Novak Djokovic auf der Anlage in Wimbledon

Vor Start des Tennis-Turniers Streit um Weltranglistenpunkte in Wimbledon

Stand: 25.06.2022 12:32 Uhr

Weil in Wimbledon Spielerinnen und Spieler aus Russland und Belarus nicht starten dürfen, sollen auch keine Weltranglistenpunkte vergeben werden. Dies belastet die Atmosphäre vor dem Tennis-Klassiker.

Wimbledon lebt von seiner großen Tradition und gilt nach wie vor als das konservativste Turnier der Tennis-Welt. Dies heißt aber nicht, dass sich die Organisatoren grundsätzlich gegen Neuerungen sperren: Erstmals in der Geschichte des Turniers ist der "middle sunday" in diesem Jahr nicht als fester Ruhetag vorgesehen. Bislang waren bei 134 Ausgaben des Turniers am Sonntag nach der ersten Woche nur viermal kurzfristig Matches angesetzt worden, meistens wegen vorausgegangener Wetterkapriolen.

Bei einem anderen, viel diskutierten Thema, blieb die Turnierdirektion aber vor dem Start am Montag (27.06.2022) hart: Die Verbannung von Spielerinnen und Spielern aus Russland und Belarus, die das Turnier schon im April als Teil der Sanktionen wegen des Ukraine-Kriegs beschlossen hatte, sei nach wie vor "die richtige Entscheidung", bekräftigte Turnierchefin Sally Bolton am Donnerstag bei der BBC.

Keine Weltranglistenpunkte in Wimbledon

Die Profi-Organisationen ATP und WTA, verstimmt von der Ausladung russischer und belarusischer Profis, hatte daraufhin angekündigt, ausgerechnet das bedeutendste Tennisturnier der Welt aus der Wertung für die Weltrangliste zu nehmen. Eine Eskalation, die auch in Wimbledon mit "großem Bedauern" aufgenommen wurde, wie  Turnierchefin Bolton sagte, die Verantwortung dafür reichte sie aber an ATP und WTA weiter. Bolton betonte, dass sie darüber weiter Gespräche mit den Organisatoren der Tour führe. Es sei immer noch möglich, dass diese die Entscheidung wieder rückgängig machten, bevor die ersten Matches an der Church Road starten.

Djokovic mit deutlicher Kritik

Novak Djokovic wird dort als Titelverteidiger aufschlagen. Der Serbe gehörte im Vorfeld zu den Spielern, die die Streichung der Weltranglistenpunkte deutlich kritisiert hatten. Djokovic, aktuell auf Platz drei der Weltrangliste und in Wimbledon an Nummer eins gesetzt, wäre nach dem Ausschluss des russischen Weltranglisten-Ersten Daniil Medwedew eigentlich einer der Profiteure gewesen. Im Fall eines Wimbledon-Sieges hätte Djokovic 2.000 Punkte fürs Ranking einstreichen und damit mächtig Boden auf Medwedew gut machen können. Nun könnte der Serbe als Vorjahressieger aber im Ranking sogar weiter in Rückstand geraten, weil in der Weltrangliste die Punkte nach einem Jahr aus der Wertung fallen. Djokovic forderte die ATP auch deshalb auf, die in Wimbledon im Vorjahr gesammelten Punkte unangetastet zu lassen.

Tomljanovic droht Absturz: "Sehr unfair"

Ähnlich äußerte sich auch Alja Tomljanovic. Die Australierin erreichte im vergangenen Jahr in Wimbledon erstmals das Viertelfinale und kletterte in der Weltrangliste auf Position 38 - ihre bislang beste Platzierung. Doch auch ihr droht nun ein Absturz, womöglich bis auf eine Position um Platz 80, wenn ihr starkes Vorjahresergebnis aus Wimbledon im Ranking nicht mehr berücksichtigt wird: "Man nimmt uns die Chance, die Punkte aus dem Vorjahr zu verteidigen. Das ist wirklich sehr unfair", sagte Tomljanovic dem "Guardian". Zugleich bekräftigte sie aber, dass ein Boykott des prestigeträchtigen Rasenturniers für sie nie ein Thema gewesen sei.  

Cameron Norrie, die Nummer eins bei den britischen Herren, hatte im Vorfeld des Turniers gemutmaßt, viele Stars könnten auf einen Start in Wimbledon verzichten, wenn es keine Punkte fürs Ranking gibt. Diese düstere Prognose hat sich jedoch nicht bestätigt. Nur die Kanadierin Eugenie Bouchard, Finalistin von 2014, begründete ihre Absage mit der fehlenden Chance auf Weltranglistenpunkte. Doch alles, was sonst Rang und Namen hat und spielen kann, ist im berühmten Stadtteil SW 19 am Start: "Wimbledon ist für mich Wimbledon, ob mit oder ohne Punkte", sagte Angelique Kerber, die 2018 auf dem heiligen Rasen triumphierte. Das besondere Flair möchte sie auch diesmal wieder spüren, sagte Kerber der "FAZ": "Jeder, der irgendwelche Zweifel an Wimbledon in diesem Jahr hat, hat die Bedeutung des Turniers und den Sport an sich nicht richtig verstanden."