Relegation: Die Sache mit dem Auswärtstor

Die Bremer Spieler bejubeln das frühe Eigentor von Norman Theuerkauf (l.)

Bundesliga-Relegation

Relegation: Die Sache mit dem Auswärtstor

Nach 180 Minuten stand es zwischen Heidenheim und Bremen 2:2. Wie schon in der Vorsaison ist die Relegation nur durch die Auswärtstore entschieden worden. Eine alte Diskussion bekommt neuen Schub.

Von den vielen unglücklichen Heidenheimern am Montagabend (06.07.2020) war Norman Theuerkauf wohl der Untröstlichste. Erst säbelte der Innenverteidiger den Ball bei einem Rettungsversuch zur Bremer Führung ins eigene Netz. Beim letztlich entscheidenden zweiten Gegentor ließ er sich von Werders Stürmer Fin Bartels düpieren.

Nach dem 0:0 im Hinspiel endete damit auch das Rückspiel in der Relegation mit einem Unentschieden, 2:2. Wäre es ein Pokalspiel gewesen, und nicht etwa ein Relegationsduell, wären Heidenheim und Bremen in die Verlängerung gegangen. Und wer weiß: Womöglich hätte Heidenheims Theuerkauf am Ende sogar die Chance bekommen, doch noch zum Aufstiegshelden zu werden, in einem möglichen Elfmeterschießen zum Beispiel. So aber besiegelte das 2:2 nach 90 Minuten plus Nachspielzeit Heidenheims Verbleib in der 2. Liga. Wegen der Auswärtstorregel, die in der Relegation bei einem Gleichstand nach Hin-und Rückspiel zur Anwendung kommt.

Relegation erneut durch Auswärtstore entschieden

Die höhere Zahl der auswärts erzielten Tore hatte auch schon in der Vorsaison die Duelle der Relegation entschieden, und zwar für die erste und für die zweite Liga. Nach 180 Minuten stand es in der Erstliga-Relegation zwischen Union Berlin und dem VfB Stuttgart Unentschieden, ebenso wie in der Relegation zur 2. Liga zwischen dem FC Ingolstadt und dem SV Wehen Wiesbaden. Trotzdem durften Union und Wehen Wiesbaden den Aufstieg feiern, weil sie auswärts, "in der Höhle des Löwen", mehr Tore geschossen hatten.

Dass Auswärtstore im Modus mit Hin- und Rückspiel bei Gleichstand mehr wert sind, kommt in vielen Wettbewerben zur Anwendung. Doch es gibt immer wieder Kritik an der Regel - nicht nur, weil sie aus einer längst vergangenen Zeit des Klubfußballs stammt.

DIe UEFA hatte 1965 im Europapokal die Auswärtstorregel eingeführt. Das wertvollere Auswärtstor sollte damals vor allem den Nachteil der beschwerlichen Anreisen ausgleichen. Früher hatten die Teams zudem unterschiedliche Bälle, auch die Plätze waren nicht genormt.

Bremen bleibt in der Bundesliga

Sportschau 06.07.2020 00:38 Min. Verfügbar bis 06.07.2021 ARD Von Julia Metzner

Europas Spitzentrainer forderten vergeblich die Abschaffung

All dies hat jedoch mit der heutigen Realität im globalisierten Fußball nicht mehr viel zu tun. Europäische Spitzentrainer wie Arsène Wenger, José Mourinho oder auch Thomas Tuchel hatten die UEFA deshalb bei einer Tagung im September 2018 gebeten, "die Auswärtstorregel in europäischen Wettbewerben zu überdenken", so die UEFA-Miteilung. "Sie denken, dass das Erzielen von Auswärtstoren nicht mehr so schwierig ist wie in der Vergangenheit", gab der stellvertretende Generalsekretär Giorgio Marchetti das Stimmungsbild nach dem Treffen wieder. Auf eine aktuelle Anfrage der Sportschau antwortete die UEFA, dass es keine Pläne zu einer Abschaffung gebe.

Nach Ansicht vieler Kritiker kann sich die Regel je nach Spielverlauf zu stark auf die Taktik und das Ergebnis auswirken - und etwa vielen Rückspielen die Spannung rauben: Wenn nach einem 0:0 im Hinspiel die Gastmannschaft in der Schlussphase des Rückspiels trifft, wird es für das Heimteam schnell aussichtslos.

Faktor Heimvorteil

Doch es gibt auch Argumente für die Auswärtstorregel: Der Vorteil in der Verlängerung würde sich bei einer Abschaffung auf die Seite der Heimmannschaft verlagern, die in den entscheidenden Minuten einen Heimvorteil hätte. Dieser existiert nach wie vor, nimmt in seiner Bedeutung aber möglicherweise ab: Nach einer Analyse der "Süddeutschen Zeitung" sei etwa in der Champions League in den vergangenen Jahren die Zahl der Heimtore gegenüber der Zahl der Auswärtstore gesunken.

Die Frage nach dem Heimvorteil führt mitten hinein in die aktuelle Ausnahmesituation mit Geisterspielen in der Corona-Krise: Warum sollte die Auswärtstorregel in einem nationalen Wettbewerb wie der Relegation überhaupt Sinn ergeben? Mit Spielen ohne Zuschauer, die das gastgebende Team sonst in entscheidenden Phasen nach vorne peitschen und ihm dadurch einen Extra-Schub geben können?

Ob Spiele vor leeren Rängen aber tatsächlich den Heimvorteil schwinden lassen, darüber lassen sich keine verlässlichen Aussagen trefen, schon allein wegen der bislang relativ geringen Anzahl von Spielen ohne Fans. Die Spiele der gerade beendeten Saison lieferten nicht ausreichend Daten und zum Teil wiedersprüchliche Ergebnisse: In der 2. Liga etwa gibt es angesichts der Ergebnisse kaum Indizien für einen negativen Geisterspiel-Effekt für die Heimmannschaft.

Auswärtstorregel folgt UEFA-Bestimmungen

Eine mögliche Aussetzung der Auswärtstorregel für die Relegation sei kein Thema gewesen, teilte die DFL auf Anfrage mit. Die Wertung richte sich laut Spielordnung nach den geltenden Bestimmungen für die UEFA-Klubwettbewerbe mit Hin- und Rückspielen. Die Klubs haben aber die Möglichkeit, die entsprechenden Liga-Statuten für die Relegation unabhängig von der UEFA zu ändern, durch Beschluss im Rahmen einer Mitgliederversammlung. Einen entsprechenden Vorstoß habe es aber nie gegeben, teilte die DFL mit, auch nicht vor der Corona-Krise.

red/nahar/mixa | Stand: 07.07.2020, 13:00

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