Rassismus-Affäre auf dem FC Bayern Campus: Gütetermin scheitert

FC Bayern Campus

Gütetermin vor dem Arbeitsgericht

Rassismus-Affäre auf dem FC Bayern Campus: Gütetermin scheitert

Von Matthias Wolf

Der vom FC Bayern wegen rassistischer Äußerungen entlassene Jugendtrainer wehrt sich gegen seinen Rauswurf vor Gericht. Ein Gütetermin vor dem Arbeitsgericht München blieb am Montag ergebnislos. Es geht auch um Geld.

15.30 Uhr, beste Bundesligaanstoßzeit: Am Montag (28.09.2020) wurde um diese Zeit der arbeitsrechtliche Aspekt der Rassismus-Affäre am Campus, dem Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern, vor dem Arbeitsgericht München verhandelt. Bei einem Gütetermin wurde geprüft, ob die Anwälte beider Parteien eine Einigung finden. Das taten sie nicht, weshalb nun ein Termin für die Kammerverhandlung festgesetzt wurde. Am 13. Januar 2021 wird es dann ernst.

Bayern-Anwalt spricht von "Pflichtverletzungen"

Zwar klagt der entlassene Jugendtrainer auf Kündigungsschutz und Weiterbeschäftigung – aber vor allem geht es wohl ums Geld. Vor dem Hintergrund seines bisherigen Jahresgehaltes von 160.000 Euro erhofft sich der Jugendtrainer eine stattliche Abfindungszahlung. Der Anwalt des FC Bayern, Oliver Grimm, machte jedoch auf Nachfrage von Richterin Heidrun Lipp deutlich, dass der Verein dazu keine Veranlassung habe. Man werde "nichts mehr draufsatteln", erklärte er.

Grimm nannte vor Gericht keinen konkreten Kündigungsgrund, sprach nur von "Pflichtverletzungen" seitens des Trainers, weshalb eine Aufhebungs- und Abwicklungsvereinbarung für beide Parteien sinnvoll gewesen sei. Weiteres werde er in den kommenden Wochen schriftlich erörtern. Der Bayern-Anwalt gab später auch keine Interviews.

Trainer soll unter Druck gesetzt worden sein

Seit Wochen behauptet der Anwalt des Trainers, Christian Nohr, sein Mandant sei bei der Unterzeichnung der Aufhebungs- und Abwicklungsvereinbarung von Campus-Leiter Jochen Sauer und Michael Gerlinger, dem Direktor Recht des FC Bayern, massiv unter Druck gesetzt worden. Diese Vereinbarung vom 17. August sollte die bereits ausgesprochene fristlose Kündigung vom 13. August ersetzen. Das Gehalt wurde so zwar noch bis Monatsende weiterbezahlt – aber weitere Ansprüche bestehen demnach nicht.

Rechtsanwalt Nohr: "Dann wäre er bundesweit verbrannt" Sportschau 28.09.2020 01:14 Min. Verfügbar bis 28.09.2021 Das Erste

Nur eine Stunde habe der Verein seinem Mandanten Zeit gelassen, ansonsten mit Veröffentlichung seines Namens in der Pressemitteilung zur Trennung gedroht, behauptet der Anwalt des Jugendtrainers. Das alles soll sechs Tage, nachdem Sport inside am 11. August erstmals über den Fall berichtet hatte, passiert sein. Der Anwalt verweist auf eine erste Version der Pressemitteilung, die seinem Mandanten vorgelegt worden sein soll. Darin sei der Name noch genannt worden. In der später veröffentlichten Mitteilung auf der Homepage fehlte der Name.

"Unser Mandant  ist mit dieser angedrohten Bloßstellung, die ihm seine Zukunft verbaut hätte, unzulässig unter Druck gesetzt worden", so Nohr. "Das sind Methoden wie im Mittelalter, als Leute an den Pranger gestellt wurden – und eines solchen Vereins mit Weltruf absolut unwürdig." Nohr führt als Zeugen die Ehefrau des Trainer und einen zweiten Anwalt an, der diesen strafrechtlich vertritt. Der FC Bayern hatte die Vorwürfe gegenüber Sport inside bereits bestritten. Grimm sagte nun in der Verhandlung, es habe "gar kein Druckpotenzial" bestanden, weil der Name des Trainers im Netz bereits in verschiedenen Foren genannt worden sei.

Rassismus-Eklat beim FC Bayern sport inside 02.09.2020 10:50 Min. UT Verfügbar bis 02.09.2021 WDR

Ein Ermittlungsverfahren gegen den Trainer eingestellt

Gegen den ehemaligen Jugendtrainer auf dem FC Bayern Campus gab es zwischenzeitlich auch zwei staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren. Eines wegen des Verdachts auf Volksverhetzung, das die Staatsanwaltschaft auf die Berichterstattung von Sport inside zu den Rassismus-Vorwürfen am Campus einleitete. Ein zweites wegen "Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr". Dabei ging es um Vorwürfe, der Jugendtrainer habe einem Spielerberater Jugendspieler als Klienten zugeführt, dabei auch Eltern zum Beraterwechsel genötigt und davon womöglich finanziell profitiert. Sowohl der Trainer als auch der Berater bestritten dies gegenüber Sport inside vehement. Das Verfahren wurde dann vergangene Woche mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt, bestätigte die Staatsanwaltschaft München I.

Auch den Rassismus-Vorwurf möchte man von Seiten des Jugendtrainers kleinreden. Nohr hofft, dass die schwersten Beweise gegen seinen Mandanten (die letztlich den FC Bayern zur Kündigung bewogen haben dürften) aus rechtlichen Gründen gar nicht erst zugelassen werden.

Es geht dabei um Chat-Protokolle, in denen der Mann mehrfach offen rassistisch Begriffe in Bezug auf Spieler mit ausländischen Wurzeln und deren Eltern verwendete. Rechtsanwalt Nohr verweist darauf, dass dieser Austausch "höchst privat" gewesen sei und die Teilnehmer der Chat-Gruppe auf "die Vertraulichkeit des Gesprächs" hätten vertrauen dürfen. Zu verurteilen sei demnach nicht sein Mandant, sondern nur die Person, die die Chat-Protokolle öffentlich machte.

Nohr versucht außerdem, die offen rassistischen Wortmeldungen mit dem Verweis auf den allgemeinen Umgangston in der Chat-Gruppe zu verwässern. 450 Seiten Chat-Protokolle habe er als Beweise der Polizei überlassen, "spätpubertäre Sprache" sei an der Tagesordnung gewesen. "Mein Mandant ist kein Rassist. Ich bin sicher, das Verfahren wird eingestellt", sagt Nohr. Dafür führt der Anwalt auch Videos an, die ehemalige Spieler am Campus erstellt hätten, um dem Trainer den Rücken  zu stärken.

Abmahnungen gegen weitere Campus-Mitarbeiter

Dass der Trainer im Arbeitsalltag regelmäßig offen rassistisch war, haben allerdings zahlreiche Trainer und Eltern gegenüber Sport inside bestätigt und dafür zahlreiche Vorgänge angeführt. Rassistische Äußerungen sollen auch in Trainersitzungen im großen Kreis gefallen sein. Das sollen Mitarbeiter auch in den zahlreichen internen Ermittlungsgesprächen mit der Rechtsabteilung des FC Bayern betont haben.

Ein ehemaliger Co-Trainer am Campus mit Migrationshintergrund schilderte Sport inside zum Beispiel den Fall, wie er in seinem Amt von dem Jugendtrainer abgelöst wurde. Man habe statt seiner nun endlich eine deutsche Qualitätslösung gefunden, soll der Trainer demnach erklärt haben. Ein weiterer Trainer bezeugte den Vorgang. "Jeder wusste, wie er denkt, was er für ein Rassist ist", so der Bayern-Mitarbeiter.

Mindestens zwei weitere anonyme Anzeigen machen deutlich, wie kleinteilig der ganze Vorgang mittlerweile geworden ist. Eine Anzeige richtet sich gegen einen anderen Trainer am Campus, einen engen Mitarbeiter des bereits entlassenen Trainers, und schildert detailliert einen Fall von Alltags-Rassismus gegen einen Bayern-Angestellten mit Flüchtlingshintergrund. Aus gut informierten Kreisen am Campus ist zu hören, wie sehr sich der Verein über all die Anzeigen und Ermittlungen ärgert. Denn diese kratzen am Image des Vereins, dessen Profis Weltklasse sind, während bei der Nachwuchsabteilung des Klubs scheinbar nahezu alle Kontrollinstanzen versagt haben.

Worum geht es dem FC Bayern?

Weitere Teilnehmer der Chat-Gruppe, die teilweise die rassistischen Äußerungen mit Lach-Emojis bedachten, sollen mittlerweile eine Abmahnung erhalten haben. Dennoch gibt es Zweifel daran, dass es dem Verein bei den angeblich immer noch laufenden internen Ermittlungen wirklich um die Klärung der Rassismus- und Mobbingvorwürfe gegen Spieler und Trainerkollegen geht.

Ein Mitarbeiter etwa schildert sein Gespräch mit Vertretern der Rechtsabteilung, das er nachträglich schriftlich protokolliert hat, eher wie ein Verhör, bei dem es seiner Ansicht nach vor allem darum gegangen sei, herauszufinden, wer die Sache öffentlich gemacht hat. Sein Eindruck: Vor allem das Thema Rassismus sei für den Verein mit einer einzigen Entlassung erledigt. Der FC Bayern wollte sich dazu auf Anfrage von Sport inside nicht äußern. Auch nicht dazu, ob Hermann Gerland seinen Posten als sportlicher Leiter des Campus im Zusammenhang mit der Affäre aufgegeben hat, um fortan ausschließlich als Co-Trainer der Profis zu arbeiten.

Sport inside liegt unterdessen der Brief eines 43 Jahre alten Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche vor, der sich als großer Fan des FC Bayern bezeichnet – und seinem Verein unmissverständlich mitgeteilt hat, was er von all dem hält: "Jeder einzelne dieser Trainer und Scouts hat sich selbst mit brauner Farbe besudelt", schrieb er an den Verein. Als unwürdig empfinde er seinen Eindruck, der FC Bayern wolle "Gras über die Sache wachsen lassen" und decke Mitarbeiter, die "entweder Rassisten oder feige Mitläufer" seien. "Sie mögen fachlich geeignet sein, aber charakterlich haben sie sich mit ihrem Verhalten jegliche Berechtigung zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen abgesprochen." Eine Antwort des Klubs auf seinen emotionalen Brief hat der fachkundige Fan bisher nicht erhalten.

Mitarbeit Sebastian Krause

Stand: 29.09.2020, 12:15

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