Fabio Dell'Era - zu früh zu stark

Fabio Dell'Era (l.)

Haarscharf vorbei - der verpasste Traum vom Fußballprofi

Fabio Dell'Era - zu früh zu stark

Von Olaf Jansen

Spielmacher beim SC Freiburg, Chef in der Jugend-Nationalmannschaft - Fabio Dell'Era schien auf dem Weg in die Bundesliga. Doch dann stockte seine Entwicklung.

Daniel Caligiuri erinnert sich noch heute an die ausgesprochene Athletik seines Teamkollegen: "Dort, wo andere ein Sixpack hatten, kam Fabio Dell'Era mit einem Achtpack daher." Und Daniel Schwaab denkt an seinen Altergenossen sogar mit regelrechter Ehrfurcht: "Fabio war unheimlich kräftig, schnell und hat einen Schuss mit links gehabt - das war wie eine Granate. Der war bei uns der absolute Überflieger."

Anfang der 2000er war das, als Fabio Dell'Era beim SC Freiburg in seinem Jahrgang der Chef auf dem Platz war. Doch während Caligiuri und Schwaab, die "Mitläufer" von einst, erfolgreiche Profifußballer wurden, landete Dell'Era als Immobilienmakler in einem Büro. Mit seinem modischen Anzug sieht er gediegen aus, von der sportlichen Figur von einst hat er sich auch längst verabschieden müssen. Was ihm aber nichts auszumachen scheint. Beim Gesprächstermin lächelt Dell'Era oft und lang, er wirkt insgesamt wie ein durchaus zufriedener Mensch. Von seinem einstigen Traum Profifußball hat er sich allerdings schon lange verabschiedet. "Klar, ich hatte fest damit gerechnet, eine Karriere als Profifußballer hinzulegen. Als mir dann aber klar wurde, dass dies nichts wird, konnte ich mich auch recht schnell damit abfinden, etwas ganz anderes im Leben zu tun", sagt er.

SC Freiburg spendiert ICE-Dauerkarte

Dell'Era macht eine Jugendfußball-Karriere, von der Tausende talentierte Nachwuchsspieler nur träumen können: Als Zwölfjähriger wechselt der Sohn eines Italieners und einer Deutschen von seinem kleinen Heimatklub TuS Maulburg zum großen SC Freiburg. Er pendelt fortan viermal die Woche von Maulburg ins 60 Kilometer entfernte Freiburger Trainingszentrum am Möslestadion. Zunächst fährt ihn seine Mutter, später spendiert der SC eine ICE-Dauerkarte und Dell'Era verbringt viel Zeit im Zug.

Die Mühen lohnen sich. Nach Fabios erstem Meisterschaftsspiel für den SC, in dem er beim 36:0-Sieg gegen einen kleinen Nachbarverein gleich zwölf Tore erzielt, haben sich sämtliche Jugendtrainer des SC regelrecht in den kräftigen, aber dennoch flinken Stürmer verguckt - Fabio hat in den folgenden Jahren seinen Stammplatz in den diversen SC-Jugendteams stets sicher.

2003 - das erste Länderspiel

Fabio Dell'Era (mitte)

Fabio Dell'Era inmitten der Freiburger Kollegen

Dell'Era entwickelt sich zum Torjäger der Extraklasse, was ihn fußballerisch in große Höhen hievt. Über die Hochrhein-Auswahl und die Mannschaft Südbadens wird er als U15-Spieler erstmals auch vom Deutschen Fußballbund zu einem Lehrgang eingeladen. Und als die deutsche U16-Auswahl Ende August 2003 zwei Testspiele gegen die Schweiz bestreitet, kommt Fabio Dell'Era zu seinen ersten Länderspielen.

Die erste Partie findet auch noch in Weil am Rhein, nur einen Steinwurf von Dell'Eras Heimatort entfernt, statt. "Das war für mich der absolute Höhepunkt. Ich hatte es tatsächlich unter die besten Elf meines gesamten Jahrgangs in Deutschland geschafft und durfte mein erstes Länderspiel auch noch sozusagen vor der Haustür bestreiten. Ich war unfassbar aufgeregt."

Chef von Fährmann, Ben-Hatira und Höwedes

Trotz Lampenfiebers geht alles gut: Vor vielen Bekannten und Freunden, die sich unter den Zuschauern befinden, gelingt Dell'Era sogar ein Kopfballtreffer beim 4:1-Sieg des Teams von Bundestrainer Jörg Daniel. Mannschaftskollegen damals sind unter anderem: Keeper Ralf Fährmann, Änis Ben-Hatira, später Benni Höwedes. Der gleichaltrige Jerome Boateng hat es vorerst nur zum Nationalspieler auf Abruf geschafft. Andere Altersgenossen wie beispielsweise Mats Hummels oder Nils Petersen haben zu jenem Zeitpunkt überhaupt noch nicht auf sich aufmerksam gemacht - starten als "Spätzünder" erst Jahre später durch.

Dell'Era aber gehört im deutschen Jugendfußball zur heißesten Ware, nach einem U16-Turnier erhält er ein Angebot vom FC Schalke 04. "Da hatte ich aber wenige Tage zuvor schon einen Vertrag beim SC Freiburg für die nächsten Jahre unterschrieben. Also wechselte ich nicht", erinnert sich Dell'Era. Statt in Freiburg bedienen sich die Schalker auf der Suche nach einem neuen Mittelfeldregisseur im benachbarten Essen und holen Mesut Özil.

Mit 17 - körperliche Entwicklung stagniert

Bis zur U18 ist Dell'Era stets dabei, wenn zu Länderspielen gerufen wird. Allerdings - und das wird irgendwann unübersehbar - büßt er mit der Zeit mehr und mehr seine körperliche Überlegenheit ein. Irgendwann ist zu konstatieren: Fabio Dell'Era entwickelt sich nicht so recht weiter. Vor allem körperlich nicht. Daniel Schwaab erinnert sich genau: "Es war fast etwas tragisch: Alle anderen wurden breiter, wuchsen in die Höhe - nur Fabio nicht. Und irgendwann war er - der früher unser Größter und Stärkster gewesen war - einer der Kleineren." Er ist 1,73 Meter groß - und dabei bleibt es.

Dennoch ist Dell'Era erst einmal unter jener Handvoll Jugendspieler, die ins neue SC-Nachwuchs-Leistungszentrum mit angeschlossenem Internat einziehen dürfen. Doch es läuft bei weitem noch nicht alles rund im neu gegründeten NLZ: "Wir waren unter den ersten Bewohnern und man muss ehrlicherweise sagen: Wir haben es genossen. Und viel Scheiß gebaut. Haben unsere Grenzen als heranwachsende Jugendliche ausgetestet und waren von den Pädagogen, die gar nicht viel älter waren als wir selbst, sicher nicht ganz leicht zu führen", erinnert sich Dell'Era.

Im NLZ geht die Disziplin flöten

Er selbst zieht nach einem halben Jahr wieder aus. "Das war nichts für mich. Meine schulischen Leistungen gingen rapide bergab, ich war einfach nicht diszipliniert genug." Dell'Era zieht zurück in seinen Heimatort, pendelt fortan wieder zum Fußball. Und er baut sein Abitur am angestammten Gymnasium in Schopfheim. Heilfroh ist er, als er das Abi geschafft hat, auch wenn es bei einem Notenschnitt von 3,5 nur so gerade eben reicht. "Das war einfach für mich nicht besser möglich. Mein Leben bestand ja hauptsächlich aus Fußball. Direkt nach der Schule ging es damals immer mit dem Zug nach Freiburg, zurück war ich immer erst spät abends. Eigentlich wollte ich immer auf den Zugfahrten lernen - aber dazu ist es irgendwie kaum gekommen."

Fabio Dell’Era: "Ich glaube es ist an meiner Motivation gescheitert" Sportschau 13.07.2020 01:45 Min. Verfügbar bis 13.07.2021 Das Erste

Mit im Zug sitzt damals meist Teamkollege Johannes Flum, der ebenso wie Dell'Era täglich zum SC pendelt. Beide - Flum und Dell'Era - stellen sich auf den Zugfahrten gern vor, wie sie später als Profifußballer in der Bundesliga spielen würden. Sie sind nunmehr in Freiburgs A-Jugend angekommen - Trainer ist kein Geringerer als Christian Streich.

DFB-Pokalsieg mit Christian Streich

Streich steht auf Dell'Era, läst diesen stets auf dessen Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld auflaufen - auch wenn Dell'Era mittlerweile tatsächlich zu den Kleinsten im Team gehört. Dell'Era zahlt die Treue seines Trainers zurück. Als Streichs Mannschaft in der Saison 2005/06 das A-Jugend-Finale im DFB-Vereinspokal in Berlin gegen den Karlsruher SC für sich entscheidet, führt Dell'Era im Mittelfeld gekonnt Regie.

Es herrscht Fußball-Euphorie damals im Freiburger Ländle, der 88er Jahrgang hat für einen Erfolg in der SC-Jugendabteilung gesorgt, wie er zuvor noch niemals gelungen war. Und die Protagonisten des "goldenen Jahrgangs" träumen mehr denn je von einer Profikarriere. Auch Dell'Eras Aktien stehen hoch im Kurs: "Er hatte eine extrem gute Technik und sein linker Fuß hatte Bundesligaformat. Da waren sich eigentlich alle einig - von den Mitspielern bis zum Trainer", erinnert sich Johannes Flum.

Die Enttäuschung: Amateur- statt Profivertrag

Als im Frühjahr 2007 die Würfel fallen und die SC-Verantwortlichen darüber entscheiden, welche ihrer A-Jugendspieler direkt in den Profikader aufrücken, können, ist die Überraschung aber groß: Dell'Era wird formlos mitgeteilt, dass er nur einen Amateurvertrag beim SC erhalten könne. Für Dell'Era bricht regelrecht eine Welt zusammen: "Es war ein absoluter Schock für mich. Ich hatte fest damit gerechnet, demnächst bei den Profis dabei zu sein. Und jetzt zerplatzte hier offensichtlich mein Traum vom Profifußball", erinnert er sich. Und wenn sich bei diesem Satz sein Gesicht verfinstert, man sieht ihm noch heute die Enttäuschung von damals an.

SC-Sportdirektor Klemens Hartenbach ist sich noch heute der großen Enttäuschung bei Dell'Era bewusst. Seine Erklärung: "Fabio war in der Jugend sehr schnell und trickreich, dazu war er stabil gebaut und hatte mit dem linken Fuß einen Mordswumms. Im Übergangsbereich zu den Erwachsenen hatte er mit mehreren Verletzungen zu kämpfen, das war sicher mit ein Grund, warum es mit dem Sprung über die Zweite Mannschaft nicht geklappt hat."

Keine Chance unter Robin Dutt und Marcus Sorg

Fabio Dell'Era

Immobilienmakler Dell'Era

Trotz der Enttäuschung unterschreibt Dell'Era in Freiburg den Amateurvertrag. In der Hoffnung auf die Chance eines zweiten Anlaufs und den Mut des Profi-Cheftrainers, irgendwann vielleicht einmal dem Nachwuchsspieler doch noch eine Chance zu geben. Coach der SC-Profis ist seinerzeit Robin Dutt. Aber auch der erfüllt die Hoffnungen des Nachwuchsmannes nicht. Dell'Era: "Ich hätte mir gewünscht, dass er mich mal ins kalte Wasser wirft und mir in der Bundesliga eine Chance gibt. Hat er aber nicht getan."

Ihm bleibt weiterhin nur die Amateurmannschaft. Und sogar da rutscht er ins zweite Glied, als im zweiten Jahr mit Marcus Sorg ein neuer Trainer übernimmt. "Der versetzte mich gleich bei seinem Amtsantritt von der zentralen Mittelfeldposition auf den Posten des Außenverteidigers. Damit bin ich überhaupt nicht klar gekommen. Ich habe ab dem Zeitpunkt dann auch kaum noch gespielt", erinnert sich Dell'Era.

Verzockt in Pfullendorf

Der Karriereknick ist endgültig da. Fabios Amateurvertrag wird nicht verlängert, Dell'Era wechselt wie sein Kumpel Johannes Flum zuvor zum SC Pfullendorf. Immer noch gibt es so etwas wie Hoffnung auf eine Bundesligakarriere über den "zweiten Bildungsweg", doch auch die ist zwei Jahre später zerstoben. "Irgendwie hatte ich den Glauben daran innerlich vielleicht schon aufgegeben. Vielleicht war ich auch einfach nicht besessen genug. Jedenfalls ging es für mich in Pfullendorf nicht mehr aufwärts. Eher im Gegenteil. Ich passte mich an das niedrigere Niveau an", sagt Fabio Dell'Era.

Und zum guten Schluss verzockt er sich dann auch noch, als nach einem halben Jahr Pfullendorf der klassenhöhere SV Sandhausen anklopft. Man bedeutet ihm, Interesse zu haben, wolle aber die von Pfullendorf aufgerufenen 125.000 Euro Ablöse nicht zahlen. Dell'Era löst daraufhin seinen Vertrag in Pfullendorf auf, ohne anschließend nochmals etwas aus Sandhausen zu hören. Er sitzt nun mit gerade einmal 21 Jahren zwischen allen Stühlen.

Plan B: Ausbildung zum Immobilienkaufmann

Fabio Dell'Era entschließt sich zu "Plan B", den er kurzfristig schmiedet: Er beginnt eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann. "Ich beendete sozusagen meinen Traum vom Profifußball für mich ganz offiziell. Ich beschloss, jetzt lieber eine Ausbildung außerhalb des Fußballs zu starten." Im Rheinland findet er eine Ausbildungsstelle zum Immobilienkaufmann - und verlässt seine Heimat.

Das Kapitel Fußball ist beendet - zumindest fast. "Ich machte noch Probetrainings bei Borussia Mönchengladbachs Amateuren und bei LR Ahlen - doch es wurde nichts draus. Stattdessen bin ich dann Amateurfußballer geworden", erzählt er. Und er hadert ein wenig mit dem Schicksal: "Mir fehlte im entscheidenden Moment auch die Unterstützung. Wer weiß: Wenn Christian Streich schon Bundesligatrainer in Freiburg gewesen wäre, als ich auf dem Sprung war - vielleicht hätte der mich ins kalte Wasser geworfen."

Stand: 13.08.2020, 09:31

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