Uneinigkeit und neue Vorschläge in der Regionalliga

Jayson Breitenbach vom 1.FC Saarbrücken im Zweikamof mit Offenbachs Francesco Lovric

Vorschläge aus dem Amateurbereich

Uneinigkeit und neue Vorschläge in der Regionalliga

Von Frank Hellmann

In kaum einer Liga begegnen sich Klubs mit solch großen Gegensätzen wie in der Regionalliga Südwest – entsprechend weit gehen die Interessen auseinander. Der DFB-Pokalhalbfinalist 1. FC Saarbrücken will unbedingt die Saison fortsetzen, der FC Bayern Alzenau verblüfft mit einem anderen Vorschlag.

Andreas Trageser wirkt am Telefon recht entspannt. Der Vorstand des FC Bayern Alzenau erklärt, dass sein Klub gut gewirtschaftet und einige Rücklagen gebildet habe. Fußballprofis spielen in der Kleinstadt im Landkreis Aschaffenburg ohnehin nicht - das hilft in der Coronakrise. Einige Spieler verzichten auf Gehalt, Fahrtkosten und Prämien fallen durch die Zwangspause nicht an.

Was dem 57-Jährigen eher Sorgen bereitet, ist das Bestreben, die vorerst bis zum 20. April ausgesetzte Saison teilweise auch im Amateurbereich unter allen Umständen fortsetzen zu wollen. Notfalls mit Spielen ohne Zuschauer. Dem Vernehmen nach haben sich in der Südwest-Staffel mindestens drei Vereine, darunter Spitzenreiter 1. FC Saarbrücken, Kickers Offenbach und der FC Homburg, dafür ausgesprochen.

Geisterspiele verursachen nur unnötige Kosten

Für Trageser kommen Geisterspiele nicht infrage. "Dann müssten wir sofort wieder die Gehälter der Spieler zahlen, es fielen Prämien und Fahrtkosten an. Dazu müssten wir auch bei Spielen ohne Zuschauer Reise- und Schiedsrichterkosten oder die Stadionmiete zahlen. Jedes Heimspiel würde ein kräftiges Minus bedeuten." Seiner Meinung würden etliche andere Klubs folgen. Es  gebe - anders als im Profifußball - gar keine wirtschaftliche Notwendigkeit, die Saison durchzupeitschen.

Andreas Trageser: "Ein Jahres-Spielplan hilft allen Vereinen"

Sportschau 30.03.2020 01:33 Min. Verfügbar bis 30.03.2021 ARD

Der Vereinsfunktionär fürchtet zudem falsche Signale: "Wenn Firmen und Läden, Gaststätten und Kneipen geschlossen werden, können wir nicht Fußballspiele veranstalten, wo die nächsten Übertragungsherde zustande kommen. Ein solch wichtiger Wirtschaftsfaktor sind wir nicht", sagt Trageser.

Überdies glaube er auch nicht, dass seine bayrische Landesregierung auf absehbare Zeit Fußballspiele erlaube.

Allderdings sind in keiner der fünf Regionalligen die Unterschiede wohl so groß wie in der Staffel Südwest, weil sich gefühlte Zweitligisten und familiär geführte Dorfklubs begegnen. Trageser empfiehlt: "Für unsere Spielklasse ist Profitum nicht vorgeschrieben. Und dementsprechend sollten sich alle Vereine verhalten."

Für den 1. FC Saarbrücken hat der Aufstieg Priorität

Tabellenführer 1. FC Saarbrücken, von Hauptsponsor und Präsident Hartmut Ostermann gefördert, kann auch dank der Pokaleinnahmen die derzeitige Lage einigermaßen gut überstehen. Erste Priorität hat beim Bundesliga-Gründungsmitglied aber der langersehnte Aufstieg in die 3. Liga.

Sportdirektor Marcus Mann hat bereits klargestellt: "Egal, wann und auf welche Art und Weise die Liga fortgeführt wird, wir sind Spitzenreiter und wir werden im Fall einer Liga-Fortsetzung alles daransetzen, diesen Platz auf dem Platz zu verteidigen. Sollte die Aufstiegsfrage auf eine andere Art geregelt werden, zum Beispiel durch einen vorzeitigen Saisonabbruch, wäre es unverständlich, wenn wir dann nicht für einen Aufstieg infrage kämen.“ Der Klub behielte sich wohl rechtliche Schritte vor.

Kickers Offenbach verkauft Geistertickets

Auch Kickers Offenbach kann sich nicht damit anfreunden, dass seine Spieler noch lange die Füße still halten müssen. Der Zuschauerkrösus, der bislang zu seinen Heimspielen durchschnittlich 5.600 Besucher begrüßt hat, "will weiterspielen, auch mit Geisterspielen ohne Zuschauer“, sagt Vereinspräsident Joachim Wagner. Für mögliche Heimspiele vor leeren Rängen sind sage und schreibe 2.800 Geistertickets verkauft worden. 40.000 Euro kamen damit zusammen.

Jetzt hofft Wagner, dass mehr Geistertickets als Dauerkarten (3.500) verkauft werden; sie kosten fünf, zehn oder 19,01 Euro - angelehnt ans Gründungsjahr. Der Verein spricht von einer symbolischen Aktion und weist darauf hin, dass kein Anspruch besteht, wirklich ein Fußballspiel zu sehen. Möglich macht es die Offenbacher Fantreue, die auf andere Standorte nicht zu übertragen ist.

Lieber im Sommer als im Winter spielen

Andreas Trageser von Bayern Alzenau

Andreas Trageser von Bayern Alzenau

Andreas Trageser aus Alzenau wartet nun mit einem ganz anderen Vorschlag auf, der den Fußball in Deutschland von der Basis bis zur Spitze reformieren würde: nämlich die Coronakrise zu nutzen, um den Spielplan an den Jahreskalender anzupassen. "Bei allen Nachteilen müssen wir auch die Vorteile erkennen", erklärt Trageser im Gespräch mit sportschau.de.

Er schlägt vor, die unter DFB-Hoheit stehenden Amateurklassen, sofern von den Behörden erlaubt, erst im Sommer fortzusetzen: "Man fängt im Juli, August an und beendet die Runden im November. Sportlich wäre alles geregelt. Dann gibt es eine Winterpause. Im März fängt man mit einem Jahreskalender neu an. Darauf warten die Amateurvereine schon lange, damit wir die besten Monate für den Fußball ausnutzen.“

Der FC Bayern Alzenau habe sein letztes Heimspiel am 8. Mai und warte dann bis weit in den August, um wieder loszulegen. "Alle gehen doch lieber im Sommer in kurzen Hosen zum Fußball als im Dezember oder Februar, wenn es kalt und nass ist und die Plätze weich sind. Wenn man diese Krise nutzen will, stellt man jetzt auf den Jahreskalender um und hilft allen Vereinen von der C-Klasse am Ende bis zur Bundesliga.“

Dieser Schritt sei überfällig, sonst würden die kleinen Klubs auch ohne die Pandemie einen schleichenden Tod sterben, weil sich immer weniger Menschen an die Sportplätze begeben würden.

Das Nadelöhr zur 3. Liga als Problem

Der FC Bayern Alzenau ist so etwas wie ein gallisches Dorf in der Regionalliga Südwest, arbeitet mit einem Budget von rund 450.000 Euro, zwei Drittel fließen in die erste Mannschaft. Der Fußballverein ist in der Liga umzingelt von größeren Standorten, die teilweise unter Vollprofibedingungen nach höheren Sphären streben.

Der 1. FC Saarbrücken hat es in dieser Saison bis ins DFB-Pokalhalbfinale geschafft, dazu tummeln sich frühere Bundesligisten wie Kickers Offenbach oder FC Homburg in einer Spielklasse, deren Meister in schöner Regelmäßigkeit am Nadelöhr zur 3. Liga hängen blieben, ehe im vergangenen Sommer Waldhof Mannheim aufstieg und nun prompt ans Tor zur 2. Bundesliga klopft.

Plädoyer für den Saisonabbruch

Timo Kunert wirft vor seinem Trainer Thomas Brendel für den FSV Frankfurt ein

Timo Kunert wirft vor seinem Trainer Thomas Brendel für den FSV Frankfurt ein

Der Druck auf etliche Viertligisten ist gewaltig. Aus einem internen Email-Verteiler, in dem sich die Vertreter über die aktuelle Zwangspause austauschen, sind nach Informationen von sportschau.de gerade wenige bis gar keine Gemeinsamkeiten herauszulesen. Für einige Klubs geht es bereits ums nackte Überleben.

Beim FSV Frankfurt, nach dem Abstieg aus der zweiten Bundesliga schnell bis in die Regionalliga durchgereicht, warnt Präsident Michael Görner vor dem finanziellen Kollaps. Sein Trainer Thomas Brendel hat eine klare Meinung, was einen Saisonabbruch betrifft: "Ich halte eine Fortsetzung für nicht denkbar. Es soll keinen Auf- und keine Absteiger geben, und die Liga irgendwann neu gestartet werden.“ Wohl nicht die einzige Fußball-Spielklasse hierzulande, die im Moment in völliger Uneinigkeit gefangen ist.

Stand: 31.03.2020, 14:15

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