Serena Williams bei den Vorbereitungen in Wimbledon

Tennis in Wimbledon Serena Williams - Comeback mit Fragezeichen

Stand: 26.06.2022 10:24 Uhr

Exakt ein Jahr nach ihrem letzten Auftritt kehrt Serena Williams im Alter von fast 41 Jahren nach Wimbledon zurück – quasi ohne Wettkampfpraxis. Wie gefährlich kann die US-Amerikanerin der Konkurrenz noch werden?

Von Jannik Schneider

Die wenigen Augenzeugen sahen am Freitagnachmittag auf dem noch geschlossenen Centre Court eine echte Weltpremiere. Eric Hechtmann, der neue Teilzeitcoach von Serena Williams, platzierte gleich zu Beginn der Einheit Trainingshütchen, die seiner Spielerin als Zielpunkte dienen sollten.

Das kann es so in der 100-jährigen Geschichte des Centre Courts noch nicht gegeben haben, da die Verantwortlichen des Events erst seit diesem Jahr ausgewählten Spielern vorab Übungseinheiten auf den größten Plätzen der Anlage gewährleisten, um sich an die durchaus rutschigen Bedingungen zu gewöhnen. Vor einem Jahr war Williams auf eben jenem Court ausgerutscht, zog sich einen Muskelriss im Oberschenkel zu und musste aufgeben. Es war ihr letztes professionelles Einzel bislang.

Serena Williams verschwand von der Sport-Bühne

Das nun kurzfristig anberaumte Comeback bedeutet die Rückkehr der erfolgreichsten Spielerin der vergangenen 25 Jahre. Serena Williams hat 73 WTA-Titel vorzuweisen, seit dem Premierensieg bei den US Open im letzten Jahrtausend 1999 genau 23 Grand-Slam-Turniere gewonnen und dabei alleine durch Preisgeld rund 94 Millionen US-Dollar verdient.

Ein Vielfaches dieses Beitrags generiert der Superstar noch immer als Werbefigur und Geschäftsfrau. Erst Naomi Osaka löste sie als bestverdienende Sportlerin der Welt ab.

Williams zuletzt nur noch Geschäftsfrau

Während der zwölfmonatigen Pause nun sammelte sie rund 111 Millionen US-Dollar für ihren Fonds "Serena Ventures", der jungen, diversen Unternehmern Starthilfe geben soll, investierte in den nun aktiven Frauenfußballklub Angel City in Los Angeles und wurde sogar mit einem gescheiterten Angebot als Investorin beim FC Chelsea in Verbindung gebracht.

Erst vor den French Open, die am 23. Mai starteten, habe sie die Entscheidung getroffen, in Wimbledon zurückkehren zu wollen, bekannte Williams bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im vollbesetzten Pressekonferenzsaal am Samstagnachmittag.  

Wenig Zeit für ein Comeback, das den Ansprüchen einer Weltsportlerin genügt und so funktionierte ihr fünfköpfiges Team den heiligen Rasen beim prestigeträchtigsten Event der Tenniswelt kurzerhand in eine Art Übungsplatz mit dem Flair einer Klubanlage um.

Training ist auch notwendig, denn schon vor ihrer Auszeit war Williams nicht mehr über alle sportlichen Zweifel erhaben gewesen. Den Grand-Slam-Rekord (24) der wegen politisch fragwürdiger Äußerungen umstrittenen Australierin Margaret Court vermochte sie seit ihrem letzten Majorsieg bei den Australian Open 2017 nicht zu egalisieren – vier große Finals verlor die US-Amerikanerin, in Wimbledon 2018 gegen Angelique Kerber (2019 gegen Simona Halep).

Trainingseinheit mit Ons Jabeur 

Auf dem Centre Court versuchte Williams zu Beginn recht untypisch Lobs und Sliceschläge nahe an die ausgewählten Flächen zu spielen. Nach wenigen Minuten wurden die Hilfestellungen eingesammelt und ihr offizieller Hittingpartner Jarmere Jenkins startete seine Arbeit. Der Amerikaner verrichtete am Freitag gleich bei zwei knapp einstündigen Einheiten seinen Dienst, am Samstag kam ein weiterer Einsatz auf Trainingsplatz acht im Aorangi Park hinzu. Beobachter wurden trotz Zugangsbestätigung rund 50 Meter vorher gestoppt – ein geheimes Training sollte es bitte schön schon sein, denn die zweite Einheit absolvierte sie dann vor einigen Schaulustigen mit Ons Jabeur.

Mit der tunesischen Weltklassespielerin hatte sie diese Woche beim kurzfristig gemeldeten Doppelwettbewerb in Eastbourne zwei Matches gewonnen. Dann zog Jabeur verletzungsbedingt zurück. Angesichts ihrer Spritzigkeit im Training am Samstag wohl eher eine taktische Maßnahme, um beiden Akteuren mehr Trainingszeit in London zu verschaffen.

Power bei Aufschlag und Return noch immer Waffen

Der Aufschlag und der Return von Williams sahen in den sichtbaren Einheiten noch immer stark aus. Bei intensiveren Beinarbeitsübungen mit Wechselschlägen von Vorhand- auf Rückhandcross erhöhte sich ihre Fehlerquote rasch und die schnellen Sidesteps wurden von zu großen Überkreuzschritten abgelöst. Ihre nach wie vor vorhandene Power und die Aufmerksamkeit, die den Gegnerinnen bei einem Aufeinandertreffen beim wichtigsten Turnier des Jahres zuteil wird, sollten Williams helfen, konkurrenzfähig zu sein.

Am Dienstag eröffnet Williams ihr Wimbledonturnier gegen die Französin Harmony Tan (113 der Welt). In Runde drei könnte Karolina Pliskova warten. Die Tschechin bremste die Euphorie: "Matches sind etwas anderes als Training. Es wird super schwierig für sie, ganz egal was sie für eine Spielerin ist."

Williams: "Ich bin noch nicht zurückgetreten"

"Ich bin noch nicht zurückgetreten", erklärte Williams in ihrer Presserunde. "Ich musste einfach physisch und mental genesen", sagte sie und wählte ihre Worte generell mit Bedacht. Fragen zum Krieg und der Wimbledonsperre russisch- und weißrussischer Spieler wich sie ebenso aus wie zum gekippten Recht auf Abtreibung in den USA.

Auch zu einer Aussage über sportliche Ziele ließ sie sich auf Sportschau-Anfrage nicht hinreißen: "Sie wissen die Antwort darauf". Wenig später ergänzte sie: "Ich habe hohe Ziele, aber ich werde dazu nicht mehr sagen."  Ihr Trainer Hechtmann wurde in der New York Times deutlicher: "Sie spielt Wimbledon aus einem Grund. Wie jeder, der in dieses Turnier startet, ist auch unser Ziel, das Event zu gewinnen."

Ob es ihr letzter Auftritt in Wimbledon ist? Williams erklärte, sie wisse ehrlich nicht, ob dies so sei. Sicher ist: 2023 wäre sie fast 42 Jahre alt.