Carlos Alcaraz während der French Open.

Tennis | French Open Alcaraz und die French Open: Der Nachwuchsstar, der an Nadal erinnert

Stand: 22.05.2022 18:44 Uhr

Zum Start der French Open wird Teenager Carlos Alcaraz nahezu überall auf der Anlage in Paris gehyped – und weckt nach den zahlreichen Erfolgen 2022 Erinnerungen an den jungen Rafael Nadal.

Von Jannik Schneider

Längst hatte sich eine lange Schlange gebildet am Sonntagmittag (22.05.2022) vor diesem zugegeben recht kleinen Court Nummer drei im Stade de Roland Garros. Mehrere hundert Fans warteten mehr oder minder geduldig auf einen frei werdenden Platz für die öffentliche, rund 30-minütige Trainingseinheit von Carlos Alcaraz vor seinem Match gegen den Argentinier Juan Ignacio Londero, das er ein paar Stunden später locker in drei Sätzen gewinnen sollte.

Die Fans wollten unbedingt dem jungen Spanier zuschauen, obwohl bereits mehr als ein Dutzend "richtige" Erstrunden-Matches auf den umliegenden Plätzen liefen an Tag eins dieser French Open 2022.

Parallelen zu Nadal

Die Glücklichen rund 2.000 Beobachter, die es auf den Platz geschafft hatten, machten sich ein eigenes Bild von der heißesten Versprechung im Herrentennis seit 2005. Damals hatte ein gewisser Rafael Nadal im Vorfeld des Sandplatzhighlights kurz vor seinem 19. Geburtstag fünf Turniere gewonnen, darunter die Mastersevents in Monte Carlo und Rom, bevor er sich aufmachte und die Anlage der French Open eroberte – zum ersten von bis heute dreizehn Mal.

Nun ergibt es sich in der Historie dieser besonderen Einzelsportart, dass Nadal im Spätherbst seiner Weltkarriere kurz vor seinem 36. Geburtstag immer noch nach Titel Nummer 14 strebt. Alcaraz (19), ist einer der wenigen ernstzunehmenden Widersacher des Sandplatzkönigs und zu Turnierbeginn überall präsent.

Alcaraz hat 2022 im Vergleich zwar "nur" vier Events gewonnen. In Madrid besiegte der Teenager aus Murcia allerdings Nadal und Novak Djokovic nacheinander. Auf Sand war das zuvor noch niemanden gelungen. Im Finale überrollte er Alexander Zverev. Zum letzten Kräftemessen nach Rom reiste der Spanier dann nicht, um Kräfte zu sparen. Im Viertelfinale von Paris könnte der an sechs gesetzte Rechtshänder erneut auf Zverev treffen. Die deutsche Nummer eins war ob der Auslosung dementsprechend bedient.

Alcaraz in Paris omnipräsent

Am Freitag zierte Alcaraz das Cover in Frankreichs beliebter und weltweit anerkannten französischen Sporttageszeitung L'Équipe. Mit entsprechenden Französischkenntnissen können Interessierte eine emotionale Homestory aus Murcia nachlesen: die grüne Ballwand in einem Autopark, die er als 7-Jähriger schon malträtierte, die herausragenden sportlichen Fähigkeiten sportartübergreifend, die die Mutter verängstigte und den Vater ermutigte, ihn zu fördern sowie das kürzlich von Alcaraz erworbene Grundstück, direkt in der Mitte liegend zwischen Murcias ärmeren und nobleren Vierteln als Beweis der familiären Bescheidenheit.

"Werde in Paris um den Titel kämpfen"

Alcaraz tritt, ähnlich wie Nadal, stets zuvorkommend und bescheiden auf. Auch die New York Times besuchte ihn unlängst; das Management filtert die unzähligen Anfragen gekonnt. Am Medientag stand er überraschend nicht auf der Liste der Pressekonferenzen, sondern erledigte in der Mixed Zone verschiedene kurze TV-Interviews. In Madrid hatte Alcaraz sich letztmals öffentlich in einer Presserunde geäußert mit einem Mix aus Demut und Selbstverständnis: "Nur weil ich in Barcelona gewonnen und Djokovic und Nadal in Madrid geschlagen habe, halte ich mich nicht für den besten Spieler der Welt. Dieser Sieg in Madrid gibt mir viel Selbstvertrauen für Roland Garros. Ich werde in Paris mit aller Kraft um den Titel kämpfen."

Die Zuschauer auf Platz drei raunten mehrmals ob der Schlaghärte des 19-Jährigen, die schon jetzt ihresgleichen sucht auf der ATP-Tour und am ehesten an Juan Martin del Potro erinnert. Gepaart mit überdurchschnittlich gutem Ballgefühl, einer herausragenden Entscheidungsfindung und bisher wenigen mentalen Schwächen flößt er seinen Gegnern Angst ein.

Alcaraz und der erstaunliche Entwicklungsschub

Seit er 15 Jahre alt ist, trainiert Alcaraz in der Akademie von Zverevs Extrainer Juan Carlos Ferrero in Alicante, der dem leicht zu führenden Talent Disziplin und einen angsteinflößenden physischen Entwicklungsschub verpasst hat. Seit er mit 14 Jahren aus der Qualifikation das Viertelfinale eines Herrenturniers erreichte, eilt Alcaraz von Erfolg zu Erfolg.

Auffällig: In den Anti-Doping-Statistiken des Weltverbands ITF ist nachzulesen, dass Alcaraz 2021 der am wenigsten getestete Spieler in den Top Ten war. Sechs Mal wurde er bei Turnieren getestet, kein einziges Mal bei sogenannten unangekündigten "out-of-competition-tests" im Training in der spanischen Heimat. Wie oft er zusätzlich von der spanischen Anti-Doping-Agentur (Aepsad) angetroffen wurde, ließ die Agentur auf Anfrage unbeantwortet. Während der Corona-Hochphase mussten die Spanier zugeben, sportartübergreifend für mehrere Monate gar nicht getestet zu haben.

Erst seit Januar im Doping-Testpool

Der Weltverband ITF schrieb auf Anfrage, dass Alcaraz erst im Januar 2022 in den internationalen Testpool (IRTP) aufgenommen wurde, in dem der Spieler angeben muss, wo er sich aufhält und eine gewisse Anzahl an den im Kampf gegen EPO- und Blutdoping so wichtigen Bluttests für den biologischen Blutpass abgeben muss.

Alcaraz hat sich spielerisch derart schnell nach oben gespielt, dass weder Konkurrenten noch Testsysteme mithalten können. Alles andere als ein Viertelfinalduell gegen Zverev Mitte kommender Woche dürfte überraschen.