Russell Wilson - der Zauberer der NFL

Russell Wilson

Divisional Playoffs in der NFL

Russell Wilson - der Zauberer der NFL

Von Jannik Schlüter

In der Nacht auf Montag trifft Russell Wilson in den Divisional Playoffs mit den Seattle Seahawks auf Aaron Rodgers bei den Green Bay Packers. Beide gehören zu den spektakulärsten Quarterbacks der US-Football-Liga NFL. Für Wilson ist es auch ein Kampf gegen alte Dämonen.

Kurz nach der Pause zaubert Russell Wilson wieder: Mit einem 50-Yard-Pass auf seinen neuen 1.93-Meter-Empfänger D.K. Metcalf bringt Wilson seine Seahawks im Wildcard-Spiel gegen die Philadelphia Eagles auf Siegeskurs. Zwei Minuten vor Schluss greift er dann nochmal in die Trickkiste: dritter Versuch und noch zehn Yards zu gehen, kurz vor der eigenen Endzone.

Wilsons vielleicht bestes Jahr

Alle im Stadion - und auch die Eagles – rechnen mit einem Lauf. Philadelphia würde bei einem erfolgreichen Stoppen den Ball nochmal zurückbekommen und hätte die Chance auf den Ausgleich. Aber nicht mit Wilson: Der schaut kurz, geht das Risiko ein und wirft einen langen Ball. Und natürlich steht da wieder Metcalf. Damit besiegelte Seattle am vergangenen Wochenende den Einzug in die nächste Runde gegen die Green Bay Packers.  

Wilson gehört seit fast neun Jahren zu den besten Quarterbacks der NFL. Auch dieses Jahr spielt er auf MVP-Niveau. 31 Touchdowns bei nur fünf Interceptions – noch nie hatte er weniger. Es ist vielleicht sogar das beste Jahr seiner Karriere. Dabei wurde Wilson 2012 im NFL-Draft erst an dritter Runde gedraftet. Doch schon während der ersten Preseason machte der Rookie auf sich aufmerksam und wurde prompt und für viele überraschend von Cheftrainer Pete Carroll zum Starter gemacht. Unter seinem Förderer spielte sich Wilson bisher sechsmal in den Pro Bowl, zweimal in den Super Bowl und in tausende deutsche Fanherzen.

Was macht Wilson so gut?

Russell Wilson ragt heraus, allerdings nicht körperlich. Mit gerade einmal 1,80 Metern gehört er zu den kleinsten Quarterbacks der Liga. Viele Experten befanden ihn einst sogar als zu klein für die NFL. Seine geringe Größe verschafft ihm aber auch einen großen Vorteil: Wilson ist flink und erläuft selber viele Yards und Touchdowns.

Insgesamt fand er schon 19 Mal den Weg zu Fuß in die Endzone. Und auch wurftechnisch ist der 31-Jährige herausragend. Vor allem seine wenigen Fehler stechen heraus: Gerade mal 68 Interceptions hat Wilson in seiner NFL-Karriere produziert. Diese Mischung aus Lauf und Wurf wird in Fachkreisen als "Dual-Threat-Quarterback" bezeichnet, Wilson ist der Prototyp.

Wilson der Improvisationskünstler

Doch seine größte Stärke ist nicht der Körper, sondern der Kopf. Wilson gilt als sehr intelligent, listig, cool. Vor allem in den Schlussphasen der Spiele spielt er groß auf. Egal, wie unwahrscheinlich eine Aufholjagd erscheint, mit dem Quarterback der Seattle Seahawks ist sie irgendwie doch noch möglich. "Du kannst in solchen Situationen keinen besseren Mann haben", sagte sein Trainer Pete Carroll jüngst. "Egal was passiert, mit ihm hat man eine Chance."

Wilson ist Improvisationskünstler: Seine Fähigkeiten, aus verloren geglaubten Spielzügen doch noch Punkte zu zaubern und aus jeder noch so brenzligen Situation zu flüchten, haben ihm schon oft den Titel des amerikanischen Entfesslungskünstler Harry Houdini beschert.

Größter Erfolg, bitterste Niederlage

Wilson, der sich selber als "Mr. Unbegrenzt" bezeichnet, ist ein Gewinnertyp: Bereits in seinem zweiten Jahr in der Liga gab es den ganz großen Erfolg: 2013 trug er mit zwei Touchdown-Pässen zum 43:8-Erfolg gegen die Denver Broncos bei. Mit 25 Jahren ist Wilson Super-Bowl-Champion. In dieser Zeit sind die Seattle Seahawks das Maß der Dinge.

Nur ein Jahr später darf der Mann aus Cincinnati sich fast den zweiten Ring an den Finger stecken. Im Super Bowl gegen die New England Patriots trennt die Seahawks beim Stand von 24:28 Sekunden vor Schluss nur noch ein Yard vom Touchdown und damit vom nächsten Meistertitel. Doch statt Runningback Marshawn Lynch den Ball laufen zu lassen, entscheiden sich Wilson und Trainer Carroll für einen Pass. Was folgt, ist wohl die bekannteste Interception der Super-Bowl-Geschichte. Danach ist Schluss. Aus. Seattle ist entthront.

Für viele Experten in den USA gehören diese dramatischen Schlussszenen zu den bittersten Niederlagen aller Zeiten. Die Zeitungen titeln: "Schlechteste Entscheidung in der Geschichte." Der Quarterback nimmt die Verantwortung auf sich, doch Wilson wäre nicht Wilson, wenn er sich vom bittersten Moment seiner Karriere beeinflussen lassen würde: "Ich schaue nur nach vorne auf die nächste Gelegenheit, Football zu spielen."

Und doch bedeutete der fatale Pass einen Knick für Wilson und die Seahawks: Für den Super Bowl reichte es seitdem nicht wieder. In den folgenden Jahren war spätestens im Viertelfinale Schluss. 2017 verpasste Wilson das erste Mal in seiner Karriere sogar ganz die Playoffs. Die Los Angeles Rams und die San Francisco 49ers liefen Seattle in deren Divison den Rang ab.

Houdini trifft auf Houdini

Auch dieses Jahr reichte es nicht für Platz Eins in der eigenen Division. Dank Russell Wilson und D.K. Metcalf steht Seattle nach dem Sieg in der Wildcard-Runde jetzt aber wieder im Viertelfinale. Gegen die Green Bay Packers und Aaron Rodgers. Auf den ersten Blick haben Wilson und sein Gegenüber Rodgers nicht viel gemein. Doch der Blick täuscht: Wenn Wilson auf Rodgers trifft, treffen zwei der spektakulärsten Quarterbacks der NFL und zwei Super-Bowl-Champions aufeinander.

Wie Wilson gilt auch Rodgers in Fachkreisen als Houdini, als Quarterback, der das Unmögliche möglich macht. Der sich auch noch aus dem größten Druck befreien kann. Dieses Jahr schrieb Rodgers zwar nicht die größten Schlagzeilen, trotzdem hat der 36-Jährige insgesamt das beste Quarterback-Rating aller Zeiten. Ein Platz hinter ihm: Wilson. Die beiden Quarterbacks sind die einzigen mit einem Rating über 100. Kein Wunder also, das beide zu den bestbezahlten Spielern der Liga gehören. Wilson ist mit umgerechnet 35 Millionen Euro pro Jahr sogar der bestbezahlte Spieler überhaupt.

Im direkten Vergleich zwischen den beiden Quarterbacks steht es 4:3 für Wilson. Das Problem: Das Spiel findet im Lambeau Field in Green Bay statt. Noch nie konnte Wilson hier mit den Seahawks gewinnen. Fakt ist: Russell Wilson muss in Bestverfassung auftreten, um im eiskalten Green Bay zu bestehen und das erste Mal seit fünf Jahren wieder ins Halbfinale einzuziehen. Und damit weiter vom zweiten Super-Bowl-Ring träumen zu dürfen.

Stand: 10.01.2020, 13:52

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