Analyse nach dem Grand Prix in Bahrain

Formel 1: Umstrittener Rettungsbügel jetzt offenbar Lebensretter

Von Christian Hornung

Entrüstung, Spott und viele hämische Kommentare hatte die Einführung des "Halo"-Systems 2018 in der Formel 1 ausgelöst. Jetzt in Bahrain rettete der Sicherheitsbügel offenbar das Leben von Romain Grosjean und half auch Lance Stroll.

"Das Halo-System ist das Schlimmste, was der Formel 1 je angetan wurde." Dieser Satz stammt vom im Vorjahr verstorbenen Niki Lauda. Die Rennfahrer-Legende war im Mai 2018 über die vom Automobilverband FIA verordnete Schutzvorkehrung so außer sich, dass der damalige Aufsichtsrats-Chef von Mercedes sogar mit dem Rückzug seines Teams aus der Formel 1 gedroht hatte.

"Wie ein fürchterlicher Toilettenring"

Marc Surer, wie Lauda über viele Jahre in der Formel 1 aktiv, ätzte nach der Einführung ebenfalls über den Halo: "Das Sicherheitsdenken ist hier übertrieben. Auf der einen Seite verbietet man die Heckflosse, um die Autos wieder schöner zu machen. Auf der anderen Seite baut man dann aber diesen fürchterlichen Toilettenring hin. Jetzt sehen die Autos wie Buggys aus. Das kann doch nicht sein."

Formel 1 - Der Grosjean-Crash und das HALO-System Sportschau 01.12.2020 02:30 Min. Verfügbar bis 01.12.2021 ARD Von Constantin Kleine

Es konnte doch sein. Durchgesetzt hatten sich die Befürworter des Sicherheitsaspektes gegen die Ästheten und Nostalgiker. Relativ unbestritten war von Beginn an, dass der Halo die bis dahin einzige ungeschützte Stelle des Fahrers - seinen Kopf - gegen mutmaßlich tödliche Fremdkörper wie beispielsweise umherfliegende Reifen oder Metallteile anderer Autos sichern würde. Ein Gegenargument der Kritiker war jedoch, dass die Zahl von Unfällen, bei denen in der Vergangenheit ein solcher Schutz geholfen hätte, sehr gering gewesen sei.

Haug zu Halo: "Ist jede Investition wert" Sportschau 30.11.2020 00:49 Min. Verfügbar bis 30.11.2021 Das Erste

Vettel und Ricciardo blieben gelassen

Die aktiven Fahrer hatten die Diskussion um den Halo deutlich gelassener geführt. "Es wird anders aussehen im kommenden Jahr, aber ich bin sicher, dass wir uns daran gewöhnen werden", kommentierte Sebastian Vettel seinerzeit. Daniel Ricciardo war auf seiner Seite: "Ich denke, es wird nicht so dramatisch sein, wie es viele Leute machen. Es sollte okay sein."

Lewis Hamilton begleitete die Debatte mit einer Mischung aus Kritik, Ironie und Fatalismus: "Die Ära der gutaussehenden Autos ist vorbei, es geht bergab. Aber immerhin nimmt die Sicherheit zu." Mit Blick auf die geschwungene Form des Halos ähnlich einer Sandalen-Schlaufe für die Zehen sagte er: "Wer weiß, vielleicht bringe ich nächstes Jahr eine Flip-Flop-Marke an den Start, mit der ich irgendwie erfolgreich sein werde."

Versöhnliche Töne nach Leclerc-Alonso-Crash

Deutlich versöhnlicher wurden die Töne im September 2018, als der damals noch für Sauber fahrende Charles Leclerc vom rechten Vorderrad des McLarens von Fernando Alonso erwischt wurde. Der Sauber-Halo fing die Belastung ab und blieb unbeschädigt - und schützte den Monegassen damit vor einer möglicherweise schweren Kopfverletzung.

Halo - Der "Heiligenschein", der Formel-1-Piloten das Leben rettet Sportschau 01.09.2018 01:00 Min. Verfügbar bis 29.11.2021 Das Erste

In der Folgezeit wich die Kritik immer mehr der Erkenntnis, dass der Halo nicht schön, aber sinnvoll ist. FIA-Rennleiter Charlie Whiting beruhigte auch ein wenig die Gemüter, indem er versprach, fortlaufend die Ästhetik des Cockpitschutzes zu überarbeiten.

Grosjean: "Ohne Halo könnte ich jetzt nicht zu Euch sprechen"

Dass es zum Glück kein Zurück gab, kein Einknicken gegenüber den Kritikern - das bestätigte jetzt der Rennsonntag in Bahrain gleich zweimal. Ex-Pilot Jean Alesi erklärte nach den Schockmomenten um Grosjean: "Man muss der FIA danken. Ich bin absolut sicher, dass der Halo Romain das Leben gerettet hat."

Am Sonntagabend meldete sich der Verunglückte Grosjean selbst via Social Media zu Wort: "Ich war vor einigen Jahren selbst gegen das Halo. Aber jetzt denke ich, dass es die großartigste Neuerung der Formel 1 war. Ohne Halo könnte ich jetzt nicht zu Euch sprechen."

Das Auto-Wrack von Romain Grosjean | Bildquelle: imago images / PanoramiC

Alan van der Merwe, der Fahrer des Medical Car, sagte sichtlich beeindruckt: "Ich habe in zwölf Jahren nicht so viel Feuer gesehen. Es ist super zu sehen, dass alles funktioniert hat: die Leitplanken, die Rettungsmaßnahmen und der Halo."

Halo half auch bei Stroll

Stärkere Argumente für den Schutzbügel als diesen Unfall hätte es kaum geben können. Und doch hielt das denkwürdige Bahrain-Rennen noch ein weiteres parat. Kurz nach dem Restart, knapp anderthalb Stunden nachdem Grosjeans Auto in Flammen aufgegangen war, überschlug sich Lance Stroll im Racing Point und landete auf dem Dach. Der Kanadier verließ das Fahrzeug dennoch aus eigener Kraft - auch das wäre ohne Halo nicht möglich gewesen.

Nach dem Rennen in Bahrain war denn auch Sieger Hamilton weit entfernt von seinen Äußerungen von vor zwei Jahren und stellte klar: "Man hat hier gesehen: Die FIA hat mit den Sicherheitsmaßnahmen und dem Halo einen tollen Job gemacht."