal in Deutschland jemand aufgewacht wäre. Aber wir müssen das Beste daraus machen. Denn eines ist auch klar. Wenn wir sagen, wir machen diese Turniere nur noch in lupenreinen Demokratien, um da mal einen früheren Bundeskanzler zu zitieren, dann birgt das die Gefahr, dass 70 oder 75 oder wie viel Prozent der Menschheit von diesen Dingen ausgeschlossen werden.

So ein Regime, egal wo es gerade ist, da sorgt der Fußball dafür, dass es sich ein bisschen öffnen muss. Du kannst nicht während einer Weltmeisterschaft deine Bevölkerung komplett abschotten. Und wir müssen da eine klare Haltung beweisen. Wir werden dort mit allen Organisationen sprechen und werden schon eine Stimme haben, ohne den Fokus zu verlieren. Es geht immer noch um Fußball. Aber ich glaube nicht, dass es irgendjemanden in Katar oder in Russland, oder wo auch immer die Weltmeisterschaften stattfinden oder stattgefunden haben, besser geht, wenn man diese Länder gar nicht mehr besucht.

Hans-Joachim Watzke freut sich im Grunde auf die anstehende WM in Katar, auch wenn die Vergabe auch in seinen Augen fragwürdig ist. mehr

Das Interview führte Julius Laschet