NFL-Topspiel mit den "Kronprinzen"

Lamar Jackson (l.) umarmt Patrick Mahomes

NFL, 3. Spieltag

NFL-Topspiel mit den "Kronprinzen"

Von Robin Tillenburg

Das Duell der Baltimore Ravens gegen die Kansas City Chiefs (in der Nacht zu Dienstag, 29.09.2020/MEZ) ist nicht nur das Aufeinandertreffen zweier Titelfavoriten, sondern auch das Duell der beiden die US-Football-Liga NFL prägenden Quarterbacks der neuen Generation.

An die Performance von Patrick Mahomes im jünsten Super Bowl kann sich wohl jeder noch erinnern. Der Quarterback der Kansas City Chiefs führte sein Team nach einem Zehn-Punkte-Rückstand am Ende des dritten Viertels mit einem sensationellen Schlussspurt noch zu einem Elf-Punkte-Sieg und somit zum Titel.

Zwei MVPs gegeneinander

Kein Wunder also, dass der heute 25-Jährige zum Super-Bowl-MVP gekürt wurde. Vor dieser Saison erhielt der Mann mit der Nummer 15 dann den finanziellen Lohn für seine Top-Leistungen im Dienste der Chiefs: Sein Zehnjahresvertrag, durch den er etwa 500 Millionen Dollar verdienen dürfte, ist der höchstdotierte Sportlervertrag aller Zeiten.

In der vergangenen Regular Season aber musste Mahomes die höchste individuelle Auszeichnung an einen Positionskollegen abtreten: Der erst 23 Jahre alte Lamar Jackson von den Ravens wurde mit der Kombination aus extrem dominanten Lauf- und einem ebenfalls starken Passspiel zum wertvollsten Spieler der Saison gewählt. Beide Auszeichnungen waren verdient, beide Quarterbacks sind die Gesichter ihres Teams, beide sind ähnlich alt. Viele Experten sehen in diesem Duell die nächste "große" Quarterback-Rivalität, die die kommenden Jahre der NFL prägen wird.

Aktuell zeigt der Trend jedenfalls in diese Richtung, auch wenn ein Russell Wilson von den Seattle Seahawks trotz einiger Jahre "Vorsprung" durchaus noch die ein oder andere Saison auf allerhöchstem Niveau vor sich zu haben scheint, und in Kyler Murray von den Arizona Cardinals schon der nächste Jungspund beachtliche Leistungen vollbringt.

Ravens-Defense extrem dominant

Dass es aber das Duell "Jackson gegen Mahomes" ist, über das am meisten gesprochen wird, liegt auch an den jeweiligen Teams. Denn in "Ravens gegen Chiefs" steckt deutlich mehr als nur die beiden jungen Superstars.

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Die dominante Defense der Ravens ist nämlich auch ohne den entlassenen Star-Safety Earl Thomas ein dickes Brett, an dem sich die Cleveland Browns und die Houston Texans die Zähne ausbissen. Die Cornerbacks Marcus Peters und Marlon Humphrey gehören zu den stärksten Duos der Liga. Die offensiv auf dem Papier so stark besetzten Browns konnten nur sechs Punkte erzielen, die Texans "immerhin" deren 13. Dass es dabei auch 38, beziehungsweise 33 Punkte für die Ravens gab, sorgte für zwei sehr klare Siege.

Passspiel wird immer besser - und schafft Platz für den Run

Dabei verließ sich Baltimore aber nicht nur auf das ja schon vergangenes Jahr so starke Laufspiel, das durch die Addition von Rookie J.K. Dobbins noch schwerer auszurechnen ist, sondern zeigte auch etliche tiefe Pässe, die das Feld so weit auseinanderzogen, dass wiederum mehr Raum für Laufspiel entstand. 9,8 Yards pro Pass sind Liga-Spitzenwert.

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Dass Jackson mal zu solchen Statistiken in der Lage sein würde, hätte nach seiner Rookie-Saison 2018/19 wohl niemand wirklich geglaubt. Spötter bezeichneten ihn wegen seiner vielen (auch erfolgreichen) Laufversuche, aber dem noch ziemlich rohen Passspiel als Running Back, dessen Spiel als Quarterback schon bald von gegnerischen Defensivreihen durchschaut werden würde. Doch der ehrgeizige First-Round-Pick aus Louisville nahm sich das zu Herzen und entwickelte seine Fähigkeiten als Passer in Windeseile weiter bis auf gehobenes NFL-Niveau.

Der große Gradmesser

Head Coach John Harbaugh und sein Team passten das Angriffsspiel der Ravens schnell auf die Stärken ihres neuen Quarterbacks an - und haben das in dieser kurzen Offseason offenbar noch weiter verfeinert. Die Ravens sind sowohl offensiv als auch defensiv kaum auszurechnen, und auch wenn die Browns und die Texans wohl mit dem Kampf um den Super Bowl nichts zu tun haben werden (die Texans möglicherweise nicht einmal mit dem um die Playoffs), sind sie doch keine Laufkundschaft. Die Dominanz an beiden Enden des Feldes hat bisher in dieser Saison noch kein Team so ausgestrahlt wie die Ravens. Allerdings kommt jetzt auch einer der größten Gradmesser.

Spektakuläre Aktion: Tackling an Wide Receiver Tyreek Hill

Pfeilschnell: Wide Receiver Tyreek Hill

Denn dass Mahomes mit seinem überragenden Arm und seiner eigenen, ja manchmal vergessenen, großen Beweglichkeit für jede Defense ein riesiges Problem sein kann, hat er in den vergangenen Jahren konstant bewiesen. Mit Tigh End Travis Kelce, dem unfassbar schnellen Tyreek Hill und dazu noch Sammy Watkins, Mecole Hardman und Demarcus Robinson hat er ein extrem gefährliches Ensemble an Passemfängern zur Verfügung, die gegnerische Defenses erst einmal alle ausschalten müssen. Dazu steht in Rookie Clyde Edwards-Helaire eines der größten Running-Back-Talente der NFL im Backfield, das auch als Passempfänger zu gebrauchen ist.

Kansas City muss den Lauf stoppen

Die Defense der Chiefs sieht in dieser Saison bisher eher durchwachsen aus. Der Pass Rush ist weiterhin gefährlich, der Druck auf Jackson dürfte also relativ hoch sein - muss er aber auch. Denn gegen den Run hatten die Chiefs in dieser Spielzeit bisher größere Probleme. Obwohl sie zweimal siegreich waren, gelangen den gegnerischen Teams drei Rushing Touchdowns, im Schnitt gab man bisher die sechstmeisten Yards der Liga gegen gegnerisches Laufspiel ab, obwohl darunter kein richtig langer Lauf vertreten war. Der längste, den man zuließ, betrug 19 Yards.

Comeback-Qualitäten nicht zu sehr ausreizen

Statstisch auffällig: Saisonübergreifend lagen die Chiefs bei vier ihrer jüngsten fünf Siege mit zehn Punkten oder mehr im Rückstand. Gegen die Texans zum Saisonstart waren es "nur" sieben Zähler, die Mahomes und Co. aufholen mussten. Diese Comeback-Qualitäten sprechen für die Mentalität der Mannschaft - keine Frage. Gegen Baltimore könnte eine große Aufholjagd aber problematisch werden. Das starke Laufspiel der Ravens kann in Führungssituationen extrem gut und extrem viel Zeit von der Uhr nehmen, die Secondary in der Defense wiederum bestraft Risiko-Pässe ziemlich zuverlässig. Die Chiefs sollten sich ihren obligatorisch gewordenen langsamen Start ins Spiel also eher sparen.

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Noch einmal zurück zum "Privatduell" Jackson gegen Mahomes: Jackson hat als Starting Quarterback in der Regular Season bisher gegen alle anderen NFL-Teams zusammengenommen eine unglaubliche Bilanz von 21:1. Gegen Mahomes und die Chiefs steht er allerdings 0:2. Es ist davon auszugehen, dass Jackson diese Zahlen kennt. Für das Entstehen einer echten Quarterback-Rivalität über einen längeren Zeitaum sollte er Mahomes nicht zu weit enteilen lassen.

Stand: 28.09.2020, 12:00

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