Taktik, Fan-Nähe, Bescheidenheit Was Daniel Farke in Mönchengladbach verändert

Stand: 08.08.2022 14:08 Uhr

Gemessen an der Tradition dieses Vereins hat Gladbach ein wahres Trainer-Hopping hinter sich. Mit Daniel Farke soll jetzt Ruhe einkehren - die ersten Ansätze sind vielversprechend.

Von Christian Hornung

Trotz eines laufenden Vertrags und der Qualifikation für die Europa League musste Dieter Hecking 2019 Mönchengladbach verlassen, weil sich der inzwischen auch nicht mehr im Amt befindliche Ex-Manager Max Eberl sicher war, mit Marco Rose langfristig eine bessere Zukunft zu gestalten. Dieses Ansinnen scheiterte ebenso krachend wie die anschließende Idee, mit Adi Hütter aber ohne das dazu befähigte Personal den Frankfurter Pressingfußball beim VfL zu implementieren.

Welches Personal nun Daniel Farke für seine Idee vom Spiel zur Verfügung hat, ist noch nicht abschließend geklärt. Mit Alassane Plea und am Montag (08.08.2022) auch Jonas Hofmann haben zwar zwei Fixpunkte im Offensivspiel gerade ihre Verträge bis 2025 verlängert. Doch der Verbleib von Marcus Thuram und Ramy Bensebaini ist ebenso offen wie der von Torhüter Yann Sommer - ihre Verträge laufen 2023 aus. Unabhängig von diesen offenen Baustellen ist bei Farke aber eine Tendenz erkennbar, die auch bei Veränderungen im Kader bis zum Ende des Transferfensters am 31. August Erfolg verspricht: Er setzt seine Fußballphilosophie nicht höher an als die Realität, die er im Verein vorfindet.

Adi Hütter, das hat die Sportschau mal aus seinem Trainerteam erfahren, kam mit dieser Mannschaft auch deshalb nicht klar, weil ihm zum einen zu Saisonbeginn neue Spieler versprochen wurden, die allesamt dann doch nicht kamen. Und weil er trotzdem weiter versuchte, mit Lars Stindl, Florian Neuhaus oder Christoph Kramer sehr weit vorne nach Ballverlusten ins Gegenpressing zu gehen - was mangels Grundschnelligkeit dieser Profis ihrem Naturell widerspricht. Farke versucht nun eher, ihre Stärken zu nutzen: den eigenen Ballbesitz auszubauen und spielerische Lösungen zu finden.

Stefan Hänsel, Sportschau, 06.08.2022 18:01 Uhr

Spürbare Eingriffe ins Spiel

Natürlich ist nun erst ein Saisonspiel absolviert, dass bei 71 Minuten in Überzahl auch keine verlässlichen Rückschlüsse auf die kommenden Aufgaben am Samstag (13.08.2022) beim FC Schalke oder anschließend gegen Hertha BSC zulässt. In den acht Vorbereitungsspielen, von denen keins verloren wurde, und dem Pokalauftakt-9:1 in Freiburg gegen Oberachern zeigte sich aber immer wieder, dass Farke im Laufe der Spiele und in der Halbzeit spürbare Veränderungen vermitteln kann.

Jetzt beim 3:1 gegen Hoffenheim erklärte der Coach, der in der Premier League zwei Aufstiege (und einen Abstieg) mit Norwich City vorzuweisen hat, sein Eingreifen so: "Nach der frühen Gelb-Roten Karte wollten wir die Überzahl sofort mit Gewalt ausnutzen, dadurch standen zu viele Spieler von uns zu früh in viel zu hohen Positionen. So hatten wir gar keinen Raum mehr, um die Angriffe mit Tempo nach vorn zu tragen. In der Pause haben wir sehr viel Inhaltliches angesprochen, das hat das Team anschließend perfekt umgesetzt."

Weniger Geheimtraining

Nach der sehr zähen ersten Halbzeit lautete deshalb am Ende das Torschussverhältnis 18:2 zugunsten der Borussen, die sich natürlich auch den zunehmenden Kräfteverschleiß des dezimierten Gegners zunutze machten. Aber Yann Sommer und Jonas Hofmann thematisierten später beide den "sehr nachvollziehbaren" und "gut umsetzbaren Input", den die Mannschaft samt kurzen Videosequenzen in der Pause vom Trainerteam erhalten habe. Sommer sagte zur Sportschau: "Uns allen gefällt seine Ansprache, er nimmt jeden in der Mannschaft mit, das passt alles sehr gut zum Verein."

Eine von Farkes ersten Botschaften war es, die Zahl der nicht öffentlichen Trainingseinheiten gegenüber Hütter stark zu reduzieren. Der neue Coach stellte schon im Trainingslager am Tegernsee klar: "Gladbach lebt von Fan-Nähe, damit kann der Klub eine enorme Wucht entfachen. Deshalb wollen wir die Zuschauer so oft wie irgend möglich dabei haben."

Erstmal kein Saisonziel

In der Fanszene kommt Farke damit natürlich gut an. Er hat aber auch den Vorteil, nach vielen fetten Jahren mit Champions League und Europa League und dem anschließenden Sturz auf Platz acht (Rose) und zehn (Hütter) glaubhaft bescheidenere Ziele vermitteln zu können. "Wir hatten herausfordernde letzte 24 Monate. Unsere finanzielle Situation ist so, dass wir auch nicht auf Rosen gebettet sind wie andere", hat Farke dem WDR gesagt. "Wir können das einschätzen, wollen aber trotzdem eine ordentliche Saison spielen."

Das klingt alles sehr bodenständig. Farke wirkt bisher so, als nehme er sich selbst nicht übermäßig wichtig - auch das war in der jüngeren Vergangenheit auf seinem Posten nicht die Regel.

Scherz über Magie und Mystik

Und er kann, eine wichtige Eigenschaft für die Menschen am Niederrhein, über sich selbst lachen. Als er nach dem Treffer zum 3:1 gegen Hoffenheim mal schnell in die Kabine stürmte, um eine kurze Toilettenpause einzuschieben, sagte er später: "Was ich da gemacht habe, dazu gebe ich keinen Kommentar. Es ist als Trainer immer gut, wenn du noch ein bisschen magisch oder mystisch für dein Umfeld wirkst." Bisher mögen ihn die Fans in Gladbach dafür, dass er genau diesen Eindruck nicht zu wecken versucht.

"Keiner will den Trainer auf dem Tisch tanzen sehen"

Sportschau, 06.08.2022 18:30 Uhr