Alexander Zverev dürfte beim Turnier in Halle schmerzlich vermisst werden

Tennis | ATP Turnier in Halle - "Zverev nicht zu ersetzen"

Stand: 08.06.2022 08:27 Uhr

Das ATP-Turnier in Halle in Westfalen sollte nach den French Open der nächste Auftritt von Tennisprofi Alexander Zverev werden. Seine Sprunggelenksverletzung verhindert das. Doch in Halle hängt viel von Zverev ab. Der Turnierdirektor Ralf Weber im Interview.

Sportschau: Ralf Weber, Sie organisieren seit vielen Jahren das ATP-Turnier in Halle, kennen Alexander Zverev schon lange und wollen ihn zum Gesicht Ihres Turniers machen. Wie war das für Sie, als Zverev am Freitag umknickte?

Weber: Ich hab das natürlich live gesehen. Mit Sascha (Spitzname von Alexander Zverev, Anm. d. R.) und seinem Bruder haben wir schon sehr sehr lange eine Partnerschaft. Ich war wirklich geschockt. Als ich die Nahaufnahme gesehen habe, wie der Fuß verdreht ist und wie er geschrien hat, da hatte ich Gänsehaut. Es tut mir für ihn persönlich sehr leid. Und natürlich war mir auch klar: Wenn er jetzt aufgibt, dann ist auch sein Start für Halle gefährdet.

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Sportschau: Mit einem Sieg in Paris wäre Zverev zum ersten Mal die Nummer eins der Welt gewesen. Damit wäre sein Auftritt bei Ihrem Turnier noch wertvoller geworden ...

Weber: Das wäre natürlich nochmal ein wahnsinniger Karrieresprung gewesen. Die zweite Nummer eins nach Boris Becker – das wäre für ganz Deutschland etwas besonderes gewesen. Aber jetzt wird Daniiel Medwedew die Nummer eins der Welt werden. Und das freut mich dann natürlich auch, weil wir mit Medwedew dann trotzdem die Nummer eins der Welt in Halle dabei haben. Der hat zwar nicht so eine enge Bindung zu unserem Turnier wie Sascha, aber wir haben noch drei weitere Top-Ten Spieler da. Das heißt, wir haben nach wie vor ein starkes Teilnehmerfeld.

Turnierdirektor des ATP Turniers in Halle: Ralf Weber

Turnierdirektor des ATP Turniers in Halle: Ralf Weber

Sportschau: Was kann man so kurzfristig als Turnierdirektor überhaupt noch machen, wenn einem die Nummer eins ausfällt?

Weber: Ich hab erstmal spontan Kontakt zum Manager von Novak Djokovic aufgenommen. Man kennt sich ja in der Tennisszene, und das wollte ich wenigstens versuchen. Aber der hat mir direkt abgesagt, weil Djokovic wie fast immer vor Wimbledon Pause macht. Und ich glaube, Nadal muss ich jetzt auch nicht fragen. Der hat ja Probleme mit seinem Fuß. Also einen Ersatz auf Augenhöhe zu verpflichten ist nahezu unmöglich, und Sascha ist natürlich als Person sowieso nicht zu ersetzen.

Sportschau: Wie wichtig ist Zverev für Ihr Turnier?

Weber: Er ist unser Aushängeschild. Wir sind dabei, ihn als neues Gesicht unseres Turniers aufzubauen. Wir haben vergangenes Jahr zum zweiten Mal einen Dreijahresvertrag mit ihm gemacht, also ihn auch für 2023 und 2024 verpflichtet. Und wenn man die Nummer eins seines Turniers verliert, dann tut das schon weh. Für uns ist unglücklich, dass auch Roger Federer in diesem Jahr nicht spielt, der ja lange Zeit auch Turnierbotschafter war. Ich kann da nur auf das Verständnis der Zuschauer hoffen.

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Sportschau: Federer war in Halle ein absoluter Publikumsliebling und hat sich auch überall beliebt gemacht. Zverev gilt eher als "Bad Boy". War es schwer, ihn nach Federer als neues Gesicht zu etablieren?

Weber: Er hat sicher seine Ecken und Kanten, aber ich denke, die sportliche Entwicklung zählt. Er hat als Olympiasieger und Weltmeister schon gezeigt, dass er zu Großem in der Lage ist. Wir setzen auf ihn für die Zukunft, denn wir sind ein deutsches Turnier und wir wissen natürlich, dass die deutschen Spieler hier für unsere Zuschauer auch Priorität haben. Das ist wichtig mit Blick auf die Einschaltquoten, aber auch für unsere Sponsoren. Zverev bekommt eben viel Aufmerksamkeit in Deutschland. Und er hat auch sehr. sehr viele Fans.

Sportschau: Ist Zverev als Turnierbotschafter für Sie auch eine Chance, das Publikum zu verjüngen?

Ja, auf jeden Fall. Das ist für uns natürlich auch ein wichtiges Thema. Auch die ATP überlegt ja, wie wir Zugang zu jüngerem Publikum bekommen. Da wird natürlich unheimlich viel auch in den sozialen Medien gemacht, und es hängt teilweise eben schon von der Spielerauswahl ab, welches Publikum man erreicht.

Wir machen da auch Auswertungen und da sieht man: Die Matches von Sascha werden sehr sehr viel auf mobilen Geräten wie Tablets oder Smartphones übertragen – also gerade wohl auch von der jüngeren Generation geschaut. Die nehmen dann an den Spielen teil, auch wenn sie nicht persönlich nach Halle kommen.

Sportschau: ... und die wollen emotionale Ausbrüche, wie Zverev sie manchmal zeigt, sehen?

Weber: Ja, solche Typen prägen das Tennis. Die haben hohe Sympathien und Bekanntheitsgrad. Ich persönlich finde das eigentlich gut, wenn jemand polarisiert. Da muss nicht jeder Gentleman sein auf dem Platz. Denn Emotionen gehören ja gerade beim Sport dazu. Auch deshalb glaube ich, dass ihn viele in dieser Woche vermissen werden.

Sportschau: Würden Sie soweit gehen, zu sagen, dass der Erfolg Ihres Turniers in den nächsten Jahren eng mit dem Erfolg von Alexander Zverev zusammenhängen wird?

Weber: Da momentan ja kein Deutscher in seine Fußstapfen treten kann, glaube ich schon, dass Sascha für die Zukunft ein sehr sehr wichtiger Baustein für unser Turnier ist. Also die Frage kann ich klar mit "Ja" beantworten.

Das Interview führte Mareike Zeck.