Ferraris Problem heißt (auch) Binotto

Ferrari - die Analyse

Analyse nach Spielberg-Debakel

Ferraris Problem heißt (auch) Binotto

Von Christian Hornung

Beim Saisonauftakt dreht sich Sebastian Vettel raus, beim zweiten Rennen schießt ihn der Teamkollege ab und crasht sich gleich mit aus dem Rennen. Noch kläglicher als die Fahrer präsentiert sich aber nur einer: der Teamchef.

Auch Mercedes hatte es in der Vergangenheit nicht immer so leicht wie jetzt. Da waren beispielsweise die Jahre, in denen sich Lewis Hamilton mit Nico Rosberg um die Weltmeister-Krone stritt. Auch dort gab es immer wieder knallharte teaminterne Duelle, Zoff um Stallorder, Psychotricks, Eifersüchteleien und auch Berührungen auf der Strecke. Die beiden Kampfhähne strapazierten ihre Teamleitung aufs Äußerste. Aber man hatte nie das Gefühl, dass Mercedes die Führung fehlte.

Montagstreffen mit Wolff und Lauda

Legendär waren die Montags-Treffen, in denen neben Motorsportchef Toto Wolff und beiden Fahrern auch der Aufsichtsratsvorsitzende Niki Lauda eingeflogen wurde, um Klartext zu sprechen - und den Piloten auch klare Konsequenzen aufzuzeigen. Danach wussten dann alle Beteiligten, was sie zu tun und was zu lassen hatten.

Vergleicht man das mit den Bildern, in denen Mattia Binotto am Sonntag (12.07.2020) noch während des Steiermark-Rennens durch die Gegend irrte, um Sebastian Vettel und Charles Leclerc in den Containern im Fahrerlager zu finden, seine Suche dann achselzuckend und ergebnislos einstellte, könnte man als Ferrari-Fan Tränen des Mitleids vergießen. Das sah erbärmlich aus.

Binotto: "Nicht die Zeit für Schuldzuweisungen"

Sportschau 13.07.2020 01:37 Min. Verfügbar bis 13.07.2021 ARD Von Jörg Seisselberg

Schlimmstmögliche Außendarstellung

Ferrari, das ist der Stolz einer ganzen Nation. Kult, Legende und Tradition. Es ist das Team, für das wohl jeder Formel-1-Fahrer, inklusive Lewis Hamilton, irgendwann einmal gefahren sein möchte. Aber in der aktuellen Verfassung von Ferrari ist ein Engagement des Sechsfach-Weltmeisters ohnehin nicht vorstellbar.

Schon im Vorjahr gelang es Binotto nicht mal im Ansatz, das Duell zwischen Newcomer Leclerc und Platzhirsch Vettel in gesunde Bahnen zu lenken. Es gab kein ersichtliches Konzept, keine klaren Ansagen, nicht mal eine Orientierung - und das schadete allen. Die Piloten behinderten sich über den gesamten Saisonverlauf eher gegenseitig als sich zu helfen. Mit der Konsequenz, dass das über weite Strecken stärkste Auto am Ende in der Weltmeisterschaft die Plätze vier und fünf belegte.

Null Lerneffekt

Gut möglich, dass Binotto jetzt bei seinem Irrlauf zwischen den Ferrari-Baracken seine Fahrer auf eine gemeinsame Deutung des peinlichen Erstrunden-Crashs einschwören wollte. Das ließ er dann eben einfach bleiben. Ob die Piloten auf ihn gehört hätten, wäre aber ohnehin fraglich gewesen, denn dass vor allem Vettel ihn als wirkliche Autorität akzeptiert, hat sich in der bisherigen Zusammenarbeit der beiden noch nicht untermauern lassen.

Diesmal war Binottos Eingreifen aber auch unnötig: Die Fahrer erledigten die verbale Schadenbegrenzung selbst sehr professionell. Vettel verpackte seine Wut in Fassungslosigkeit ("Ich weiß nicht, welche Lücke Charles da gesehen hat"), und Leclerc gab wohltuend ehrlich und auch glaubhaft sein völliges Versagen zu: "Seb trifft überhaupt keine Schuld, ich habe das Team im Stich gelassen."

Die üblichen Phrasen vom Teamchef

Warum die beiden Ferrari aber überhaupt wieder so weit hinten fuhren, warum das Auto 2020 nicht mal konkurrenzfähig um die Top-6-Ränge erscheint - darüber hätte man sich Auskünfte von Mattia Binotto gewünscht. Von ihm kamen aber einmal mehr nur die üblichen Phrasen: "Es tut weh, wenn man beide Autos so früh verliert" oder: "Trotzdem müssen wir nach vorne schauen."

Aus Binottos ganz persönlicher Sicht ist der Blick nach vorn in der Tat das Bestmögliche. Denn eine Rückschau auf das, was er Ferrari bisher gebracht hat - inklusive der Moderation von Vettels Abschied nach dieser Saison - würde extrem überschaubar ausfallen. Er ist weder ein großer Rennstratege noch gelingt es ihm, das Technik-Personal auf bestmöglichem Niveau aufzustellen. Binotto kann auch nicht mitreißen und wirkt völlig philosophielos. Der Teamchef ohne Führungsqualität ist nicht Teil des Problems bei Ferrari. Er ist das Hauptproblem.

Stand: 12.07.2020, 18:52

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